Kanzler-Vorwürfe Richtung WashingtonMerz und Trump entfremden sich über Iran-Krieg

dpatopbilder - 03.03.2026, USA, Washington: US-Präsident Donald Trump empfängt Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) im Weißen Haus. Themen des Gesprächs waren der Krieg im Iran, der Zollstreit zwischen der EU und den USA und der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die China-Politik. Foto: Kay Nietfeld/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Anfang März klang der Bundeskanzler noch ganz anders.
Kay Nietfeld/dpa

Als Bundeskanzler Friedrich Merz zu Beginn des Iran-Krieges Donald Trump im Weißen Haus besucht, ist er noch auf Kuschelkurs mit dem US-Präsidenten. Inzwischen wählt er deutlich härtere Worte zu dessen Krieg. Israel gegenüber spart er allerdings mit Kritik.

Friedrich Merz ist ein überzeugter Transatlantiker. Aber in diesen Tagen ist immer deutlicher spürbar geworden, dass das Agieren von US-Präsident Donald Trump für immer mehr Distanz des Kanzlers zur Regierung in Washington sorgt.

Bisheriger Höhepunkt war ein Auftritt von Merz am Freitagabend bei einer Veranstaltung der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, bei dem er Trump indirekt einen verantwortungslosen Kurs im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg vorwarf - und keine Hoffnung mehr auf eine Besserung des Verhältnisses in der erst gut einjährigen Amtszeit von Trump durchschimmern ließ. „Das, was Trump da im Augenblick macht, ist nicht Deeskalation und der Versuch, da eine friedliche Lösung hinzubekommen, sondern eine massive Eskalation mit offenem Ausgang“, sagte Merz in aller Härte.

Das ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. So kontrastierte der Bundeskanzler damit die Bemühungen seines eigenen Außenministers. Johann Wadephul hatte am Freitag beim G7-Treffen im Dialog mit US-Außenminister Marco Rubio noch versucht, Übereinstimmung mit Washington zu betonen und US-Gesprächsversuche mit der iranischen Führung zu loben. Die Analyse von Merz ist dagegen ungewöhnlich negativ: „Zurzeit verstricken sich die Amerikaner und die Israelis in diesem Konflikt jeden Tag tiefer“, sagte Merz. „Ich habe große Zweifel, ob es eine Strategie gibt“, fügte er hinzu.

Die Hoffnung auf ein schnelles Kriegsende begrub er. „Insofern könnte es auch noch etwas länger dauern. Es wird wahrscheinlich nicht besser.“ Dazu passen Berichte, dass die USA offenbar einen Einsatz von Bodentruppen im Iran vorbereiten, der fast 90 Millionen Einwohner hat.

Diese Merz-Äußerungen gehen über normale Interessenkonflikte zwischen zwei Regierungen hinaus. Denn es wachsen auch die Zweifel an Trump selbst. Seit seinem Amtsantritt hat Merz sich um ein gutes Verhältnis zum US-Präsidenten bemüht. Beim Antrittsbesuch im Weißen Haus im Juni 2025 lud er ihn nach Deutschland ein und punktete nicht nur mit einer Kopie der Geburtsurkunde von Trumps Großvater aus Deutschland, sondern auch mit seiner US-Kenntnis und Wirtschaftserfahrung.

Immer wieder bemühte sich Merz um Kontakte, sodass er als einer der wenigen europäischen Spitzenpolitiker gesehen wurde und wird, die überhaupt etwas Einfluss auf diesen US-Präsidenten haben könnten. Er warb in der EU dafür, lieber keinen Streit im Zollkonflikt zu suchen.

Am 3. März reiste er nur für ein Gespräch mit Trump auf dessen Wunsch nach Washington. Im Oval Office hatte Merz beim gemeinsamen Auftritt noch verständnisvoller geklungen und betont, dass man die amerikanisch-israelischen Ziele teile, dass Iran nicht mehr über ein Atom- und Raketenprogramm verfügen und keine Terrororganisationen in der Region unterstützen dürfe. Aber schon dieses Gespräch hatte seine Zweifel genährt, dass es gar keine klare Strategie gebe.

Bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ äußerte sich Merz jetzt auch über Trump persönlich desillusioniert. „Das Gespräch war nicht ohne Widersprüche“, sagte Merz zu seinem Telefonat mit dem US-Präsidenten vergangenen Sonntag. Und er drücke sich dabei „halt höflich“ aus, fügte er zum Gelächter der Zuschauer hinzu. Denn Trump habe innerhalb einer halben Stunde immer wieder gesagt „I don’t need Nato“ - um dann die mangelnde Unterstützung des westlichen Verteidigungsbündnisses öffentlich zu kritisieren. Bisher hatte Merz immer auf die Vertraulichkeit der Gespräche verwiesen, die allerdings auch von Trump oft gebrochen wird.

Die gegenseitige Kritik schaukelt sich seit Tagen hoch. Zu Beginn des Iran-Krieges hatte der CDU-Chef noch verständnisvoller geklungen. Doch vor Tagen hatte der Kanzler auch wie Vertreter anderer europäischer Länder betont, dass man sich nicht am Krieg beteiligen werde, vor dessen Beginn man nicht gefragt worden sei und von dem er abgeraten hätte. Deutschland sei aber nach dem Konflikt zur Unterstützung bereit. Verteidigungsminister Boris Pistorius beschrieb diese Haltung mit dem prägnanten Satz: „Es ist nicht unser Krieg“.

Merz scheint die Hoffnung auf Besserung aufgegeben zu haben. Denn bei der FAZ betonte er zwar, dass er selbst das transatlantische Bündnis aus vielerlei Gründen nicht ohne Not aufgeben wolle - unter anderem hänge auch Europas Sicherheit davon ab. Aber seine Begründung war letztlich ein sehr kritisches Urteil über den amtierenden US-Präsidenten. „Wir wissen ja im Übrigen auch nicht, was kommt nach Trump“, sagte Merz. „Ich bin nicht unbedingt davon überzeugt, dass das sofort wieder besser werden muss. Aber es kann ja sein, dass es jemanden gibt, der den Wert des transatlantischen Bündnisses wieder anders beurteilt.“ Die deutsch-amerikanischen Beziehungen seien längst eine schwierige Gratwanderung geworden.

Dazu passt eine Eintrübung des Verhältnisses auch auf der anderen Seite des Atlantiks. Donnerstagabend hatte Trump die Europäer erneut für ihre fehlende Hilfe kritisiert. Am Freitagabend erwähnte er bei seiner Kritik an den Nato-Partnern erstmals auch den Kanzler selbst.

Auffallend ist, dass die Bundesregierung es bei aller Kritik an den USA und Trump vermeidet, ähnlich harte Kritik an Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und dessen rechtsnationalistischer Regierung zu äußern. Dabei wird regierungsintern gerade Netanjahu als treibende Kraft hinter dem Angriff auf Iran und für einige der Eskalationsschritte in der Region gesehen. Zwar betont auch Merz immer wieder, dass die eigentliche Ursache der Spannungen Irans Drohungen gegen den jüdischen Staat sei - deshalb hatte er 2025 die israelisch-amerikanischen Angriffe auf iranische Atomanlagen mit den Worten verteidigt, dass beide Länder die „Drecksarbeit“ auch für die Europäer machten.

Aber jetzt werden Washington und Jerusalem unterschiedliche Kriegsziele unterstellt. Und das Ziel eines Sturzes der iranischen Führung wird eher Israel zugeordnet. Merz hält dies für unrealistisch. „Wenn das das Ziel ist, glaube ich nicht, dass sie das erreichen werden“, sagte er Freitagabend. „Das ist meistens schiefgegangen.“

Verwendete Quellen: Andreas Rinke, rts