Cash ist nicht mehr KingWie Bargeld in Deutschland unter Druck gerät - Zahlungsverkehr im Wandel
Jahrzehntelang galt in Deutschland: Cash ist King. Doch immer mehr Läden, Ämter und Behörden wollen kein Bargeld mehr annehmen. Während Kritiker vor dem Verlust von Freiheit und Privatsphäre warnen, zeigen Zahlen: Die Mehrheit der Deutschen bezahlt inzwischen längst lieber mit Karte oder Handy.
Restaurants und Bäckereien sagen Nein zu Scheinen
Im Kölner Restaurant Marx und Schneider gilt: Karte statt Cash. Inhaber Alexander Marx hat sich bewusst dafür entschieden, trotz Ärger mit manchen Gästen und schlechter Bewertungen im Netz. Für ihn überwiegen die Vorteile: weniger Stress mit dem Finanzamt wegen Buchhaltungsfehlern, kein abendliches Geldzählen und kein morgendlicher Weg zur Bank. Sein Kartenlesegerät läuft mit Akku und eigener SIM-Karte, sodass ihn auch ein Stromausfall nicht schocken kann. Recherchen von RTL WEST zeigen: Auch andere Restaurants, Bäckereien und sogar ein Kiosk haben dem Bargeld abgeschworen, öffentlich darüber reden wollen sie allerdings kaum.
Rechtlich ist die Kartenpflicht zulässig
Grundsätzlich sind Scheine und Münzen das einzige gesetzliche Zahlungsmittel in Deutschland. Rechtsanwalt Arndt Kempgens aus Gelsenkirchen erklärt jedoch, dass andere Zahlungsarten vertraglich vereinbart werden können, etwa durch ein deutlich sichtbares Schild, das vor der Bestellung auf die Kartenpflicht hinweist. Testeinkäufe der Bundesbank zeigen zudem: In 99,4 Prozent der Fälle konnte noch bar bezahlt werden, sofort oder auf Nachfrage.
Erstmals ist Cash nicht mehr King
Rund 80 Prozent der Deutschen halten es laut einer Umfrage aus dem Jahr 2025 für wichtig, dass Barzahlung möglich bleibt. Doch nur noch etwa jeder Vierte bevorzugt tatsächlich Bargeld, fast die Hälfte zahlt lieber mit Karte oder Handy und die Zahl steigt weiter. Vor knapp 20 Jahren wurde noch zu 83 Prozent bar bezahlt, im vergangenen Jahr nur noch zu 45 Prozent. Zum ersten Mal ist Cash damit nicht mehr das dominierende Zahlungsmittel. Gründe dafür: fehlende Bankfilialen in der Nähe, die ständige Verfügbarkeit des Handys, aber auch der bewusste Wunsch, das Geld beim Bezahlen in der Hand zu haben.
Wirtschaftssoziologin verteidigt Bargeld-Nutzer
Bargeld bietet handfeste Vorteile: Es schützt die Privatsphäre, funktioniert ohne Technik und kann nicht per Knopfdruck entwertet werden. Wirtschaftssoziologin Barbara Brandl von der Goethe-Universität Frankfurt betont zudem, dass Menschen, die auf Bargeld bestehen, keineswegs schrullig oder digital überfordert seien. Im Gegenteil: Statistisch geben Menschen beim digitalen Bezahlen mehr Geld aus, weil der Überblick über kleine Budgets schneller verloren geht.
Behörden verweigern zunehmend Bargeld
Finanzcoach Hansjörg Stützle ist überzeugt, dass Behörden und Ämter Bargeld am liebsten ganz abschaffen würden, auch wenn sie das offiziell bestreiten. Eine Bundesbank-Studie zeigt: In acht von 30 untersuchten Behördenstellen in Deutschland ist Barzahlung nicht mehr möglich, ohne dass Bürger dazu befragt wurden. Als Beispiel nennt Stützle Düsseldorf. Dort nehmen Bürgerbüros bis auf die Filiale am Bahnhof kein Bargeld mehr an. Für ihn ein klares Signal, dass sich der Staat vom eigenen gesetzlichen Zahlungsmittel trennen will.
Immer mehr Zugriffe auf Finanzdaten
Wer digital zahlt, hinterlässt Spuren und der Staat wertet diese zunehmend aus. Im vergangenen Jahr griffen Behörden 2,6 Millionen Mal auf Finanzdaten von Bürgern zu. Fünf Jahre zuvor waren es nur rund eine Million Mal. Für Stützle ist klar: Eine freie Gesellschaft brauche zwingend ein freies Zahlungsmittel. Stirbt Bargeld, stirbt auch ein Stück Freiheit.
Digitaler Euro als nächster Schritt
Die Entwicklung geht weiter in Richtung eines digitalen Euro, ausgegeben von der Europäischen Zentralbank (EZB) und in ganz Europa nutzbar. Offizielles Ziel ist mehr Unabhängigkeit von US-Anbietern wie Visa, Mastercard und PayPal. Kritiker warnen jedoch vor dem gläsernen Bürger, da jede Zahlung nachvollzogen werden könnte. Auch die Möglichkeit programmierbaren Geldes wird befürchtet, etwa Nutzungseinschränkungen für bestimmte Produkte. Die EZB weist solche Szenarien zurück: EZB-Direktor Piero Cipollone erklärte im November des vergangenen Jahres, es solle keine Beschränkungen geben, wo, wann und für was der digitale Euro verwendet werden kann.
Petition mit mehr als 350.000 Unterschriften
Paradoxerweise könnte der digitale Euro laut Stützle sogar dem Bargeld helfen: Da die Politik den digitalen Euro als weiteres gesetzliches Zahlungsmittel etablieren will, war sie gezwungen, gleichzeitig eine Verordnung für das Bargeld vorzulegen. Im ersten Entwurf gab es jedoch nur für den digitalen Euro eine klare Annahmepflicht, nicht für Bargeld. Stützle startete daraufhin eine Petition, die mehr als 350.000 Menschen unterschrieben, und übergab die Listen kurz vor der Abstimmung im Ausschuss für Wirtschaft und Währung im Europaparlament. Mittlerweile ist von einer harten Annahmepflicht für Bargeld im Handel die Rede. Reine Kartenzahlung wäre dann nicht mehr erlaubt.
Ausnahmen könnten die Pflicht aushöhlen
Trotz dieses Erfolgs bleibt Stützle skeptisch, wegen möglicher Ausnahmen etwa bei Automaten. Zudem soll jedes EU-Land weiterhin Bargeld ablehnen dürfen, sofern es ein öffentliches Interesse nachweist. Für Stützle brandgefährlich und im schlimmsten Fall der Sargnagel für das Bargeld. Auch Burkhard Balz, Bundesbank-Vorstandsmitglied und zum Zeitpunkt des Drehs zuständig für Bargeld und digitalen Euro, sieht die Ausnahmen kritisch, hält aber Nachbesserungen im weiteren Gesetzgebungsverfahren zwischen Parlament, Rat und Kommission für möglich, insbesondere bei der Akzeptanzverpflichtung öffentlicher Behörden.
EU-weite Bargeldobergrenze ab nächstem Sommer
Selbst wenn Bargeld künftig überall angenommen werden muss, wartet das nächste Problem: Ab Sommer nächsten Jahres gilt in der EU eine Bargeldobergrenze. Zahlungen von mehr als 10.000 Euro an Unternehmen sind dann bar tabu, zwischen 3.000 und 10.000 Euro nur noch mit Ausweiserfassung des Kunden erlaubt. Ausgenommen sind private Verkäufe zwischen Bürgern, etwa der Gebrauchtwagenkauf beim Nachbarn. Kritiker sprechen von einem Generalverdacht gegen alle EU-Bürger. Balz sieht das gelassener und verweist darauf, dass ehrliche Menschen, die nichts zu verbergen haben, am Ende auch nichts zu befürchten hätten.
Auch Scheine sind nicht völlig anonym
Selbst Bargeld ist nicht vollkommen anonym: Jeder Schein trägt eine Seriennummer, die seinen Weg nachvollziehbar machen kann. Eine Recherche von netzpolitik.org zeigt, dass Bargeld-Tracking längst als Ermittlungsinstrument genutzt wird – auch bei der Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime NRW (ZAC NRW) der Staatsanwaltschaft Köln. Dort scannt eine spezielle Geldzählmaschine beschlagnahmtes Bargeld inklusive Seriennummern. Die Daten gehen an ein Unternehmen in Frankfurt, das mithilfe einer Datenbank Geldflüsse nachzeichnen kann. Markus Hartmann von der ZAC NRW erklärt, dass dies etwa hilft zu prüfen, ob Aussagen von Tatverdächtigen zur Herkunft des Geldes plausibel sind. Er betont jedoch, es handle sich nicht um globales Tracking des Zahlungsverhaltens, sondern um eine datensparsame, punktuelle Analyse.
Neue Banknoten in Planung
Trotz des Drucks von allen Seiten ist Bargeld vorerst nicht tot. Die EZB arbeitet aktuell an neuen Banknoten und hat zehn Entwürfe vorgestellt. Zur Wahl stehen berühmte Europäer oder heimische Vögel und Flüsse. Bis Ende September kann jeder online mitentscheiden, das letzte Wort hat aber der EZB-Rat. Gastronom Alexander Marx würde diese neuen Scheine wohl auch dann irgendwann annehmen müssen, wenn eine gesetzliche Annahmepflicht käme. Kartenzahlung würde er dennoch weiter priorisieren, wie er sagt. Zufrieden wäre er mit einer solchen Vorgabe nicht, sie würde seinen Betrieb nur komplizierter machen. Am Ende bleibt die Frage Bargeld oder Karte für viele Menschen hochemotional und ohne klare Antwort. Noch aber, so betonen selbst Kritiker, hat jeder die Wahl.

































