Schwimm-EM„Unglaubliches Rennen“: Liebmann feiert Gold und Weltrekord

Was ist mit diesem Johannes Liebmann los? Der 19-Jährige lässt seinem Titel über 800 Meter eine weitere Goldmedaille folgen. Über 1500 Meter schwimmt er in Paris so schnell wie niemand vor ihm.
Johannes Liebmann konnte es selbst kaum glauben, Olympiasieger und Teamkollege Florian Wellbrock adelte die famose Leistung mit Fabel-Weltrekord aus dem fernen Kalifornien. Liebmann krönte sich zum Europameister über 1500 Meter Freistil und pulverisierte in 14:26,79 Minuten wie nebenbei den Weltrekord. „Mega, mega glücklich“ sei er, sagte der 19-Jährige.
Als er sein Wahnsinns-Rennen vollbracht hatte, schwang sich Liebmann auf die Leine, breitete beide Arme aus und fasste sich fassungslos an den Kopf. „Besser hätte es nicht laufen können. Die Zeit ist unglaublich schnell. Mit der hätte ich auch nicht gerechnet“, sagte Liebmann. „Was genau in mir vorgeht, weiß ich selbst noch nicht genau.“
Wellbrock gratulierte aus dem USA-Urlaub via Instagram. „Man weiß gar nicht was man dazu sagen soll außer: WOW“, schrieb er. „Das war kein Sport, das war Kunst.“
Liebmann war fast vier Sekunden schneller als der US-Amerikaner Bobby Finke bei seiner Bestmarke vor zwei Jahren bei den Olympischen Spielen. Teamkollege und Bronzegewinner Oliver Klemet nahm Liebmann noch im Wasser herzlich in den Arm. Als sich die beiden gerade auf ihre Siegerehrung vorbereiteten, schwamm die Mixed-Staffel über 4x200 Meter Freistil zu Silber und bescherte dem deutschen Team einen glänzenden Tagesabschluss.
Liebmann hebt nicht ab: „Nur eine persönliche Bestzeit“
„Ich wusste, dass ich schnell schwimmen kann. Ich wollte schnell angehen, ich wusste, dass es weh tun wird. Aber am Ende die Zeit zu sehen, war noch mal etwas ganz anderes“, sagte Liebmann und betrieb Understatement: „Eigentlich ist es nur eine persönliche Bestzeit. Ich weiß auch nicht, ob ich noch mal an diese Zeit rankommen kann.“ Gefeiert wird erst nach der Saison, kündigte der neue Weltrekordler an.
Für Liebmann ist es bei seiner ersten EM in der Eliteklasse auf der Langbahn bereits der zweite Titel. Der Jungstar hatte auch über 800 Meter Freistil gewonnen. „Es war ein unglaubliches Rennen von Johannes. So eine Zeit kann man nicht planen, aber die Richtung nach dem Europarekord über 800 Meter war schon klar. Mit einer Medaille hatten wir deshalb gerechnet“, sagte Sportdirektor Christian Hansmann im ZDF.
Die Zuschauer erheben sich
Auf der längsten Beckendistanz ging Liebmann das Rennen von Beginn an sehr schnell an. Früh setzte sich der Norddeutsche mit dem Ungarn Zalan Sarkany an die Spitze. Lange konnte der Silbergewinner das Tempo Liebmanns jedoch nicht mitgehen. „Das ist ein ganz spezielles Rennen“, rief der Hallensprecher schon nach gut 700 Metern begeistert und hatte recht. Mit riesigem Vorsprung schwamm Liebmann Gold und einer Fabelzeit entgegen. Für die letzten Bahnen erhob sich das begeisterte Publikum im Centre Aquatique Olympique und schrie Liebmann nach vorne.
Seine Entwicklung ist beeindruckend und unglaublich schnell. Mit dem Europarekord auf der 800-Meter-Strecke im April fiel Liebmann erstmals einer breiteren Schwimm-Fangemeinde auf. Am Mittwoch folgte der EM-Sieg über 800 Meter, erneut in europäischer Rekordzeit. „Wir müssen jetzt alle arbeiten, dass wir wieder an ihn rankommen“, sagte Sven Schwarz, der in jenem Rennen Silber holte.
Das scheint eine immer schwierigere Aufgabe zu werden. Die Souveränität, die Liebmann im und neben dem Becken ausstrahlt, dürfte für die Konkurrenz beängstigend sein.
Mit 16 nach Magdeburg
Liebmanns Leistungssprung ist eng mit Bundestrainer Bernd Berkhahn verknüpft. Mit 16 wechselte Liebmann aus Elmshorn nach Magdeburg. Langstrecken-Experte Berkhahn hat dort schon Wellbrock und Lukas Märtens zu Olympiasiegern geformt. Auch Klemet trainiert dort.
Der 24-Jährige hatte im Freiwasser bereits zweimal Edelmetall geholt. Klemet gewann beim Sieg von Teamkollege Wellbrock Bronze über die olympischen zehn Kilometer und Gold mit der Mixed-Staffel. Im Becken war es für ihn über 800 Meter nicht gut gelaufen. Klemet hatte das Finale verpasst. Nun zeigte er, was er auch in der Halle drauf hat.
Märtens kann etwas Besonderes schaffen
Schon vor ihm und Liebmann hatte Melvin Imoudu seine Podestchance. Der Brustschwimmer belegte in 26,87 Sekunden beim Sieg des Italieners Nicolò Martinenghi über 50 Meter aber Platz sechs. Imoudu schlug nach 26,87 Sekunden an. Der 27-Jährige hält in 26,57 Sekunden den deutschen Rekord. Genau das war Martinenghis Gold-Zeit.
Besser lief es für die Staffel. Märtens, Jarno Bäschnitt, Linda Roth und Maya Tobehn schwammen in 7:25,43 Minuten auf Rang zwei. Gold sicherten sich mit 1,3 Sekunden Vorsprung die favorisierten Briten. Bronze ging an die Russen, die als Neutrale Athleten 2,22 Sekunden hinter den Siegern ins Ziel kamen.
Das deutsche Quartett hatte sich am Vormittag als drittschnellstes Team für den Endlauf qualifiziert. Da schwammen noch Timo Sorgius und Nicole Mayer. Für das Finale wurden sie für Märtens und Roth ausgetauscht.
Am letzten EM-Tag richtet sich der Fokus noch einmal auf Liebmann - und Märtens. Beide starten - wie auch Klemet und Schwarz - über 400 Meter Freistil. Der 24 Jahre alte Märtens ist auf seiner Paradestrecke der Favorit. Gewinnt er, wäre Märtens gleichzeitig Europameister, aktueller Weltmeister, Olympiasieger und Weltrekordhalter. Bei den Frauen startet unter anderem Isabel Gose, die bei dieser EM schon zweimal Silber im Becken geholt hat.