„Das ist ein Wildtier”Timmys Gesang sorgt für Hoffnung – doch Wal-Expertin warnt

Der Wal liegt am Mittwochmorgen in einem gefluteten Lastschiff kurz vor der dänischen Grenze (Aufnahme aus einem Flugzeug).
Der Wal liegt am Mittwochmorgen in einem gefluteten Lastschiff kurz vor der dänischen Grenze (Aufnahme aus einem Flugzeug). Der aus einer flachen Bucht vor Wismar geborgene Buckelwal wird in Richtung Nordsee transportiert. Der Meeressäuger hatte zuvor vier Wochen in der Bucht der Insel Poel festgesteckt.
picture alliance/dpa
von Steffen Fischer und Johanna Werning

Wochenlang fiebert nicht nur Deutschland mit dem gestrandeten Timmy mit.
Aktuell wird der Buckelwal mit einem Spezial-Lastkahn Richtung Freiheit gebracht. Dabei war in der Nacht zu Mittwoch plötzlich Gesang von Timmy zu hören. Doch während viele dies als gutes Zeichen werten, ist Meeresbiologin Lisa Klemens vom Deutschen Meeresmuseum skeptisch, wie sie im RTL-Interview erklärt.

Plötzlich macht Timmy Geräusche – aber was für welche?

Seit der vergangenen Nacht sind viele zuversichtlich: Denn plötzlich ist der Gesang von Timmy aus der Barge zu hören – tiefe, lang gezogene Töne, die durch die Dunkelheit hallen. Doch ein Zeichen, dass der Buckelwal nach seiner Familie ruft, sei das nicht, erklärt Klemens. „Was man nicht vergessen darf, Bartenwale machen Geräusche, wenn sie atmen.“ Dass Timmy tatsächlich in der engen Barge singt, sei unwahrscheinlich.

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„Singen tun diese Tiere eigentlich nur in ihren Paarungsgebieten. Das heißt, um praktisch fortpflanzungsfähiges Weibchen anzulocken oder männliche Konkurrenten praktisch zu vertreiben“, so die Meeresbiologin. „Das würde mich jetzt sehr wundern, wenn dieses Tier in so einer Situation singen würde.“

Immerhin sei die Rettungsaktion für den Buckelwal eine enorme Stresssituation. „Das ist ein Wildtier, das an offene Gewässer gewöhnt ist. Dieses Tier kennt keine engen Räume oder Begrenzungen.“ Hinzu kommt, dass es rund um Timmy sehr laut sei und der Wal diese Geräusche so nicht kennt – oder eher negative als positive Erfahrungen gesammelt habe, erklärt die Meeresbiologin.

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„Das Tier lag 30 Tage lang teilweise auf seinen Organen”

Darum sehen Klemens und weitere Experten des Deutschen Meeresmuseums den Versuch der privaten Rettungsinitiative äußerst kritisch und warnen eindringlich vor einem Abladen des Buckelwals im offenen Meer. Denn das Vorgehen berge unter anderem die Gefahr, dass der Meeressäuger ertrinke. Doch das ist nicht alles.

„Die Überlebenschancen für den Buckelwal sind schwer einzuschätzen“, erklärt die Meeresbiologin. Schon als der Wal in der Ostsee aufgetaucht sei, sei er bereits in einem schlechten Ernährungszustand gewesen. „Plus der Zustand der Haut sah schon deutlich verschlechtert aus.“ Die mehrfachen Strandungen haben den tonnenschweren Wal weiter geschwächt, so Klemens. „Das Tier lag 30 Tage lang teilweise auf seinen Organen. Das wird höchstwahrscheinlich schon Schäden hervorgerufen haben.“

Ob man daher wirklich von einer Rettung sprechen kann, müsse sich erst noch zeigen, so die Meeresbiologin. Davon könne erst dann gesprochen werden, wenn er sich selbstständig und dauerhaft auf seiner gewöhnlichen Route im Nordatlantik bewege, selbstständig fresse und sein Gesundheitszustand besser werde.

Deutsches Meeresmuseum fordert Dokumentation

Das Deutsche Meeresmuseum fordert dazu eine vollständige Dokumentation der kommenden Ereignisse. Die Daten des Senders am Tier müssten in Echtzeit öffentlich verfügbar gemacht werden, heißt es. Live-Videomaterial vom Wal während des Transports und während der Freilassung seien wichtig, um Erfahrungen für künftige Bergungen sammeln zu können.

Die private Rettungsinitiative hatte angekündigt, den Wal in der Nordsee freilassen zu wollen. Aktuell ist der Transport mit dem rund zwölf Meter langen und etwa zwölf Tonnen schweren Meeressäuger in dänischen Gewässern auf dem Weg in die Nordsee. Er liegt dazu in einem mit Wasser gefüllten Lastschiff, das von dem Mehrzweckschiff „Fortuna B“ gezogen wird.

Verwendete Quellen: dpa, eigene RTL-Recherche