Touristen bedrängen Seehund an der Ostsee„Darf mein Kind auf der Robbe reiten?“

von Luisa Wiewgorra und Camilla Koziol

Ein kleiner Seehund kämpft sich an den Strand.
Eigentlich will das Jungtier nur eine Pause einlegen. Doch statt Ruhe warten neugierige Badegäste, gezückte Handys und streichelnde Kinder auf ihn. Für Seehundjäger Andreas Milde ist das Video aus Timmendorfer Strand kaum zu ertragen. „Das Video habe ich mir zehnmal angeguckt und gedacht: Das kann doch nicht angehen.“ Den Clip seht ihr oben.

Von Kindern und Erwachsenen am Strand belästigt

Wie die Lübecker Nachrichten berichten, häufen sich derzeit die Einsätze an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste. Allein in den vergangenen drei Tagen mussten Experten fünfmal ausrücken, weil Seehunde oder Kegelrobben von Strandbesuchern bedrängt wurden.

Seehundjäger: Der kleine Seehund war „total panisch“

RTL hat mit Seehundjäger Andreas Milde gesprochen. Das Tier auf dem Video sei ein junger Seehund gewesen, gerade einmal 60 bis 70 Zentimeter groß. Statt Abstand zu halten, hätten Kinder das Jungtier gestreichelt, Erwachsene fotografiert und niemand habe eingegriffen.

Lese-Tipp: Von wegen Pferd aufm Flur! Robbe schnarcht friedlich in Hotelzimmer

„Dass Kinder das machen, kann ich ja noch verstehen. Aber dass keiner dazwischen geht, nicht“, sagt Milde.
Für die Tiere bedeutet so ein Menschenauflauf enormen Stress. Besonders tragisch: Bei Kegelrobben können Störungen sogar Folgen für trächtige Weibchen haben. „Schwangere Robben können dadurch Frühgeburten bekommen“, erklärt der Experte. Der kleine Seehund aus dem Video sei „total panisch“ gewesen. „Ich hoffe, dass es ihm gut geht.“

Anzeige:
Empfehlungen unserer Partner

Nicht nur für die Robben ist Anfassen gefährlich

Viele Urlauber unterschätzen offenbar auch das Risiko für sich selbst. Robben können laut Milde zahlreiche Krankheitserreger übertragen. Nach seinen Angaben tragen sie bis zu 14 verschiedene Krankheiten in sich, zehn davon könnten auch auf Menschen übergehen – etwa über das Fell oder Ausscheidungen. Als Beispiel nennt er den sogenannten Rotlauf.

Hinzu kommt die Verletzungsgefahr. Vor allem Kegelrobben wirken oft harmlos, sind es aber keineswegs. „Die Kegelrobbe ist Deutschlands größtes Raubtier“, warnt Milde. Wer einem Tier zu nahe kommt, riskiert einen heftigen Biss.

Abstand halten statt Selfie mit Robben machen!

Dass Seehunde und Kegelrobben immer häufiger an Ostseestränden auftauchen, überrascht Experten nicht. Die Bestände wachsen seit Jahren, dadurch nehmen auch Begegnungen mit Menschen zu.

Streaming Tipp
Planet der Tiere auf RTL+
Jetzt auf RTL+ streamen

Milde appelliert deshalb eindringlich an alle Strandbesucher, ausreichend Abstand zu halten und den Tieren den Weg zum Wasser freizulassen. Wer eine Robbe entdeckt, sollte den Fund stattdessen über die kostenlose Robben-App melden. Dort lässt sich der genaue Standort direkt an die zuständigen Fachleute übermitteln. Auch der Landesjagdverband Schleswig-Holstein empfiehlt, Robben keinesfalls anzufassen oder zu bedrängen.

Der Experte weist außerdem darauf hin, dass das Stören wild lebender Tiere nach § 39 Bundesnaturschutzgesetz je nach Einzelfall rechtliche Konsequenzen haben kann.

Verwendete Quellen: eigene RTL-Recherche, Lübecker Nachrichten