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Abwarten, Tee trinken und hoffen, dass niemand stirbt

300 Anrufe und kein Termin! Wie mich die Impf-Hotline an den Rand der Verzweiflung bringt

300 Anrufe und immer noch kein Termin! RTL-Reporterin Lisa Siewert verzweifelt an Impf-Hotline
300 Anrufe und immer noch kein Termin! RTL-Reporterin Lisa Siewert verzweifelt an Impf-Hotline
© RTL

05. Februar 2021 - 20:56 Uhr

von RTL-Reporterin Lisa Siewert

Wie wohl Tausende Menschen in ganz Deutschland versuchte ich tagelang, über die Hotline einen Impftermin für meine Oma zu bekommen. Über 300 Anrufe brauchte ich dafür. Doch statt eines Datums hörte ich vor allem eines: Besetztzeichen und am Ende ein niederschmetterndes Gespräch. Wenn's nicht so traurig wäre, müsste man über die Aussagen fast lachen.

Der große Tag ist da - die Impfhotline in Niedersachsen geht ans Netz

Am 28. Januar hatte ich mir den Wecker extra früh gestellt. Schließlich sollte an diesem Morgen ab 8 Uhr die Hotline für die Corona-Impftermine in Niedersachsen erreichbar sein. Alternativ sollte man auch über eine Website Uhrzeiten buchen können. Meine Großmutter ist 82 Jahre alt und hatte einen Tag zuvor endlich einen Brief erhalten, sie gehöre zur höchsten Risikogruppe und dürfte sich bei der Hotline für einen Termin melden.

Ich bot wie viele Angehörige an, das Anrufen zu übernehmen. Klar, es hieß von Anfang an, die Leitungen könnten schnell überlastet sein. Die Website schmierte tatsächlich pünktlich drei Minuten nach 8 Uhr ab und wahlweise bekam ich bei der Nummer die Ansage: Anruf fehlgeschlagen, kein Anschluss oder ein Besetztzeichen. Gleichzeitig stiegen mein Partner und meine Mutter in die Anruf-Arie mit ein. Erfolglos. Allein an diesem Tag haben wir gemeinsam fast 200 Mal versucht, jemanden zu erreichen. Doch nicht für uns gab´s an diesem Tag keinen Impftermin, stattdessen Chaos und Eingeständnisse der niedersächsischen Landesregierung, man sei der Flut an Anfragen technisch nicht gewachsen.

Eine Woche später - und plötzlich ist da eine Stimme am anderen Ende der Leitung!

Meine Großeltern sind zum Glück typisch norddeutsch: "Da kann man wohl nix machen, Deern" resignierte mein Großvater – der übrigens mit 78 noch kein Recht auf einen Impftermin hat. Von da an versuchten wir es täglich immer wieder. Mein Großvater rief sogar mehrmals beim Bürgertelefon an. Doch hier gab es nur Entschuldigungen. Es sei außerdem für den entsprechenden Landkreis gar nicht klar, wann überhaupt mal Impfstoff geliefert werde.

Eine Woche nach dem Start der Impfhotline kochte ich mir Nachmittags einen Kaffee und startete mal wieder einen neuen Versuch. Anrufen, auflegen, anrufen, auflegen. 69 Mal dudelte das unerbittliche Besetztzeichen. Bei Anruf Nummer 70 schaffte ich es dann ins nächste Level. Auf einmal eine Ansage: "Unsere Mitarbeiter sind im Gespräch, bitte haben Sie Geduld...oder rufen Sie, wenn Sie nicht warten wollen, später noch einmal an". "Auf keinen Fall" dachte ich mir – so leicht werden die mich jetzt nicht wieder los. Nach weiteren 10 Minuten dann auf einmal: Eine echte menschliche Stimme. Sogar ne ganz nette. Ich war außer mir vor Freude! "Sie glauben gar nicht, wie froh ich bin, Sie zu sprechen...wobei das haben Sie sicher schon öfter gehört?" Ich war so froh – jetzt wird alles gut, dachte ich. Von wegen! Falsch gedacht.

Das große ABER

Ich quasselte fröhlich die gewünschten Daten runter. Meine Großeltern seien zu jeder Tageszeit bereit zum Termin zu kommen, versicherte ich. Wobei ich wusste: Das wird denen nicht gefallen, schließlich sind meine alten Herrschaften wohl die Einzigen, die auch wochentags gerne mal bis Mittags schlafen. Aber gut, wer überleben will, der muss Wecker stellen.

"Wie wollen Sie denn informiert werden – Email, Brief oder SMS?" Klar, eine SMS, antwortete ich. Nachdem ich dreimal meine Handynummer wiederholt hatte (ich hatte einfach zu große Panik vor einem Zahlendreher) waren wir schon bei der Verabschiedung, als mir noch eine – entscheidende- Frage einfiel. "Wann kann man denn ungefähr mit der SMS rechnen?". "In ein paar Wochen". Ah alles klar. Moment – in ein paar Wochen? Mein Herz schlug mir auf einmal bis zum Hals, aber ich versuchte ruhig zu bleiben. "Also ich wiederhole das noch mal, habe ich das richtig verstanden, dass die SMS mit dem Termin erst in eine paar Wochen kommt?" "Ja genau." Auf meinen Hinweis, dass das aber ne ziemlich lange Zeit sei, hörte ich, dass die freundliche Stimme wusste, dass das freundliche Telefonat jetzt vorbei sei. "Ja das ist sehr kritisch, das dauert leider alles – aber Sie können ja nächste Woche noch mal anrufen, und sich noch mal erkundigen."

Ich merkte, dass ich ein wenig die Fassung verlor. Aber was sollte ich den armen Kerl da jetzt anschnauzen? Stattdessen sagte ich: "Ich denke, Ihnen wäre es auch lieber gewesen, die EU hätte mehr Impfstoff eingekauft, oder?" Beklemmendes Schweigen. "Rufen Sie nächste Woche noch mal an, wenn Sie nichts von uns gehört haben." Wir legten auf. Mein Handy war inzwischen ganz heiß geworden und mein Ohr auch. Von einem Arbeitskollegen erfuhr ich später, dass seine Großmutter Mitte Januar in NRW bei der Hotline durchgekommen sei, und nun einen Termin für April habe.

Abwarten, Tee trinken und hoffen, dass niemand stirbt

Bislang war ich ziemlich konform mit dem, was die deutsche Regierung oder die EU umgesetzt haben. Ich war immer der Typ: Die wissen schon, was sie machen. In Deutschland läuft es doch so gut. Und im Prinzip ändert sich auch daran nicht viel. Doch bei der Logistik des Impfens merke ich das erste Mal Zweifel oder dass ich tatsächlich beginne, direkten Groll zu hegen. Hier geht´s ja um meine Oma. Die scheinbare Fehlplanung der Regierung beim Einkaufen der Impfstoffe, die gefühlte Unfähigkeit der Länder, die Terminvergabe schneller und effektiver zu gestalten.

Vergangene Woche habe ich im Impfzentrum Bremen gedreht. Ich weiß, dass hier kein Impfstoff verschwendet wird, alle Mitarbeiter ihr Bestes geben. Dass sich hier alle wünschen, man müsste nicht von Tag zu Tag planen. Das macht niemand mit Absicht. Und trotzdem macht es mich sauer. Ich will nicht noch mal nächste Woche 70 Mal anrufen müssen. Und was machen eigentlich die Menschen, die keine Kinder oder Enkel haben? Was machen die Menschen, die keine Zeit mehr haben?

Ich musste mich an diesem Tag kurz sammeln, dann rief ich meinen Opa an. "Du Opa, also ich bin durchgekommen, bei der Hotline" – "Ach schau an, das ist ja toll!". Ich merkte, dass ich es leid war, meinen Großeltern schlechte Nachrichten zu überbringen. Dass ich nicht kommen kann, nein, auch nicht an den Geburtstagen. Dass ich mich nicht traue, Oma zu umarmen. Dass ich langsam Panik bekomme, weil ich nicht weiß, wie viel Zeit wir haben, um alles nachzuholen. "Also sie ist auf so 'ner Warteliste und die melden sich bei mir. Das wird wohl einige Wochen dauern." Mein Opa versuchte, das zu machen, was er immer macht: ruhig bleiben. Aber ich glaubte, Enttäuschung zu hören. "Tja Deern, da kann man nix machen. Aber danke dir."

Da kann man scheinbar tatsächlich gar nix machen. Und das macht nicht nur mich, sondern sicherlich viele andere Angehörige in den Telefonleitungen unfassbar traurig.

LESE-TIPP: Impf-Chaos in NRW: Wie ich an einen Termin für meine Großeltern kam – RTL-Reporterin erzählt

LESE-TIPP: Unter welcher Nummer Sie in Ihrem Bundesland die Impf-Hotline erreichen, erfahren Sie hier.

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