60. Jahrestag des tragischen UnglücksDie Katastrophe von Aberfan – der Tag, an dem 116 Kinder starben

Es ist der letzte Schultag vor den Ferien – dann begräbt eine schwarze Lawine eine ganze Schule.
Am 21. Oktober 1966 sterben im walisischen Aberfan 144 Menschen, darunter 116 Kinder. 60 Jahre später erzählen Überlebende, wie dieser eine Morgen ihr ganzes Leben verändert hat.
Am letzten Schultag vor den Herbstferien – schwarze Lawine begräbt Schüler
Es ist Freitagmorgen, der 21. Oktober 1966: In der Pantglas Junior School in Aberfan sitzen die Kinder am letzten Schultag vor den Herbstferien in ihren Klassenzimmern. Oberhalb des kleinen Bergarbeiterdorfs in Südwales lagern riesige Mengen Abraum aus dem Kohlebergbau.
Dann gerät plötzlich eine der Halden ins Rutschen. Wie der britische geologische Dienst British Geological Survey (BGS) dokumentiert, donnern rund 107.000 Kubikmeter Schlamm und Abraum den Hang hinunter. 18 Häuser werden zerstört, schließlich trifft die schwarze Masse die Pantglas Junior School und Teile einer benachbarten Schule. Gegen 9.15 Uhr kommt die Lawine zum Stillstand.
Was bleibt, ist eine der schlimmsten Katastrophen in der Geschichte Großbritanniens: 144 Menschen sterben, 116 von ihnen sind Kinder. 109 Kinder kommen allein in der Grundschule ums Leben. Die meisten sind zwischen sieben und zehn Jahre alt.

Verzweifelte Suche nach den verschütteten Kindern! Väter graben mit bloßen Händen
Innerhalb kürzester Zeit beginnt in Aberfan ein verzweifelter Kampf um die Verschütteten. Helfer suchen in den Trümmern nach Überlebenden. Das letzte Kind, das lebend aus dem Schlamm geborgen wird, wird laut BGS gegen 11 Uhr gefunden. Noch Tage später werden Tote entdeckt.
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Wie dramatisch die Suche ist, zeigen die Erinnerungen von Jeanette Keane. Im Gespräch mit der BBC erzählt sie, wie ihr Vater ihre achtjährige Schwester Edwina unter den Trümmern findet – noch lebend. Er kann sie jedoch nicht befreien, ohne einen weiteren Einsturz zu riskieren.
„Mein Vater legte sich neben sie, hielt ihre Hand, und sie erstickte“, erinnert sich Jeanette heute. Das Erlebte verfolgt ihren Vater noch jahrelang. Nachts habe die Familie ihn immer wieder im Flur gehört. „Danach war mein Leben nicht besonders glücklich. Alles hatte sich verändert“, sagt Jeanette der BBC.

Überlebende der Aberfan-Katastrophe schweigen über Jahrzehnte
Auch Janett Bickley sitzt laut BBC an diesem Morgen in der Pantglas Junior School. Die damals Achtjährige hat gerade erst eine Lungenentzündung überstanden und wäre beinahe zu Hause geblieben. Doch sie will unbedingt zum letzten Schultag vor den Ferien.
Als die Schlammlawine die Schule trifft, wird Janett unter Trümmern begraben. Eine Klassenkameradin hilft ihr heraus. Später erfährt sie, dass sie das einzige Kind aus ihrer Straße ist, das an diesem Tag von der Schule nach Hause zurückkehrt.
Doch über das Erlebte wird lange kaum gesprochen. „Wir hatten Glück, man sagte uns: ‚Du hast überlebt, sprich nie wieder darüber‘“, erinnert sich Janett bei der BBC. Erst Jahrzehnte später beginnen viele Überlebende, miteinander über den 21. Oktober 1966 zu reden.
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Porträts bringen die toten Kinder zurück in ihre Familien
Die Katastrophe hinterlässt in Aberfan Lücken, die nie wieder geschlossen werden. In manchen Straßen verlieren gleich mehrere Familien ihre Kinder. Und während heute ein Gedenkgarten an der Stelle der zerstörten Schule an die Opfer erinnert, finden viele Eltern damals einen ganz persönlichen Weg, ihre Kinder bei sich zu behalten.
Wie die BBC berichtet, verfolgt der Künstler William Richardson die Katastrophe aus Hunderten Kilometern Entfernung. Obwohl er keine Verbindung zu Aberfan hat, beginnt er, Porträts der gestorbenen Kinder zu malen. Dafür nutzt er Schulfotos und Beschreibungen ihrer Familien. Eltern schicken ihm sogar Stoffreste und erzählen ihm von Augenfarben, Kleidung und den Persönlichkeiten ihrer Kinder.
Rund 100 solcher Porträts soll Richardson im Laufe der Jahre geschaffen haben. Viele hängen jahrzehntelang in den Häusern der Familien. Wie viel Trost sie den Angehörigen spenden, zeigt die neue BBC-Dokumentation „Unseen: The Aberfan Portraits“: „Es hat sie wieder zum Leben erweckt“, sagt Denise Morgan über das Porträt ihrer verstorbenen Schwester Annette. „Sie war an Weihnachten da, auf Partys, immer im Zimmer.“
Auch das britische Königshaus gedenkt der Opfer von Aberfan
Auch das britische Königshaus nimmt Anteil an der Tragödie: Einen Tag nach der Katastrophe besuchen Prinz Philip, der Ehemann Königin Elizabeth II., und der damalige Premierminister Harold Wilson den Unglücksort. Die Queen selbst reist erst acht Tage später nach Aberfan – eine Entscheidung, für die sie damals laut BBC viel Kritik einstecken muss und die sie sehr bedauert haben soll.
1974 eröffnet die Königin schließlich den Gedenkgarten auf dem Gelände der zerstörten Schule. Auch Prinz William und Prinzessin Kate besuchen den Ort im April 2023, um der 144 Todesopfer zu gedenken und mit Überlebenden sowie Angehörigen zu sprechen. Und auch dieses Jahr reist das Königshaus nach Aberfan.
60 Jahre später ist Aberfan noch immer vom Unglück geprägt
Die Kinder, die die Katastrophe überlebten, sind inzwischen im Rentenalter. Vergessen haben sie den Morgen von Aberfan nicht. Einige widmeten laut BBC große Teile ihres Lebens ihrer Gemeinde, der Bildung oder dem Gedenken an die Opfer.
Janett Bickley trägt die Erinnerung inzwischen sogar auf der Haut: Sie ließ sich eine Uhr tätowieren, deren Zeiger den Zeitpunkt der Katastrophe zeigen. „Es wird mich mein Leben lang begleiten“, sagt sie bei der BBC.
Am 21. Oktober 2026 jährt sich die Katastrophe von Aberfan zum 60. Mal. Und noch immer erinnern die Gräber, der Gedenkgarten und die Porträts in den Häusern daran, was das Dorf an diesem Morgen verlor: 116 Kinder, die am letzten Schultag vor den Ferien einfach nur zur Schule gegangen waren.
Verwendete Quellen: British Geological Survey (BGS), BBC (19.10.2026), BBC (01.09.2026), BBC (28.04.2023)



