Jugendzeitschrift prägte ganze GenerationenStarschnitt, Dr. Sommer und Skandale! Warum die Bravo auch nach 70 Jahren noch Kult ist

Bravo-Ausgabe aus dem Jahr 2013
Die Bravo war für Millionen von Teenagern ein wichtiges Sprachrohr in Sachen Mode, Musik und Sex
picture-alliance/ dpa | Bravo

Kaum ein Magazin ist so sehr ein Stück eigene Biografie wie die Bravo!
Es war das heimliche Fenster zur Welt, der Ratgeber für die erste Liebe und der Grund für unzählige Diskussionen am Küchentisch. Am 26. August 1956 kam die erste Ausgabe der Bravo an den Kiosk und prägte wie keine andere Zeitschrift ganze Generationen. Zum 70. Jubiläum blicken wir auf ein Phänomen zurück, das aus Postern, Popstars und pikanter Aufklärung einen bis heute unvergessenen Kult schuf.

70 Jahre Bravo: Mit Marilyn Monroe fing alles an

Wer in den 80er- oder 90er-Jahren aufwuchs, kennt das Gefühl: das Taschengeld zusammenkratzen, zum Kiosk rennen und das Heft dann verschlingen, als wäre es ein geheimes Dokument. Die Poster wurden zu Trophäen an der Raufasertapete, die Foto-Love-Storys sorgten für Gekicher mit der besten Freundin und die Dr.-Sommer-Seiten wurden heimlich unter der Bettdecke gelesen. Von den Eltern oft verpönt, war die „Bravo“ für Millionen Teenager das wichtigste Sprachrohr in Sachen Stars, Trends und die alles entscheidenden Fragen des Erwachsenwerdens.

30.000 Exemplare, 50 Pfennig und Marilyn Monroe auf dem Cover: Als am 26. August 1956 die erste Bravo erschien, ahnte wohl niemand, welche Erfolgsgeschichte gerade begann. Damals trug das Heft noch den Untertitel „Zeitschrift für Film und Fernsehen“. 1966 verkaufte das Magazin erstmals mehr als eine Million Exemplare. Den Rekord erreicht die Bravo laut NDR nach der Wiedervereinigung: 1991 werden 1,58 Millionen Hefte verkauft.

Die undatierte Aufnahme zeigt die Titelseite der ersten Bravo vom 26.08.1956
Die erste Bravo mit Marilyn Monroe auf dem Cover erschien am 26. August 1956
picture alliance / dpa | Bauer Media Group

Die Jugendzeitschrift war das analoge Instagram ihrer Zeit. Sie versprach eine besondere Nähe zu den Idolen, die sonst unerreichbar schienen. Elvis Presley, die Beatles und später Michael Jackson, Nena, die Backstreet Boys, Britney Spears oder Tokio Hotel: Wer als Teenager wissen wollte, was bei seinen Idolen passierte, kam an der Bravo jahrzehntelang kaum vorbei. Der Einfluss war so gewaltig, dass die Zeitschrift Karrieren anschieben und Plattenverkäufe in die Höhe schnellen lassen konnte.

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Besonders in den 1990er-Jahren war diese Macht enorm. Laut Tagesschau erreichte die Bravo damals durch das Weiterreichen der Hefte zeitweise bis zu sechs Millionen junge Menschen pro Woche.

Vom Otto-Gewinner zum Poster an der Wand

Einmal im Jahr fieberten alle dem Bravo-Otto entgegen, dem begehrten Leserpreis, der zeigte, wer wirklich angesagt war. Seit den Anfangsjahren wählten die Leser ihre Lieblingsstars und verliehen ihnen die begehrte Trophäe in Gold, Silber oder Bronze. Bereits 1957 wurden die ersten Ottos an Maria Schell und James Dean vergeben, später an Legenden wie Michael Jackson und Bon Jovi.

Howie Dorough, Kevin Richardson, Nick Carter
Howie Dorough, Kevin Richardson und Nick Carter im Februar 1997 mit ihren Bravo-Ottos
picture alliance / Fryderyk Gabowicz

Doch nichts verkörpert den Starkult so sehr wie der legendäre Starschnitt. Ab 1959 konnten sich die Fans ihre Idole in Lebensgröße ins Jugendzimmer holen, Teil für Teil, Heft für Heft. Den Anfang machte Brigitte Bardot, später folgten unzählige weitere Stars. Für den Starschnitt der Village People mussten Fans ganze 25 Ausgaben kaufen, um alle 53 Teile zusammenzusetzen – ein cleverer Schachzug zur Leserbindung und ein bis heute ungeschlagener Rekord. Von Elvis über Nena bis zu den Backstreet Boys zogen auf diese Weise Generationen von Stars in deutsche Jugendzimmer ein.

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Herzschmerz in Bildern: Die Foto-Love-Story

„Birgits erste Liebe“ machte 1972 den Anfang einer Kult-Rubrik, die das Teenagerleben perfekt widerspiegelte: die Foto-Love-Story. In inszenierten Bildgeschichten ging es um die erste große Liebe, Eifersucht, geheime Schwärmereien und Herzschmerz. All die anderen Dramen, die sich mit 14 Jahren noch wie das Ende der Welt anfühlen können. Für viele Jugendliche waren diese Geschichten, über die man gemeinsam kichern konnte, der erste, unschuldige Kontakt mit den Irrungen und Wirrungen der Liebe – lange bevor man selbst mittendrin steckte.

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Aufklärer der Nation: Das Phänomen Dr. Sommer

Keine Rubrik war so berühmt-berüchtigt wie Dr. Sommer. Seit 1969 beantwortete die Kunstfigur Dr. Jochen Sommer die intimsten Fragen der Jugend zu Körper, Liebe und Sexualität. In einer Zeit, in der darüber zu Hause oft geschwiegen wurde, brach die „Bravo“ Tabus und leistete echte Aufklärungsarbeit. Fragen wie „Was ist Petting?“ oder „Mit 15 noch zu unreif?“ wurden offen beantwortet.

Die undatierte Aufnahme zeigt eine Doppelseite der Bravo mit der Rubrik „Dr. Sommer”
Dr. Sommer sprach offen aus, was Eltern lieber verschwiegen
picture alliance / dpa

Doch diese neue Offenheit missfiel vielen Eltern, die oftmals die entsprechenden Seiten aus dem Heft rissen. Die Bravo geriet sogar ins Visier der Bundesprüfstelle, die 1972 zwei Artikel über Selbstbefriedigung als jugendgefährdend einstufte. Aber der Erfolg gab den Machern recht: Dr. Sommer wurde zu einer Institution und half, Sexualität zu enttabuisieren. Die Rubrik schaffte etwas, das damals alles andere als selbstverständlich war: Jugendliche wurden mit ihren intimen Fragen ernst genommen. Weil immer mehr davon eintrafen, wurde aus Dr. Sommer schließlich ein ganzes Beratungsteam.

Zwischen Inszenierung und fragwürdigen Tipps

Doch bei aller Nostalgie hatte die glitzernde „Bravo“-Welt auch ihre Schattenseiten. Was damals selbstverständlich erschien, wirkt heute teilweise befremdlich. Alte Ausgaben zeigten oft ein sehr starres Bild davon, wie Mädchen und Jungen aussehen oder sich verhalten sollen. Dazu kamen sexualisierte Darstellungen und sehr private Fragen an teilweise noch minderjährige Stars.

Vieles, was damals gedruckt wurde, würde heute für einen Sturm der Entrüstung sorgen. Geschichten wurden zugespitzt, Rivalitäten zwischen Fangruppen künstlich geschürt und die Realität der Stars oft passend für die jugendliche Zielgruppe inszeniert. So blieb etwa die Homosexualität von Boyband-Sänger Eloy de Jong auf Druck von Management und Industrie lange geheim.

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Auch Sängerin Jasmin Wagner, in den 90ern als „Blümchen“ ein Teenie-Idol, sieht Formulierungen wie „Blümchens Knospen blühen“ mittlerweile kritisch und spricht von „widerlichen Formulierungen“. Für heftige Diskussionen sorgte 2015 der Artikel „100 Tipps für eine Hammerausstrahlung“, weil er aus heutiger Sicht ein überholtes Frauenbild transportiert.

Streaming Tipp

Darum hat die Bravo bis heute Kultstatus

Die goldenen Zeiten des gedruckten Hefts sind längst vorbei. Wo früher die neueste Ausgabe durch die Schulklasse wanderte, scrollen Jugendliche heute durch TikTok, Instagram und YouTube. Im ersten Quartal 2026 lag die verkaufte Auflage laut NDR nur noch bei 43.363 Exemplaren. Die Marke setzt deshalb längst verstärkt auf digitale Kanäle.

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Der Kult aber ist geblieben. Denn für Millionen Menschen war die Bravo nicht einfach nur eine Zeitschrift. Sie hing als Starschnitt an der Wand, lag heimlich unter dem Bett und beantwortete Fragen, die man sich sonst kaum zu stellen traute. Sie machte Stars groß, setzte Trends und lieferte Woche für Woche Gesprächsstoff für den Schulhof.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum Dr. Sommer, Foto-Love-Story, Bravo-Otto und Starschnitt selbst 70 Jahre nach der ersten Ausgabe noch so viele Erinnerungen auslösen: Die Bravo war mehr als nur ein Heft – sie war ein Lebensgefühl. Sie berichtete nicht nur über die Jugendkultur, sie wurde selbst ein Teil davon.

Verwendete Quellen: Tagesschau, NDR, MDR, Abomix