Pro und Contra

Soll Fettleibigkeit als Krankheit anerkannt werden?

25. Juli 2019 - 16:32 Uhr

Ärzte sind sich uneinig

In England fordert eine Vielzahl von Medizinern: Erkennt Fettleibigkeit endlich als Krankheit an! Denn ihrer Meinung nach kann dem gesundheitsgefährdenden Übergewicht erst dann richtig der Kampf angesagt werden, wenn das Vorurteil abgebaut wird, dass Betroffene ganz allein an ihrer Situation schuld sind. Doch nicht alle sind von dieser Forderung überzeugt. Im Video erklären Ärzte, was für eine solche Anerkennung spricht – und was dagegen.

Fettleibigkeit: Gefährlicher als ein paar Extrakilos

Bei Adipositas, dem Fachbegriff für Fettleibigkeit, handelt es sich nicht um ein paar Extrakilos, sondern eine Vermehrung des Körperfetts, die über das Normalmaß hinausgeht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert diese über den sogenannten Body-Mass-Index (BMI). Beim Normalgewicht liegt dieser zwischen 18,5 und 24,9. Ab einem BMI von 30 wird von Adipositas gesprochen.

In Deutschland sind laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts rund 23 bis 24 Prozent davon betroffen. Die Stoffwechselerkrankung gilt als Auslöser für über 60 andere Erkrankungen – teils so gefährlich wie Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Adipositas ist keine Lifestyle-Entscheidung

Die britischen Mediziner sind der festen Überzeugung, dass die genetischen Bedingungen von Fettleibigkeit ganz klar für eine Krankheit sprechen: "Studien an Zwillingen zeigen, dass 40 bis 70 Prozent der Gewichtveränderlichkeit erblich sind", erklären Professor John Wilding (Uni Liverpool) und Vicki Mooney, Generalsekretärin der Europäischen Gesellschaft zur Untersuchung von Adipositas (EASO).

Sie setzen sich dafür ein, dass sich der Blick auf das Gesundheitsproblem in der Gesellschaft ändert, die Diskriminierung ein Ende findet und Betroffene besser behandelt werden können. "Körpergewicht, Fettverteilung und das Risiko von Komplikationen werden stark von der Biologie beeinflusst – es ist nicht die Schuld einer einzelnen Person, wenn sie Adipositas entwickelt."

„Gesetzgebung sollte Fettleibigkeit als Krankheit definieren“

Auch in Deutschland kämpfen Ärzte und Betroffene gegen die Stigmatisierung. Michael Wirtz ist Vorstandsvorsitzender des AdipositasHilfe Nord e. V. und wog 160 Kilo, bevor er durch eine Magenoperation sein Gewicht reduzieren konnte. Er fordert im Interview mit dem Medizin-Unternehmen "seca": "Die WHO hat Adipositas bereits im Jahr 2000 als chronische Krankheit definiert. Dem sollte auch die Gesetzgebung folgen. Dann wäre der Weg bereitet für eine gesicherte Versorgung und einen besseren Zugang zu präventiven Maßnahmen und Therapien."