Mit Gaza-Demo sorgt er für Ärger„Lieber Friedrich Merz“: Komiker Hallervorden provoziert im Wahlkampf

Uwe Steimle bei der AfD, Dieter Hallervorden bei der CDU - im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt holen sich die Parteien Unterstützung von prominenten Persönlichkeiten. Das ist nicht ohne Risiko, sagt ein Experte.
Natürlich singt er es auch in Dessau, das Lied, das so manche in der CDU auf die Palme bringt. „Lieber Friedrich Merz“, fängt Dieter „Didi“ Hallervorden an - und zieht durch. Inklusive Einblendung einer Demo, bei der der Schriftzug „Stoppt den Völkermord in Gaza“ gezeigt wird.
Dabei steht Hallervorden nicht auf irgendeiner Bühne. Sein Auftritt ist Teil einer Wahlkampfveranstaltung von Sachsen-Anhalts Ministerpräsident und CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze. „Herr Merz, wenn ihr glaubt, dass Krieg sich lohnt, kämpft doch da, wo keiner wohnt, kämpft gefälligst auf dem Mond!“ - tosender Applaus. Hallervorden will dabei helfen, so sagt er es selbst, eine absolute Mehrheit der AfD zu verhindern.
Genau drei Wochen ist es her, da stand auf derselben Bühne, der des Golfparks in Dessau, der Kabarettist Uwe Steimle - zusammen mit AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund und AfD-Co-Chef Tino Chrupalla. Der Auftritt sorgte wegen Steimles Gewalt-Anspielungen für Aufsehen - und weil er die DDR-Hymne anstimmte.
Hallervorden und Steimle - für wahlkämpfende Politiker ist solche Promi-Unterstützung nicht ohne Risiko. „Wenn man sich einen Promi mit ins Boot holt, sollte man vorab überlegen, ob man mit ihm wirklich besser ans Ziel kommt oder einen Schlingerkurs fährt“, sagt der Politikwissenschaftler Benjamin Höhne von der Technischen Universität (TU) Chemnitz. Höhne wurde in Sachsen-Anhalt geboren und hat unter anderem in Halle und Magdeburg geforscht und gelehrt.
Seiner Einschätzung nach ist der Einsatz von Hallervorden für Schulze risikobehafteter als der von Steimle für die AfD. „Bei Steimle sind die Positionen fast deckungsgleich zu dem, was die AfD nach vorne stellt - das Spielen mit der DDR-Vergangenheit, das Bemühen der Ost-Identität, das Schüren von Zweifeln am Staat und seinen Spitzenvertretern wie Merz. Da passt kaum ein Blatt zwischen Steimle und die AfD“, sagt er.
Bei Hallervorden und Schulzes CDU ist das ein bisschen anders. „Dass die CDU substanziell davon profitieren wird, glaube ich eher nicht.“ Höhne hält die Auftritte mit Hallervorden für keine gelungene Wahlkampfaktion. Eine Partei sollte überlegen, wem sie eine Plattform bietet: Wer genau kommt da eigentlich mit welchen Positionen und wie verhalten sich diese zu den eigenen Wertvorstellungen? „Wenn beide zu weit auseinandergehen, ist eine öffentliche Parteiveranstaltung vielleicht nicht der richtige Ort. Eine Partei will doch in erster Linie die eigenen Positionen nach vorne bringen.“
An dem Abend in Dessau ist Schulzes großes Thema die Meinungsfreiheit. Er teile nicht alle Inhalte von Hallervorden, aber er wolle die Meinungsfreiheit nicht einer einzelnen Partei überlassen, die plakatiere, dass man nicht mehr alles sagen könne. „Vielleicht ist es auch ein Fehler der CDU in den vergangenen Jahren gewesen, dass man solche kontroversen Debatten zu wenig geführt hat“, sagt Schulze auf der Bühne.
Nur mit diesen schaffe man Vertrauen bei den Menschen: „Ich möchte kein Land regieren, wo alle nur das sagen, was vielleicht in Magdeburg gern gehört wird“, so der Spitzenkandidat. Und so teilt Hallervorden an diesem Abend munter weiter aus - auch gegen die neue CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann.
Diese hatte vor ein paar Tagen der „Bild“-Zeitung zu Hallervordens Auftritten gesagt, dass es für die CDU Deutschlands keinen Völkermord in Gaza gebe. „Diese Frau Hoppermann, selbst wenn ich Pantomime machen würde, würde die bestimmt noch ein unzulässiges Wort entdecken“, so Hallervorden.
Auch Steimle gibt er einen mit: Dass dieser die DDR-Hymne angestimmt habe, halte er „für eine Verhöhnung der Mauertoten“. Der Saal ist voll, die Luft warm und stickig.
Hallervordens großes Thema ist Frieden. „In allen Kriegen gehört zum Siegen, bella ciao, bella ciao (..) die Menschen sterben wie Eintagsfliegen“, singt er später. Und bringt damit ein Thema vor, das eigentlich eher andere Parteien als die CDU in Ostdeutschland besetzen. Will Schulze mit „Didi“ vielleicht nicht nur der AfD Wähler abspenstig machen, sondern auch von BSW und Linke?
Höhne ist skeptisch, ob das gelingen kann. Das Thema sei zwar im Osten wichtiger als im Westen, aber es werde bereits durch politische Angebote mehrerer Parteien abgedeckt - AfD, BSW, Linke. Zur CDU passe es kaum, da sie sich immer noch als transatlantischer Partner verstehe und keinen Zweifel daran aufkommen lasse, dass beim Krieg in der Ukraine die Aggression von Russland ausgehe. „Daher glaube ich nicht, dass damit neue Wähler zu erreichen sind“, sagt Höhne.
Der 90-jährige Hallervorden ist in Sachen Wahlkampf ein alter Hase. SPD-Politiker Helmut Schmidt habe er bereits im Wahlkampf unterstützt, ebenso die FDP-Politiker Hans-Dietrich Genscher und Walter Scheel. Nun lobt er Schulzes Rückgrat, „zu sagen: Wir lassen uns von denen in Berlin nicht vorschreiben, wie wir in Sachsen-Anhalt Wahlkampf zu machen haben“. Das sagte er in Richtung Hoppermann. Er sei sich „ziemlich sicher“, alle im Saal werde es noch geben, „wenn Frau Hoppermann längst abgewählt ist“. Lachen und Applaus aus dem Publikum.
Verwendete Quellen: Stefan Hantzschmann, dpa


