Erster WM-Titel vor 25 Jahren

13. November 1994, Schumacher gegen Hill: Das Formel-1-Drama von Adelaide

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14. November 2019 - 11:10 Uhr

Von Martin Armbruster

Am 13. November 1994 steht ein junger Mann am Zaun des Adelaide Street Circuit – und ist fertig mit der Welt. Seit dem ersten Saisonrennen hat er die Formel-1-WM angeführt. Jetzt aber, im letzten Rennen der Saison, ist der Titel mit einem Schlag futsch. Stecken geblieben im Reifenstapel, in den er seinen Benetton-Ford eben versenkt hat. Da steht er nun am Streckenrand. Starrt mit leeren Augen auf die Ecke, um die jede Sekunde sein großer Rivale Damon Hill biegen muss. Doch der Brite kommt nicht. Und kommt nicht. Kommt auch nach Minuten nicht. Da dämmert es der traurigen Rennfahrergestalt. Ein Fan ruft ihm die erlösende Botschaft zu. "Du bist Weltmeister!" Du, Michael Schumacher. Heute. Vor 25 Jahren. Zum ersten Mal.

Das WM-Duell sollte eigentlich Senna vs. Schumacher heißen

Ein Hitchcock ist eine Packung Valium verglichen mit dem Herzschlagfinale, das sich vor einem Vierteljahrhundert Down Under abspielt. Dabei ist das Drama um Schumacher und Hill im großen Formel-1-Drehbuch gar nicht vorgesehen.

Schumacher, das damals 25-jährige Supertalent, soll eigentlich den großen Ayrton Senna herausfordern, der 1994 nach einigen Frust-Jahren bei McLaren endlich im besten Auto sitzt – dem Williams-Renault. Junger Emporkömmling gegen dreimaligen Champion. Prinz gegen König. Ungeschliffener Kerpener gegen brasilianischen Rennfahrer-Philosophen. Nicht nur F1-Zampano Bernie Ecclestone reibt sich die Hände. Auch die Motorsport-Fans sind heiß auf den Zweikampf.

Hill: "Schumacher machte mich klein"

Es kommt anders. Senna schießt beim dritten Saisonrennen in Imola mit seinem Williams in die Mauer und stirbt. Tags zuvor hat schon der Österreicher Roland Ratzenberger auf der tückischen Piste sein Leben verloren. Es ist das schwärzeste Wochenende der Formel-1-Geschichte. Nach Imola ist alles anders.

Das gilt, so zynisch es klingen mag, auch für die Fahrer-WM. Wer soll Schumacher, der die ersten vier Rennen gewinnt, überhaupt stoppen, wo Senna nicht mehr da ist? Sennas Williams-Adjutant Damon Hill traut kaum einer zu, den eiskalten Schumacher mit dem "extremen Killerinstinkt" (so Gerhard Berger) zu gefährden. Hill inklusive.

"Ich war nicht so zuversichtlich wie Michael. Ich hatte meine Position geerbt, weil Ayrton Senna gestorben war. Ich fühlte mich, als sollte ich nicht da sein. Es sollte Ayrton sein. Michael war politisch sehr geschickt darin, die Gefahr durch mich herunterzuspielen und mich wegen meinen Mangels an Selbstvertrauen klein zu machen", erinnert sich der heute 59-Jährige im Interview mit RTL.

Disqualifikationen machen WM zum Thriller

Klein macht Schumacher seinen Kontrahenten zunächst aber vor allem auf der Strecke. Der Deutsche gewinnt sechs der ersten sieben Rennen, liegt in der WM zur Saisonmitte haushoch in Führung. Dann aber fängt Schumachers Vorsprung an zu schmilzen.

In Silverstone ignoriert er auf Anweisung seines Benetton-Teams eine schwarze Flagge. Disqualifikation, zwei Rennen Sperre. In Spa monieren die Regelwächter am Benetton einen zu dünnen Unterboden. Wieder Disqualifikation. So holt Hill auf. Punkt um Punkt.

Beim vorletzten Rennen in Japan läuft der Sohn von Rennfahrer-Legende Graham Hill schließlich zur ganz großen Form auf. In den Fluten von Suzuka besiegt der Engländer 'Regengott' Schumacher und verhindert dessen vorzeitigen Titelgewinn.

Showdown Down Under

Vor dem Finale in Australien liegt Schumacher nur noch ein Pünktchen vor seinem Rivalen. Was den Deutschen mächtig wurmt. Unter normalen Umständen wäre er längst Weltmeister. Normal aber ist 1994 nichts.

Also greift Schumacher in die Psycho-Kiste. "Hill? Ayrton Senna wäre Kreise um ihn gefahren – und die WM wäre längst entschieden", spottet der Deutsche vor dem ultimativen Showdown. Es sind Sätze wie diese, die Hill mit "klein machen" meint. Schumacher beherrscht nicht nur den bockigsten Boliden – er versteht es auch, einen Gegner mental zu 'fressen'. Der unterschätzte Hill bleibt in Adelaide aber britisch cool. Stattdessen scheint es, als verliere Schumacher plötzlich die Nerven.

Deutschland zittert mit Schumi

ARCHIV - Beim Saisonfinale der Formel 1 am 13.11.1994 im australischen Adelaide liefern sich die beiden Titelanwärter Michael Schumacher von Benetton-Ford (vorn) und Damon Hill von Williams-Renault vom Start weg einen erbitterten Kampf. Schumacher be
Schumacher vor Hill - der WM-Thriller steuert auf seinen Höhepunkt zu
© dpa, Melchert Harry

Am Freitag kracht Schumacher mit seinem Benetton in die Wand, muss sich im Qualifying mit Rang 2 begnügen. Auf die Pole Position schafft es aber auch Hill nicht. Ex-Champion Nigel Mansell, für die letzten Rennen von Williams als Hill-Hilfe verpflichtet, funkt im Titelkampf dazwischen.

Als in Adelaide die Ampel auf Grün springt, ist Mansell allerdings fix Geschichte. Schumacher geht sofort in Führung, Hill rast vor auf 2. Die WM-Entscheidung fällt auf der Strecke. Mann gegen Mann.

Zunächst sieht es so aus, als habe Schumacher die Sache im Griff. Aber: Der Williams-Pilot wird stärker, robbt sich Runde für Runde an seinen Rivalen heran. In Deutschland, wo nachts Millionen RTL eingeschaltet haben, geht das große Zittern los. Zittern mit 'unserem' Schumi.

Crash, Radaufhängung, Zaun - Titel

5.19 Uhr zeigt die Uhr in Mitteleuropa, als das WM-Drama 1994 den Höhepunkt erreicht: Von Hill gejagt, verliert Schumacher in einer Linkskurve die Kontrolle, kommt vom Kurs ab und schlittert seitlich in die Mauer. "Jetzt ist der Titel zum Teufel!", fährt es dem Benetton-Piloten durch den Kopf.

Doch Schumacher gibt nicht auf. Er schmeißt seinen Boliden zurück auf die Strecke, genau vor Hills Schnauze. Der wittert im folgenden Rechtsknick seine Chance und sticht in die Lücke, die sein Kontrahent offen lässt. Kollision!​

Die Entscheidung im WM-Finale 1994: Michael Schumacher wird bei der Kollision mit Damon Hill ausgehebelt, die rechte Spurstange des Briten geht bei dem Crash kaputt
Die Entscheidung im WM-Finale 1994: Michael Schumacher wird bei der Kollision mit Damon Hill ausgehebelt, die rechte Spurstange des Briten geht bei dem Crash kaputt
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Schumacher rumpelt mit seinem rechten Hinterrad über Hills linken Vorderreifen und schanzt nach oben. Fast kippt der Benetton um. Als er geradeaus in den Reifenstapel rauscht, ist Schumacher nur noch Passagier. Aus vorbei. Streckenzaun statt WM-Pokal.

Hill fährt weiter – kommt jedoch nur bis zur Williams-Garage. Seine linke Vorderradaufhängung ist durch den Crash angeknackst. Mit flehenden Augen schaut er seine Mechaniker an. Nix zu machen. Weiterfahren wäre lebensgefährlich. Hill steigt aus. Es dauert nicht lange, bis die Botschaft ein paar Meter Luftlinie weiter am Zaun ankommt. Schumachers Jubel ist grenzenlos.

Die Michael-Schumacher-Story - Mittwoch, 13. November, ab 20.15 Uhr bei RTL und ab 21.15 Uhr abrufbar bei TVNOW