Einen Monat nach der Feuerhölle von Crans-MontanaWie die Familien jetzt lernen müssen, mit der Trauer zu leben

Einen Monat nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana liegt der Schock noch immer schwer in der Luft.
Für die Angehörigen der Opfer hat sich das Leben unwiderruflich verändert, während die Öffentlichkeit langsam zur Tagesordnung übergeht. Doch nun beginnt für die Betroffenen erst jetzt die eigentliche Arbeit der Trauer: das Begreifen des Verlusts, das Aushalten des Schmerzes und der vorsichtige Versuch, dem Alltag wieder einen Platz zu geben. Wie gehen Familien und Freunde mit dem Unfassbaren um – und was hilft ihnen, Schritt für Schritt weiterzugehen? Bei dem Versuch das zu verstehen, hat uns Therapeutin Ruth Marquardt geholfen.
Die fünf Phasen von Trauer
Marquardt weiß: „Wenn ein uns nahestehender Mensch stirbt, durchlaufen die meisten Menschen mehrere Phasen der Trauer:
Verdrängung / Nicht-Wahrhaben-Wollen (Das kann nicht wahr sein, das glaube ich nicht!)
Zorn (Wer hat mir das angetan?)
Verhandeln (Wie kann ich das wieder gut machen?) In solchen Fällen gründen Eltern Selbsthilfegruppen, betreiben Aufklärung, um andere zu informieren oder ähnliches.
Depressive Phase (nicht mit der Situation umgehen können) Ein Gefühl von Hilflosigkeit, Schwäche oder Ohnmacht macht sich breit und scheint unüberwindbar.
Akzeptanz (Frieden schließen, das Leben schätzen, dankbar sein können für die gemeinsame Zeit)“

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„Jede Trauer verläuft individuell”
Doch nicht alle Menschen würden alle Phasen durchleben, so Marquardt. „Jede Trauer verläuft individuell. Nach dem ersten notwendigen Organisieren müssen, Sich-Kümmern-Müssen, ist dann auch irgendwann alles getan. Danach stellt sich die Frage: Was nun? Wir werden als Menschen auf uns selbst und unser Gefühl zurück geworfen. Jetzt haben wir „Zeit“ dazu.“ Viele Menschen fallen dann in ein Loch – besonders oft ist das der Fall, wenn die Beerdigung hinter einem liegt und man plötzlich nichts mehr zu organisieren hat. „Ein Mensch fehlt, seine Energie, das gemeinsame Leben fehlen. Jemand ist nicht mehr da. Damit fühlen viele Trauernde eine Lücke. Nun geht es darum, sich diesem Gefühl zu nähern, zu prüfen: Kann ich das aushalten? Will ich mir Hilfe suchen? Oder übermannt es mich?“
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Der Austausch unter Betroffenen kann eine große Stütze sein
Eine große Stütze kann der Austausch mit anderen Betroffenen sein, die das Gleiche durchmachen. Sie alle sind in trauriger Art in ihrem Schicksal vereint, denn alle durchlebten die gleiche Situation, verloren ebenfalls einen geliebten Menschen beziehungsweise das eigene Kind. Marquardt erklärt, warum der Kontakt eine große Hilfe sein kann: „Viele Eltern berichten, dass genau das für sie hilfreich war. Der Austausch unter Gleichgesinnten bedeutet: Hier sind Menschen, mit denen ich auf Augenhöhe sprechen kann, da sie meine Erfahrungswelt teilen. Es kann offen gesprochen werden, da sich die Eltern gegenseitig als „kompetent“ in ihrem außergewöhnlichen Erleben mit dieser extrem belastenden Erfahrung ansehen. Gemeinsam können so die Trauer bearbeitet und Lösungsansätze für den neuen Lebensabschnitt gefunden werden. Wichtig ist, dass die Eltern sich ernst genommen und verstanden fühlen. Sie wünschen sich selten übertriebene Betroffenheit oder extremes Mitleid, häufig sind hier Zuhören und Austausch wichtiger und hilfreicher als gut gemeinte Ratschläge“, erklärt Marquardt.


