Mutter von Aliana (†6) nimmt Gynäkologen in die Pflicht

„Hätte man mich über die Masernimpfung aufgeklärt, wäre es niemals so weit gekommen“

Aliana ist vor drei Jahren an den Spätfolgen einer Masernerkrankung gestorben.
Aliana ist vor drei Jahren an den Spätfolgen einer Masernerkrankung gestorben.
© Uwe Zucchi/dpa

14. November 2019 - 14:18 Uhr

32-Jährige verlor ihre Tochter durch fehlenden Impfschutz

Jede Mutter kennt diese Angst: dass dem eigenen Kind etwas zustoßen könnte, man es womöglich verliert und nichts dagegen tun kann. Der Schmerz allein bei dem Gedanken daran ist unerträglich. Nicht auszudenken, wie es sich anfühlt, wenn er zur Realität und das geliebte Kind wirklich aus dem Leben gerissen wird. Durch diese Hölle musste Mirella Kunzmann gehen. Die heute 32-Jährige verlor vor drei Jahren ihre Tochter Aliana, die an den Spätfolgen ihrer Masernerkrankung starb. Ein langwieriger und qualvoller Prozess für die kleine Aliana, aber auch für ihre Familie.

Im Rahmen der Impfpflicht, die im Frühjahr 2020 endlich in Kraft treten wird, kochen die Emotionen natürlich wieder hoch. Im Gespräch mit RTL.de zeigt sich die Vierfachmama kämpferisch. Doch sie nimmt die Gynäkologen in die Pflicht.

Mirella Kunzmann: Impfgegner werden trotzdem einen Weg finden

"Man hat ein bisschen das Gefühl, gewonnen zu haben." Starke Worte, denen jahrelange Bemühungen vorangegangen sind. "Wir sind damals nur aus dem Grund mit Aliana an die Öffentlichkeit gegangen, um zu erreichen, dass die Menschen sich und ihre Kinder impfen lassen. Meiner Tochter hilft es nicht mehr, aber es ist gut, dass die Impfpflicht endlich kommt."

Ab März 2020 müssen Eltern vor Aufnahme ihrer Kinder in Kitas oder Schulen nachweisen, dass diese gegen das in einigen Fällen tödliche Masernvirus immunisiert sind. Die Pflicht soll auch für Personal in Kitas und Schulen sowie für Beschäftigte in medizinischen Einrichtungen gelten. Bei Verstößen drohen künftig Bußgelder bis zu 2.500 Euro. Doch Mirella Kunzmann fürchtet, dass es die hartgesottenen Impfgegner kalt lässt und sie einen Weg finden werden, die Immunisierung ihres Kindes zu umgehen. "Eher flüchten sie ins Ausland oder zahlen die Strafe." Wenn sich aber zumindest Unentschlossene durch die Pflicht zum Arzt begeben, habe es sich gelohnt.

Aufklärung muss routinemäßig im Sprechzimmer stattfinden

Hätte Mirella Kunzmann als Kind selbst Masern gehabt oder wäre geimpft gewesen, wäre ihrer Tochter wohl nichts passiert. Doch die 27-Jährige fiel damals durchs Raster, als in den 70er und 80er Jahren zum Teil nur unzureichend geimpft wurde. Ihre Ärzte haben sie auch später als junge Frau niemals darüber aufgeklärt, wie wichtig die Dreifachimpfung Masern/Mumps/Röteln ist. "Stattdessen besorgte man mir damals nur einen teuren Röteln-Impfstoff aus dem Ausland. Von Masern war nie die Rede. Hätte man mir gesagt, wie wichtig die Impfung gegen Masern auch in Hinblick auf Schwangerschaften ist, wäre es wohl niemals so weit gekommen."

Die Kölner Gynäkologin Dr. Irmgard Zierden weiß, dass die Impfberatung bei Kollegen tatsächlich schon mal zu kurz kommt. "Eine ausführliche Aufklärung durch Ärzte/Ärztinnen ist eigentlich normal, vor allem dann, wenn Kinderwunsch besteht. Leider findet diese aus Zeitgründen nicht immer statt." Deshalb findet Mirella Kunzmann, dass eine umfassende Impfberatung dringend in die Richtlinien für Gynäkologen aufgenommen werden muss. Zudem fordert sie alle Frauen auf, sich impfen zu lassen. Denn nur Mütter, die die Antikörper im Blut haben, können ihre Säuglinge schützen. Für die kleine Aliana kommt jedoch jede Hilfe zu spät.

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Impfpflicht kommt im Frühjahr 2020

Ab März 2020 müssen Eltern vor Aufnahme ihrer Kinder in Kitas oder Schulen nachweisen, dass diese geimpft sind. Die Pflicht soll auch für Personal in Kitas und Schulen sowie für Beschäftigte in medizinischen Einrichtungen kommen. Bei Verstößen sollen Bußgelder bis zu 2.500 Euro drohen. Babys sollten erst mit elf Monaten, in Einzelfällen ab neun Monaten gegen Masern geimpft werden.

Das extrem ansteckende Masern-Virus wird durch Tröpfchen übertragen und hat dort leichtes Spiel, wo sich viele Menschen auf engem Raum aufhalten. Bei Infizierten wird das Immunsystem geschwächt, es kann zu Komplikationen wie Mittelohr- und Lungenentzündungen kommen. Eine ursächliche Therapie gibt es nicht.

Es sei keine harmlose Kinderkrankheit, betont Susanne Glasmacher, Sprecherin des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin: "Wir sehen bei 1.000 Erkrankten einen Todesfall." Jakob Maske, Berliner Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, ergänzt: "Bei Säuglingen stirbt sogar eines von 300 erkrankten Kindern."