Vier Monate nach BluttatDer Stade-Attentäter erschoss ihre Mama: Jetzt führt Tochter Chiara (21) das Mutter-Kind-Haus

Die Mutter von Kiara Lindner wurde am 29. Juni 2026 vom Stade-Attentäter getötet. Jetzt übernimmt die 21 Jahre alte Studentin die Mutter-Kind-Einrichtung in Niedersachsen.
Die Mutter von Kiara Lindner wurde am 29. Juni 2026 vom Stade-Attentäter getötet. Jetzt übernimmt die 21 Jahre alte Studentin die Mutter-Kind-Einrichtung in Niedersachsen.
Christian Charisius/dpa

Sie ist zurück an den Ort, an dem ihre Mutter Ilka und fünf weitere Menschen umgebracht wurden.
Knapp vier Monate nach den tödlichen Schüssen öffnet das Mutter-Kind-Haus in Stade wieder. Die Leitung übernimmt ausgerechnet die 21-jährige Tochter der getöteten Gründerin. „Meine Mutter gibt mir die Kraft, das weiterzuführen“, sagt Kiara Lindner.

Mutter-Kind-Haus in Stade öffnet nach tödlichen Schüssen wieder

19.10.2026, Niedersachsen, Stade: Kiara Lindner, Gesellschafterin und Geschäftsführerin Stethu GmbH, und Kai Seefried (CDU, l), Landrat Kreis Stade, durchschneiden ein symbolisches Band bei Wiedereröffnung des Mutter-Kind-Hauses der Stethu in Stade. Nach der Gewalttat mit 6 Toten am 29. Juni 2026, drei Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamtes Hannover sowie drei Beschäftigte in der Mutter-Kind-Einrichtung, wurde das Haus am Montag wieder eröffnet. Foto: Christian Charisius/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Kiara Lindner ist die Gesellschafterin und Geschäftsführerin der Stethu GmbH in Stade. Gemeinsam mit Landrat Kai Seefried (CDU, l) eröffnen sie die Einrichtung nach den tödlichen Schüssen neu.
dpa

Sandkiste, Schaukel und Rutsche stehen wieder im Garten, in den hellen Räumen warten Spielzeug und Himmelbetten auf die Bewohnerinnen. Doch ein Zimmer im Mutter-Kind-Haus in Stade bleibt für immer verschlossen: der Raum im ersten Stock, in dem der Attentäter am 29. Juni auf sechs Menschen schoss. Und sie tötete.

Knapp vier Monate nach der Wahnsinnstat in Stade nimmt die Einrichtung nun wieder ihren Betrieb auf. Das Haus soll weiterhin ein geschützter Ort für Mütter und ihre Kinder sein. Bis zu sieben Frauen können dort mit ihren Kindern wohnen und rund um die Uhr von 15 Mitarbeitern betreut werden.

Kiara Lindner (21) übernimmt das Erbe ihrer Mutter

19.10.2026, Niedersachsen, Stade: Blick in ein Wohn- und Aufenthaltszimmer bei einer Pressekonferenz zur Wiedereröffnung des Mutter-Kind-Hauses der Stethu in Stade. Nach der Gewalttat mit 6 Toten am 29. Juni 2026, drei Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamtes Hannover sowie drei Beschäftigte in der Mutter-Kind-Einrichtung, wurde das Haus am Montag wieder eröffnet. Foto: Christian Charisius/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Blick in ein Wohn- und Aufenthaltszimmer bei der Wiedereröffnung des Mutter-Kind-Hauses der Stethu in Stade.
dpa

Unter den sechs Todesopfern war auch Ilka Lindner (55). Sie hatte die Einrichtung 1999 gegründet. Jetzt will ihre erst 21 Jahre alte Tochter Kiara Lindner das Lebenswerk ihrer Mutter weiterführen.

„Meine Mutter gibt mir die Kraft, das weiterzuführen“, sagt die Studentin. Für sie sei von Anfang an klar gewesen, dass sie als Gesellschafterin Verantwortung übernehmen wolle. Auch bei den Renovierungsarbeiten packte sie selbst mit an. In dem Haus fühle sie sich ihrer Mutter besonders nah und versuche, sich an die positiven Erinnerungen zu halten.

Neben Ilka Lindner wurden bei der Tat drei Mitarbeiter der Einrichtung getötet. Trotzdem habe niemand aus dem Team gekündigt. Die pädagogische Leiterin Vanessa Stabel beschreibt die Haltung der Belegschaft mit den Worten „jetzt erst recht“. Man wolle nicht zulassen, dass die Tat die Zukunft der Einrichtung zerstöre.

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Tatort bleibt für immer verschlossen

ARCHIV - 30.06.2026, Niedersachsen, Stade: Spezialisten sind am Tatort, einem Gebäude einer Jugendeinrichtung, mit der Spurensicherung beschäftigt. In der Einrichtung waren mehrere Menschen durch Schüsse getötet worden. (zu dpa: «Schüsse in Stade - Drei Monate Fassungslosigkeit und Fragen») Foto: Jörn Hüneke/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Der Horror von Stade. Spurensicherer am Tatort (Archivbild)
Jörn Hüneke/dpa

Ganz verdrängen will das Team das Geschehene nicht. Der Raum, in dem die sechs Menschen starben, soll dauerhaft geschlossen bleiben. Gleichzeitig wurde das Schutzkonzept der Einrichtung überarbeitet. Welche konkreten Sicherheitsmaßnahmen gelten, wird aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich gemacht.

Auch die Mitarbeiter werden weiterhin therapeutisch begleitet. Ein Umzug an einen anderen Standort sei aus wirtschaftlichen Gründen und wegen notwendiger Genehmigungen keine realistische Möglichkeit gewesen. Zudem würden Jugendämter dringend Plätze für Mütter mit Kindern benötigen.

Ermittlungen gegen Mutter des Babys laufen weiter

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Der Täter floh als Beifahrer in einem Mercedes vom Tatort und wurde von der Polizei gestellt (Archivbild)
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Auslöser der tödlichen Eskalation war nach bisherigen Erkenntnissen ein Sorgerechtsstreit. Die dreimonatige Tochter des späteren Schützen hatte nach einem Schütteltrauma eine Hirnblutung erlitten. Den Eltern war daraufhin das Sorgerecht entzogen worden. Die Mutter sollte mit dem Baby in der Stader Einrichtung leben.

Am 29. Juni wollten Mitarbeiter des Jugendamts und des Mutter-Kind-Hauses mit den Eltern über das Sorgerecht sprechen. Dabei griff der 45 Jahre alte Vater zur Waffe und erschoss vier Frauen und zwei Männer. Er wurde kurz darauf festgenommen und rund drei Wochen später tot in seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt Bremervörde gefunden.

Die Ermittlungen sind damit noch nicht abgeschlossen. Die Kindesmutter sowie die mutmaßliche Fahrerin des Fluchtwagens (siehe Foto oben) werden nach Angaben der Staatsanwaltschaft Stade weiterhin als Beschuldigte geführt. Gegen die Mutter wird zudem wegen des Verdachts der schweren Kindesmisshandlung ermittelt.

Stiftung soll an getötete Gründerin erinnern

Auch die Erinnerung an Ilka Lindner soll bleiben. Für den 29. Juni 2027 ist die Gründung einer Stiftung geplant, die sich dem Kinder- und Jugendschutz sowie der Gewaltprävention widmen soll.

Landrat Kai Seefried übergab Kiara Lindner zur Wiedereröffnung symbolisch einen Schutzengel aus Keramik. Die Arbeit ihrer Mutter soll damit nicht an dem Tag enden, an dem sie getötet wurde, sondern weiterleben. Er überreichte Kiara Lindner symbolisch einen Keramikschutzengel: „Ihr seid Schutzengel für alle, solle er Euch immer beschützen.”

Verwendete Quelle: RTL/ dpa