30-Jähriger aus Köln nach Einsatz schwerstbehindert – Ermittlungen wegen Körperverletzung im AmtNach Polizeieinsatz im Wachkoma: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen zwei Polizisten und Notärztin

von Annalena Kirsten

Ein 30-jähriger Kölner ist seit einem Polizeieinsatz in seiner Wohnung schwerstbehindert. Nach der Fixierung in Bauchlage erlitt er einen Herzstillstand und liegt seitdem im Wachkoma. Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt nun gegen zwei Polizisten und eine Notärztin wegen des Anfangsverdachts der Körperverletzung im Amt.

Ein Einsatz mit dramatischen Folgen

Julian Neumann beschreibt die Situation seines Partners Pedro beinahe nüchtern – die Prognose der Ärzte: ein vegetativer Wachkoma-Zustand für den Rest seines Lebens. Auslöser ist ein Einsatz am 8. April in Pedros Wohnung. Freunde hatten den Notruf gewählt, weil Pedro nach dem Tod eines ihm nahestehenden Menschen stark aufgewühlt gewesen sein soll. Eine Notärztin entscheidet, ihn in eine psychiatrische Klinik einweisen zu lassen – mit Unterstützung der Polizei.

Anwalt verbreitet Handyvideo

Ein Handyvideo, das Pedro selbst aufnimmt, zeigt, wie der Einsatz offenbar eskaliert. Mehrfach fragt er durch die geschlossene Tür, warum er öffnen solle. Als er schließlich aufmacht, greift ein Polizist nach ihm. In der Folge wird der 30-Jährige wohl auf dem Bauch liegend gefesselt, der Einsatz dauert länger. Als Pedro später in den Rettungswagen gebracht werden soll, bemerken die Sanitäter, dass sein Körper „rückseitig die Farbe verliert“. Er war zu diesem Zeitpunkt bauchseitig fixiert, so Julian Neumann. Kurz darauf wird es hektisch: Die Rettungskräfte fordern die Schlüssel für die Handschellen – Pedro muss reanimiert werden. Sein Herz steht 23 Minuten lang still. Er überlebt, hat jedoch irreparable Hirnschäden und liegt seit dem Vorfall im Wachkoma.

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Unterschiedliche Schilderungen

Pedro soll eine Beamtin gebissen haben. Die Bodycams der Beamten liefen nur teilweise, der Einsatz ist daher nicht durchgehend dokumentiert. Die Einsatzkräfte schildern sein Verhalten als aggressiv. Anwalt Simón Barrera González sieht das anders. Er spricht von einem polizeilichen Vorgehen, das in dieser Form nicht stattfinden dürfe: zu lange Bauchlage, Druck von oben, zusätzliche Medikamentengabe und zwei Spuckhauben auf dem Kopf. Um Druck auf die Ermittlungsbehörden auszuüben, hat er Pedros Handyvideo früh öffentlich gemacht.

Bauchlage als Risiko – und Standard

Der Fall ist nicht der erste seiner Art. Erst am Donnerstag (23.07.) stirb ein 37-Jähriger aus Duisburg nach einem Polizeieinsatz, auch er soll bauchliegend gefesselt gewesen sein. In einem anderen Duisburger Verfahren stehen derzeit neun Beamte vor Gericht – auch dort geht es um einen Toten nach Bauchlage-Fixierung. Medizinisch ist das Risiko bekannt: Liegt ein Mensch gefesselt auf dem Bauch, wird die Atmung erschwert. Der Brustkorb kann sich nicht richtig heben und senken, Kohlenstoffdioxid sammelt sich in der Lunge – im Extremfall droht ein lagebedingter Erstickungstod. Besonders gefährlich wird es in Kombination mit Erschöpfung, Stress oder Medikamenten. Trotzdem gehört die Fixierung in Bauchlage zum Standardrepertoire der Polizei. Sie wird trainiert, um Hände nach hinten führen und Handfesseln anlegen zu können. Gleichzeitig gilt die Vorgabe, Betroffene so schnell wie möglich wieder aus der Bauchlage zu bringen.

Ermittlungen wegen Körperverletzung im Amt

Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt nun gegen zwei Polizisten und die Notärztin. Es geht um den Anfangsverdacht der Körperverletzung im Amt. Dafür sollen Freunde und Bekannte, die beim Einsatz vor Ort waren, sowie Rettungskräfte vernommen und medizinische Unterlagen ausgewertet werden. Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt für alle Beschuldigten die Unschuldsvermutung. Für Pedros Partner und seinen Anwalt ist es dennoch ein wichtiger Schritt, dass das Handyvideo zu Ermittlungen geführt hat – auch wenn Pedro selbst davon wohl nie bewusst erfahren wird.