Nordamerika-Riese unter DruckTrumps Drohungen: Jetzt rückt Kanada der EU gefährlich nah

August 22, 2026, Ottawa, On, CANADA: A Canadian flag flies on Parliament Hill in Ottawa on Saturday, Aug. 22, 2026. Ottawa CANADA PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY - ZUMAc35_ 20260822_zaf_c35_026 Copyright: xPatrickxDoylex
Der kanadische Senat hat seinen Sitz auf dem Parliament Hill in der Hauptstadt Ottawa, die in der Provinz Ontario liegt.
IMAGO/ZUMA Press / IMAGO/Patrick Doyle

In der Berichterstattung bewegt sich Kanada aktuell meist zwischen Handels- und Zollstreit mit den USA und Annäherungen an Europa. Doch der nordamerikanische Staat ist mehr als nur ein Spielball anderer - vieles macht das zweitgrößte Land der Welt besonders.

Kanada ist das zweitgrößte Land der Erde - und doch bestimmt der kleinere Nachbar im Süden einen großen Teil seiner wirtschaftlichen Realität: Die beiden Länder stecken in einem tiefen Handelsstreit. US-Präsident Donald Trump hat zudem wiederholt damit gedroht, Kanada zum 51. Bundesstaat der Vereinigten Staaten zu machen. Auch vor diesem Hintergrund will die EU das Land nun zu einem „assoziierten Mitglied“ machen. Doch wie tickt der begehrte Riese aus Nordamerika?

Ähnlich wie Deutschland ist Kanada föderal organisiert. Das bedeutet, die Regierung auf Landesebene und Provinzen teilen sich die staatlichen Zuständigkeiten, die in der Verfassung festgelegt sind. Auch Einnahmequellen sind zwischen den Regierungsebenen aufgeteilt, damit beide eigenständig handeln können. Dieser Föderalismus soll sprachliche, wirtschaftliche und kulturelle Unterschiede zwischen den zehn Provinzen und drei Territorien berücksichtigen und politisch ausbalancieren. Der Constitution Act von 1867, Kanadas erstes schriftliches Verfassungsgesetz, bildet die zentrale Grundlage für die Verteilung der Zuständigkeiten zwischen Bund und Provinzen.

Eine besondere Stellung in Kanada hat die Provinz Québec: Es ist die einzige überwiegend französischsprachige Provinz und die einzige, in der Französisch die alleinige offizielle Provinzsprache ist. Auch rechtlich unterscheidet sich Québec vom übrigen Land: Während dort das französisch geprägte Zivilrecht gilt, basiert das Privatrecht der anderen Provinzen auf dem englischen Common Law. In der Provinz gab es immer wieder separatistische Bestrebungen. Beim zweiten und letzten Unabhängigkeitsreferendum von 1995 scheiterten die Separatisten knapp: 50,58 Prozent der Wahlberechtigten stimmten für einen Verbleib der Provinz in Kanada.

Indigene Bevölkerung prägt kanadische Geschichte

Kanadas politisches System folgt dem Westminster-Modell: Der Premierminister führt also die Regierung und muss das Vertrauen des gewählten Unterhauses besitzen. Staatsoberhaupt ist König Charles III., der in Kanada durch einen Generalgouverneur oder eine Generalgouverneurin vertreten wird - aktuell hat die 79-jährige Juristin Louise Arbour das Amt inne. Das Parlament besteht aus dem König, dem Senat und dem Unterhaus. Der Senat wird dabei ernannt, die Abgeordneten des Unterhauses dagegen gewählt.

Eines der wichtigsten politischen Themen Kanadas ist die Beziehung zu seinen indigenen Völkern - den First Nations, Inuit und Métis. Die Geschichte des Landes lässt sich deshalb nicht auf die britische und französische Kolonialisierung reduzieren. Die Europäer trafen auf Ureinwohner, die dort seit Tausenden Jahren lebten. Von ihnen stammt auch der Name des Landes: „Kanata“ soll in der Sprache der Sankt-Lorenz-Irokesen „Dorf“ oder „Siedlung“ bedeutet haben. Der Constitution Act von 1982, Kanadas zweites Verfassungsgesetz, erkennt in Abschnitt 35 ausdrücklich die Rechte der indigenen Völker an.

Bei der Aufarbeitung des Umgangs mit der indigenen Bevölkerung spielen die sogenannten Residential Schools eine wichtige Rolle. In diesen kirchengeführten Internatsschulen wurden indigene Kinder vom 19. Jahrhundert bis zur Schließung Mitte der 1990er-Jahre über Jahrzehnte von ihren Familien getrennt. Sie sollten ihre Sprache und Kultur aufgeben und sich an die kanadische Mehrheitsgesellschaft anpassen. Die kanadische Wahrheits- und Versöhnungskommission bezeichnete diese Politik in ihrem Abschlussbericht von 2015 als kulturellen Genozid, deren Folgen bis heute nachwirken und im Land spürbar sind.

Starke Abhängigkeit von den USA

Kanada ist wirtschaftlich eng mit seinem Nachbarn, den USA, verflochten: Nach Angaben der kanadischen Regierung wurden zwischen beiden Ländern im Jahr 2025 täglich Waren und Dienstleistungen im Wert von rund 3,5 Milliarden kanadischen Dollar gehandelt. Seit dem Inkrafttreten des nordamerikanischen Handelsabkommens CUSMA 2020 ist der Handel mit Waren und Dienstleistungen zwischen Kanada und den USA um mehr als 27 Prozent gewachsen.

Auch im Energiesektor sind die Nachbarn eng verbunden: Der beiderseitige Energiehandel erreichte 2024 rund 216,8 Milliarden kanadische Dollar. Energieexporte machten dabei etwa 29 Prozent der kanadischen Warenexporte in die USA aus. Die starke Abhängigkeit vom US-Markt bietet Kanada wirtschaftliche Chancen, macht das Land aber auch anfällig für Folgen von Zöllen, Handelskonflikten und politischen Spannungen.

Bei der Wirtschaft gibt es regionale Unterschiede. Im dicht besiedelten Süden der Provinz Ontario sind Industrie, Dienstleistungen und Finanzwirtschaft wichtige Bereiche. Im französischsprachig geprägten Québec spielen neben der Wasserkraft auch die Luft- und Raumfahrt eine wichtige Rolle. In British Columbia, ganz im Westen des Landes, sind der Handel über den Pazifik, Forstwirtschaft und Bergbau bedeutende Wirtschaftszweige.

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Auf der Suche nach hochqualifizierten Arbeitskräften

Kanadas Geschichte prägt sein Selbstverständnis als Einwanderungsland. Heute steuert das Land seine Einwanderung gezielt, um Arbeitskräftelücken zu schließen und wichtige Wirtschaftsbereiche zu stärken. Der Einwanderungsplan für 2026 bis 2028 setzt einen Schwerpunkt auf wirtschaftliche Einwanderung, unter anderem über Programme für hochqualifizierte Beschäftigte. Über das Provincial Nominee Program können Provinzen und Territorien Arbeitskräfte nach ihrem regionalen Bedarf nominieren und einstellen.

2027 und 2028 soll die wirtschaftliche Kategorie 64 Prozent der geplanten Aufnahmen von Personen mit dauerhaftem Aufenthaltsstatus ausmachen - der höchste Anteil seit Jahrzehnten. Gesucht werden unter anderem hochqualifizierte Arbeitskräfte für Gesundheitsberufe, Handwerk und aufstrebende Technologien. Zugleich will die Regierung die Zahl der temporär Zugewanderten begrenzen, um den Druck auf Wohnraum, Gesundheitsversorgung und andere öffentliche Dienstleistungen zu verringern. Die Zielzahlen liegen bei 385.000 Neuankömmlingen im Jahr 2026 und jeweils 370.000 in den Jahren 2027 und 2028.

Kanadas enorme Größe von fast zehn Millionen Quadratkilometern ist ein prägender Faktor für die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen des Landes. Die große Mehrheit der Bevölkerung, fast 90 Prozent, lebt im Süden, vor allem in Städten und Ballungsräumen. Die drei nördlichen Territorien Yukon, Nordwest-Territorien und Nunavut machen rund 40 Prozent der Landfläche aus. Dort leben jedoch nur etwa 0,3 Prozent der insgesamt gut 41,5 Millionen Einwohner Kanadas. Dort sind unter anderem Fragen der Infrastruktur, der Rohstoffgewinnung und der Rechte der indigenen Bevölkerung besonders wichtig.

Verwendete Quellen: dpa, Alicia Windzio und Marc Fleischmann