Alle Entwicklungen im LivetickerStade-Killer erschießt sechs Menschen: Schwiegermutter von SPD-Landtagsabgeordnetem fuhr den Fluchtwagen

SPD-Politiker Deniz Kurku
SPD-Politiker Deniz Kurku. Seine Schwiegermutter fuhr den Fluchtwagen, teilte der niedersächsische Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe mit. Er ist auch Landtagsabgeordneter in Niedersachsen.
picture alliance / dts-Agentur | -
von Lena Sofie Schenk, Festim Beqiri, Hauke Kutz , Nils Fischer-Stahl, Nele Hasselbusch, Roger Saha, Johanna Grewer, Camilla Koziol, Sebastian Fuhrmann und Martina Lewinski

Eine Stadt steht unter Schock.
Bei Schüssen in einem Mutter-Kind-Heim im niedersächsischen Stade sind sechs Erwachsene getötet worden. Immer mehr Details zum mutmaßlichen Täter und zum Tatablauf werden bekannt. In unserem Live-Ticker informieren wir über alle Entwicklungen und Hintergründe.

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Martina Lewinski

Schwiegermutter von SPD-Landtagsabgeordnetem Deniz Kurku (44) fuhr den Fluchtwagen


Bei der 65 Jahre alten Fahrerin des Fluchtwagens nach der Gewalttat von Stade handelt es sich um die Schwiegermutter des niedersächsischen Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe Deniz Kurku. Das ließ der SPD-Politiker aus Delmenhorst in einer Stellungnahme über einen Rechtsanwalt mitteilen. "Unmittelbar nachdem ich aufgrund von Medienberichten von der Betroffenheit meiner Schwiegermutter Kenntnis erhalten hatte, habe ich dieses den Ermittlungsbehörden und weiteren Stellen in meinem beruflichen Umfeld mitgeteilt", heißt es in der persönlichen Stellungnahme. Deniz Kurku (geboren 1982, verheiratet, zwei Kinder) ist auch Landtagsabgeordneter der SPD in Niedersachsen.
Kurku drückte in seiner Stellungnahme seine Anteilnahme aus. "Meine Gedanken sind bei den Opfern, ihren Angehörigen, den ihnen nahestehenden Personen und all jenen, die diese schreckliche Tat miterleben mussten."

Staatsanwaltschaft ermittelt zum Tathergang

Nach der Gewalttat in der Jugendeinrichtung in Stade, bei der sechs Menschen erschossen wurden, flüchtete der mutmaßliche Schütze nach Ermittlerangaben in einem Auto, das die 65 Jahre alte Frau fuhr. Beamte schossen auf die Reifen des Wagens und nahmen die Insassen fest. Früheren Angaben der Ermittler zufolge soll die Frau eine enge Verbindung zur Familie des Tatverdächtigen haben. 
Der genaue Tatablauf und welche Rolle dabei die Frau spielte, sind bislang unklar. Die Polizei befragte sie nach der Tat. Die Tatbeteiligung sei weiter Gegenstand der Ermittlungen, teilte die Staatsanwaltschaft Stade auf dpa-Anfrage mit. 

Wie die SPD-Fraktion reagiert

Die SPD-Fraktion im niedersächsischen Landtag stellte sich hinter ihren Abgeordneten. Deniz Kurku stehe in keinem Zusammenhang mit der Tat, sagte Fraktionsvorsitzender Stefan Politze in einer Mitteilung. "Er hat deutlich gemacht, dass er keinerlei Kenntnis davon hatte." Die familiäre Verbindung habe er offengelegt. "Daraus erwächst weder eine politische noch eine persönliche Verantwortung für Handlungen anderer", sagte Politze. Kurku sei ein "höchst angesehener" und "außerordentlich engagierter" Abgeordneter.
 
"Spekulationen und pauschale Schuldzuweisungen gegenüber unbeteiligten Angehörigen sind unangemessen und werden der Schwere der Tat nicht gerecht", sagte der Fraktionsvorsitzende.

Der mutmaßliche Schütze, ein 45-Jähriger mit türkischer Staatsangehörigkeit, sitzt in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm sechsfachen Mord vor. Die Ermittler gehen derzeit davon aus, dass das Motiv für die tödlichen Schüsse ein Sorgerechtsstreit ist.
SPD-Politiker Deniz Kurku
SPD-Politiker Deniz Kurku. picture alliance / dts-Agentur | -
Deniz Kurku (SPD) bei einer Rede im niedersächsischen Landtag
Deniz Kurku (SPD) bei einer Rede im niedersächsischen Landtag. RTL
Martina Lewinski

„Lange Nacht" wird zum Gedenkabend

Nach der Gewalttat in Stade wird die ursprünglich als Kulturveranstaltung geplante „Lange Nacht“ in der Hansestadt zu einem Abend der Begegnung. Statt Party und Musik stehen am Freitag Gedenken, Austausch und gegenseitige Unterstützung im Mittelpunkt. Das tödliche Gewaltverbrechen bewegt auch die Menschen in Hamburg.

Wie die Stadt mitteilte, wird bewusst auf laute Musik, Open-Air-Konzerte und Walking Acts verzichtet. Stattdessen soll die Veranstaltung Raum für gemeinsames Gedenken und Gespräche bieten. (dpa)

Martina Lewinski

Hunderte demonstrieren in Hamburg gegen Gewalt 

Nach den tödlichen Schüssen in Stade haben am Mittwochabend Hunderte Menschen in Hamburg gegen Gewalt demonstriert. Zu der Kundgebung am Hachmannplatz hatte das 8M-Bündnis aufgerufen. Die Organisatoren forderten bessere Schutzstrukturen für Betroffene und Beschäftigte im sozialen Bereich sowie mehr Investitionen statt Kürzungen. 
Martina Lewinski

Trauer und Solidarität in Stade 

Eine Sozialarbeiterin hält bei einer Kundgebung in Stade ein Schild mit der Aufschrift „Rest in Peace“ und „Sozialarbeiterinnen trauern um Sozialarbeiterinnen“. Zu der Mahnwache hatte das 8M-Bündnis Hamburg aufgerufen.
Eine Sozialarbeiterin hält bei einer Kundgebung in Stade ein Schild mit der Aufschrift „Rest in Peace“ und „Sozialarbeiterinnen trauern um Sozialarbeiterinnen“. Zu der Mahnwache hatte das 8M-Bündnis Hamburg aufgerufen. Bodo Marks/dpa
Martina Lewinski

Bewegende Momente des Abschieds in der Marktkirche

Menschen nehmen in der Marktkirche an einer Andacht für die Opfer der tödlichen Schüsse in einer Jugendeinrichtung in Stade teil.
Menschen nehmen in der Marktkirche an einer Andacht für die Opfer der tödlichen Schüsse in einer Jugendeinrichtung in Stade teil. Moritz Frankenberg/dpa
Eine Frau hält nach einer Andacht in der Marktkirche für die Opfer der tödlichen Schüsse in einer Jugendeinrichtung in Stade eine Kerze in den Händen. Bei dem Vorfall am 29. Juni kamen sechs Menschen ums Leben.
Eine Frau hält nach einer Andacht in der Marktkirche für die Opfer der tödlichen Schüsse in einer Jugendeinrichtung in Stade eine Kerze in den Händen. Bei dem Vorfall am 29. Juni kamen sechs Menschen ums Leben. Moritz Frankenberg/dpa
Camilla Koziol

Beiden Elternteilen wurde die Gesundheitssorge entzogen

Ein Amtsgericht hat kürzlich unter anderem angeordnet, dass Mutter und Tochter gemeinsam in einer Mutter-Kind-Einrichtung untergebracht werden sollen. Zudem gab es eine Entscheidung, dass beiden Elternteilen die Gesundheitssorge entzogen bleibt.

In dem Sorgerechtsstreit stand eine Entscheidung des Oberlandesgerichts (OLG) Celle aus. Beide Elternteile hätten Beschwerde gegen ein familiengerichtliches Eilverfahren vom Amtsgericht Neustadt am Rübenberge eingelegt, bestätigte eine Sprecherin des OLG. Nach der Tat wurde die Mutter (34) von der Polizei befragt. Nach der Schließung der betroffenen Mutter-Kind-Gruppe wurden sie und ihr Baby anderweitig untergebracht, wie das Sozialministerium mitteilte.
Martina Lewinski

Hannover trauert um drei Mitarbeitende der Jugendhilfe 

Mit einer Trauerandacht in der Marktkirche hat Hannover am Mittwoch der Opfer der tödlichen Schüsse in Stade gedacht. Unter den Getöteten befinden sich drei Mitarbeitende der Jugendhilfe der Region Hannover.

Zahlreiche Angehörige, Kolleginnen und Kollegen sowie Bürgerinnen und Bürger nahmen an der Andacht teil und setzten mit Kerzen und Gebeten ein Zeichen der Anteilnahme.

Stadtsuperintendent Rainer Müller-Brandes hat die Andacht gestalten. Ein Kondolenzbuch lag aus. In der Gebetsecke gab es zudem die Möglichkeit, eine Kerze anzuzünden. Auch Belit Onay, Oberbürgermeister von Hannover, bekundete seine Betroffenheit.

Onay sprach von einer „entsetzlichen, kaum erklärbaren Tat“. Zugleich kündigte er an, die Ereignisse aufzuarbeiten und die bestehenden Sicherheitskonzepte – etwa mit Blick auf Notfallknöpfe, Fluchtwege und Gefährdungsbewertungen – zu überprüfen. Gleichzeitig betonte Onay, dass die Arbeit der Jugendhilfe auf Vertrauen und persönlicher Nähe zu Kindern und Familien beruhe und sich dieses nur begrenzt durch Sicherheitsmaßnahmen ersetzen lasse. (dnf)
Martina Lewinski

Staatsanwaltschaft bestätigt Ermittlungen nach Schütteltrauma des Babys

Im Fall der Bluttat von Stade hat die Staatsanwaltschaft Hannover bestätigt, dass gegen den 45-jährigen Tatverdächtigen bereits wegen des Verdachts der Bedrohung ermittelt wird. Er soll Ärzte der Medizinischen Hochschule Hannover nach der Behandlung seiner drei Monate alten Tochter wegen eines Schütteltraumas im April verbal bedroht haben.

Als Motiv für die Tat mit sechs Todesopfern gilt weiterhin der Sorgerechtsstreit um das Kind. Der Tatverdächtige sitzt in Untersuchungshaft. Zudem wird weiter geprüft, ob die Mutter des Babys und eine Begleiterin an der Tat beteiligt waren. (dpa)
Martina Lewinski

Forderungen nach besserem Schutz für Jugendhilfe-Mitarbeitende 

Nach der tödlichen Schussattacke in einer Jugendhilfeeinrichtung in Stade werden Forderungen nach besseren Sicherheitskonzepten für Beschäftigte laut. GEW, Verdi und der Niedersächsische Beamtenbund verlangen unter anderem Gefährdungsanalysen, Deeskalationstrainings, bauliche Schutzmaßnahmen und eine engere Zusammenarbeit von Jugendämtern, Polizei und Trägern.

Das niedersächsische Sozialministerium betonte, Hilfeplangespräche in Einrichtungen seien üblich. Ob nach der Tat zusätzliche Sicherheitsvorgaben nötig sind, müsse nun geprüft werden. Zugleich warnen Gewerkschaften davor, Schutzräume durch zu hohe Sicherheitsbarrieren für Hilfesuchende unzugänglich zu machen. (dpa)
Martina Lewinski

Tatverdächtiger wegen sechsfachen Mordes in U-Haft 

Nach der tödlichen Schussattacke in einer Jugendhilfeeinrichtung in Stade sitzt der 45-jährige Tatverdächtige in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm sechsfachen Mord vor und nennt Heimtücke sowie niedrige Beweggründe als Mordmerkmale.

Hintergrund der Tat soll ein Sorgerechtsstreit um die gemeinsame drei Monate alte Tochter sein, über den das OLG Celle demnächst entscheidet. Eine Mordkommission ermittelt, die Polizei wertet Hinweise sowie Foto- und Videomaterial aus der Bevölkerung aus. Die Mutter des Kindes und eine Begleiterin des Tatverdächtigen wurden aus dem Gewahrsam entlassen. Unter den sechs Opfern sind drei Mitarbeitende des Jugendamts der Region Hannover und drei Beschäftigte der Jugendhilfeeinrichtung.

Gewerkschaften fordern nach der Tat eine Debatte über bessere Sicherheitskonzepte für Beschäftigte in der Jugendhilfe. (dpa)
Nele Hasselbusch

Kaufte der Tatverdächtige die Waffe eine Woche vor der Tat?  

Der mutmaßliche Schütze soll die Tat offenbar vorbereitet haben. Nach Recherchen des NDR soll der 45-Jährige die spätere Tatwaffe rund eine Woche vor den tödlichen Schüssen in Berlin gekauft haben. Laut NDR handelt es sich um eine Beretta Modell 70. Der Mann soll die Pistole am Kurfürstendamm erworben und dafür zusammen mit 21 Schuss Munition rund 4.000 Euro bezahlt haben. Offiziell bestätigt ist diese Information bislang nicht. Die Staatsanwaltschaft hatte sich aus ermittlungstaktischen Gründen bislang nicht zur Tatwaffe geäußert.
Nele Hasselbusch

Olaf Lies: „Mit welcher Grausamkeit der Täter vorgegangen ist, ist erschreckend“ 

Zum Auftakt seiner Sommerreise hat sich Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) im RTL-Interview noch einmal tief betroffen über die Bluttat in Stade geäußert. "Als ich das gehört habe, hat mich das zutiefst erschüttert“, sagt Lies. "Mit welcher Grausamkeit und Brutalität der Täter vorgegangen ist und Menschen, die sich eigentlich täglich darum kümmern, dass andere Menschen eine Perspektive bekommen, aus dem Leben gerissen hat, das ist erschreckend.“

Lies schilderte auch seine Eindrücke von der Gedenkandacht am Dienstagabend. Die große Anteilnahme habe gezeigt, wie sehr die Tat die Menschen bewege. „Die Menschen waren auch da, weil sie gemeinsam trauern wollten." Für ihn sei deshalb sofort klar gewesen, an der Andacht teilzunehmen: "Wir stehen an der Seite der Menschen, die dort leben, aber auch an der Seite der Hinterbliebenen, der Familien, der Freunde.“

Mit Blick auf die Folgen der Tat fordert der Ministerpräsident eine lückenlose Aufklärung. Zugleich müsse darüber gesprochen werden, wie Beschäftigte in der Jugendhilfe künftig noch besser geschützt werden können. "Wir können dankbar sein für die Menschen, die dort tätig sind“, betont Lies im Gespräch mit RTL.
Nele Hasselbusch

Staatsanwaltschaft: Ermittlungen gegen beide Frauen dauern an 

Warum wurden die beiden zunächst festgenommenen Frauen wieder freigelassen? Dazu hat sich die Staatsanwaltschaft Stade im Gespräch mit RTL geäußert. Gegen die 34-jährige Mutter des gemeinsamen Kindes und die mutmaßliche Fahrerin des Tatverdächtigen sei kein Haftbefehl beantragt worden.

Pressesprecherin Julia Pirk erklärt im Gespräch mit RTL: „Die beiden ebenfalls in Gewahrsam befindlichen Frauen wurden im Laufe des Nachmittags freigelassen. Gegen sie ist kein Haftbefehl beantragt worden. Im Übrigen dauern die Ermittlungen auch hinsichtlich der Tatbeteiligung der beiden Frauen an. Insoweit konnte zum jetzigen Zeitpunkt kein dringender Tatverdacht fest angenommen werden.“ 
Nele Hasselbusch

Beschwerde gegen Sorgerechtsentscheidung im Fall Stade

Im Sorgerechtsstreit um die drei Monate alte Tochter des mutmaßlichen Schützen steht eine Entscheidung des Oberlandesgerichts Celle noch aus. Nach Angaben des Gerichts haben sowohl die Mutter als auch der Vater Beschwerde gegen den Beschluss des Amtsgerichts Neustadt am Rübenberge eingelegt.

Das Amtsgericht hatte angeordnet, dass Mutter und Kind gemeinsam in einer Mutter-Kind-Einrichtung untergebracht werden. Zudem bleibt den Eltern vorerst die Gesundheitssorge für ihre Tochter entzogen. Nach der Schließung der betroffenen Einrichtung in Stade sind die 34-Jährige und das Baby inzwischen an einem anderen Ort untergebracht worden. (dpa)
Nele Hasselbusch

Warum war keine Polizei beim Gespräch dabei? 

Es stellt sich auch die Frage nach den Sicherheitsvorkehrungen. Nach Angaben des niedersächsischen Sozialministeriums finden Hilfeplangespräche wie das in der Mutter-Kind-Einrichtung üblicherweise nicht bei der Polizei oder vor Gericht statt. Zwar könne bei einer entsprechenden Gefahreneinschätzung auch die Polizei hinzugezogen werden, in diesem Fall sei das jedoch nicht erfolgt.

Das Ministerium kündigte an, nun mögliche Konsequenzen zu prüfen. Ob künftig zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen für solche Gespräche nötig seien, werde nun zu diskutieren sein. Zum jetzigen Zeitpunkt sei aber noch offen, welche Maßnahmen daraus folgen könnten. (dpa)