Aufklärung für Jugendliche

50 Jahre „Dr. Sommer": Verrückte Fakten zur Bravo-Legende

© dpa, A3817 Tobias Hase

21. Oktober 2019 - 11:30 Uhr

Ein halbes Jahrhundert Aufklärung in der Bravo

Generationen von Jugendlichen hat Dr. Sommer begleitet - und nahezu alle wichtigen Fragen rund um das Thema Sexualität beantwortet. Ein Klassiker: "Besteht die Gefahr, dass ich vom Sperma im Wasser schwanger werden kann?" Die Aufklärungs-Rubrik aus der Teenie-Zeitschrift Bravo ist jetzt 50 Jahre alt geworden.

Der erste Dr. Sommer hieß in echt Dr. Goldstein

Dr. Martin Goldstein, der in der Jugendzeitschrift "Bravo" als Doktor Sommer fungierte, blättert in seinem Haus in Kaarst bei Düsseldorf in einer "Bravo"-Ausgabe.
Der Psychotherapeut Dr. Martin Goldstein war der erste Jugendberater der Bravo unter dem Synonym „Dr. Sommer".
© dpa, A3512 Roland Weihrauch

Am 20. Oktober 1969 war die Rubrik zum ersten Mal in der Bravo zu lesen, die seit 50 Jahren eine Kultzeitschrift und ein Muss auf dem Schulhof ist. "Sexualaufklärung für Jugendliche war ein absolutes Novum zu der damaligen Zeit", so der Bauer Verlag, der die Bravo herausgibt. Die Rubrik habe sich schnell zu einer der beliebtesten im Heft entwickelt und "Millionen Teenagern beratend zur Seite" gestanden.

Erster "Dr. Sommer" war 1969 der Düsseldorfer Psychotherapeut Martin Goldstein. 15 Jahre lang leitete Goldstein die Rubrik, die bis 1984 "Was uns bewegt" hieß und auch den ein oder anderen Skandal hervorbrachte. Allein im Jahr 1972 landete die Bravo wegen Dr. Sommer zweimal auf den Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften.

Heute gibt es "den Dr. Sommer" zwar nicht mehr. Ein dreiköpfiges Team nimmt sich aber jetzt der Fragen pubertierender Jugendlicher an - und die haben sich kaum geändert. "Immer wieder kommen Fragen zum eigenen Körper: Sind meine Brüste normal? Ist mein Penis zu klein? Hinzu kommt alles, was mit der ersten Liebe zu tun hat: Wie merke ich, dass ein Junge oder ein Mädchen auf mich steht? Was kann ich gegen Liebeskummer tun? Wann ist der richtige Zeitpunkt für das erste Mal? Und wie verhüte ich dann am besten?", sagt der Sozialpädagoge Klaus Mauder vom "Dr. Sommer"-Team. Und was hat sich in den letzten 50 Jahren sonst verändert?

Sozialpädagoge Klaus Mauder vom „Dr. Sommer"-Team beantwortet die wichtigsten Fragen zu Dr. Sommer

Sexuelle Inhalte sind heute viel leichter zugänglich als noch vor einigen Jahrzehnten. Führt das dazu, dass die Jugendlichen früher aufgeklärt sind - oder verunsichert es eher?

Ich denke, das trifft beides zu. Dank des Internets kennen sich viele Teenager mit Verhütung und Co. gut aus, sind aufgeklärt und informiert, aber auch verunsichert – und zwar immer dann, wenn es um sie persönlich geht, um ihre Fragen, um ihre Pubertät. Die können sie oft schwer ergoogeln. Denn wann ist denn nicht für irgendwen, sondern für mich persönlich der richtige Zeitpunkt für das erste Mal? Dazu kommt, dass Inhalte im Internet zum Thema Sexualität oft nicht altersgerecht aufbereitet sind. Vieles verwirrt dann eher, als dass es für Aufklärung sorgt.

Gilt das auch für Pornos?

Der frühe und leichte Zugang zu Online-Pornos hat schon Einfluss auf die Jugendlichen. Wir haben das in einer "Dr. Sommer"-Studie erhoben: Die Hälfte der 15-jährigen Jungen und ein Drittel der gleichaltrigen Mädchen haben schon Pornos gesehen. Wir stellen fest, dass das die Sprache verändert, sie wird viel härter und direkter. Und es verändert den Druck auf die Jugendlichen. Aber ich möchte sie auch verteidigen: Viele sind in der Lage, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden. Es ist nicht so, dass jeder, der Pornos sieht, denkt, dass Sexualität im echten Leben so abläuft. Je besser Jugendliche in ihrer sexuellen Entwicklung begleitet werden, je mehr sie über Sexualität wissen, desto besser gelingt die Unterscheidung. Jugendliche, die sehr wenige Infos haben, sind für Pornografie anfälliger.

Sind Jugendliche heute früher sexuell aktiv?

Das ist absolut verblüffend, aber: nein. 47 Prozent der Jugendlichen haben mit 17 Jahren zum ersten Mal Sex. Bei dem Ergebnis in unserer Studie war ich selbst überrascht. Die Jugendlichen lassen sich sehr viel Zeit mit dem Sex, da ist viel Zurückhaltung. Das widerspricht dem Klischee.

Wie viele Zuschriften erhalten Sie denn noch?

Uns erreichen etwa 200 bis 250 telefonische und schriftliche Anfragen in der Woche. In den Anfangszeiten konnte man noch von einer ganz anderen Anzahl berichten. Da waren es tatsächlich Tausende Briefe, die pro Woche eingegangen sind. Die altbekannten Briefe von früher gibt es natürlich nicht mehr. Uns erreichen E-Mails, und wir haben dreimal in der Woche eine Telefonhotline eingerichtet. Bravo ist auch bei Instagram, bei Facebook, auf Youtube, und wir bieten Podcasts an. Auf dem Dr. Sommer-Channel auf bravo.de finden die Jugendlichen Antworten auf fast alle Fragen rund um das Thema Sex. Zudem können sie sich mit persönlichen Fragen an unser Expertenteam und die Community wenden.


Quelle: DPA/RTL.de/ntv.de