„Verhalten vieler Menschen problematisch”Zutraulicher Delfin in Frankreich: Tierschützer schlagen Alarm

Was den Deutschen der Wal, ist den Franzosen ein Delfin. Seit Monaten lebt das Tier in einer beliebten Badebucht und wird dort immer mehr zu einer Touristenattraktion. Tierschützer beobachten das mit Sorge, vor allem, weil die Ferienzeit für einen regelrechten Ansturm sorgen könnte.
Während hochsommerliche Temperaturen in weiten Teilen Europas die Menschen in Scharen an die Strände lockt, erregt ein neugieriger Delfin im französischen Baskenland große Aufmerksamkeit bei Einheimischen und Touristen: Das über zwei Meter lange Delfin-Weibchen hält sich seit Mitte Oktober in der Badebucht von Saint-Jean-de-Luz auf und sucht regelmäßig die Nähe zu Schwimmern und Stand-up-Paddlern. Während diese von der ungewöhnlichen Zutraulichkeit des Tieres fasziniert sind, sorgen sich Tierschützer um dessen Wohlergehen.
„Das Verhalten vieler Menschen ist leider problematisch. Es kommt immer wieder zu Ansammlungen, bei denen der Delfin umzingelt wird“, berichtet die Meeresforscherin und städtische Umweltbeauftragte Pascale Fossecave. Dies könne zu gefährlichen Situationen führen.
Das größte Problem bestehe darin, dass das Tier sich an den Umgang mit Menschen gewöhne und seine Fluchtreflexe verliere, etwa mit Blick auf Boote und Jetskis. Deshalb solle der Delfin nicht zur Interaktion ermutigt werden, selbst wenn er sich von selbst nähere, mahnt die Expertin.
Tatsächlich kommt dies häufig vor: Zahlreiche im Internet verbreitete Fotos und Videos zeigen, wie der Delfin sich in aller Ruhe zwischen Schwimmern bewegt oder den Rand eines Stand-up-Paddleboards streift. „Erstaunlich, bewegend, verrückt“, schreibt eine Besucherin auf Instagram: „Auf Korsika haben wir einen Tag auf dem Boot verbracht, um Delfine zu sehen, und hier kommen sie direkt zu uns geschwommen, als wollten sie ‚Guten Tag‘ sagen“, kommentiert sie unter einem Video, auf dem sich das Tier inmitten von Badegästen tummelt.
Bei dem gut 200 Kilo schweren Tier handelt es sich um ein Weibchen der Art Großer Tümmler, die einst durch die Fernsehserie „Flipper“ bekannt wurde. Die Form ihres Mauls verleiht ihnen einen lächelnden Ausdruck. Lange Zeit wurden Große Tümmler in Freizeitparks gehalten, bis diese wegen nicht artgerechter Haltung in die Kritik gerieten und an vielen Orten schließen mussten.
In Frankreich ist das Halten von Walen und Delfinen seit Jahresanfang verboten. Die beiden letzten Orcas Wikie und Keijo aus dem ehemaligen „Marineland“ in Antibes sollen im Juni in einen Freizeitpark nach Teneriffa gebracht werden - was heftige Kritik von Tierschützern ausgelöst hat.
Das Delfin-Weibchen von Saint-Jean-de-Luz ist nach Einschätzung von Experten sechs bis acht Jahre alt und damit noch nicht ausgewachsen. Warum das Tier sich allein in der Bucht aufhält, ist bislang unklar. Große Tümmler leben üblicherweise in sozialen Verbänden von bis zu 15 Tieren, die Schulen genannt werden.
Möglicherweise sei das junge Weibchen aus seiner Gruppe ausgeschlossen worden, glaubt Ozean-Forscherin Fossecave. Sie schließt aus, dass der Delfin sich verirrt haben könne. „Die Tiere verirren sich nicht, sie können über eine Entfernung von 20 Kilometern miteinander kommunizieren“, erklärt sie.
Die Stadtverwaltung von Saint-Jean-de-Luz hat inzwischen Hinweisschilder am Strand aufgestellt und ruft Badegäste zur Zurückhaltung auf. „Auch wenn das Tier sich von allein nähert, bleibt es ein Wildtier“, heißt es dort. „Wiederholte Interaktion mit Menschen kann sein natürliches Verhalten stören und seine Überlebensfähigkeit gefährden“, mahnen die Behörden.
Konkret ist es verboten, sich dem Tier auf weniger als 100 Meter zu nähern, mit ihm zu schwimmen, es einzukreisen, es anzufassen, zu füttern oder ihm mit einem Boot den Weg abzuschneiden. Wer sich nicht daran hält, dem droht eine Geldstrafe in Höhe von 750 Euro.
Fossecave hofft, dass das Tier die Bucht irgendwann von selbst verlässt. Idealerweise sollte das noch vor den Sommerferien gelingen, denn dann wird der breite Sandstrand von Saint-Jean-de-Luz täglich von tausenden Urlaubern bevölkert werden.
Verwendete Quellen: Carole Suhas, AFP

