Sehnsucht nach früherRetro-Trend: Daran erinnern sich die Deutschen besonders gern

Vieles von früher lässt die Deutschen bis heute nicht los, von alten Hits bis zum Spielzeug aus dem Kinderzimmer. Aktuelle Umfragen zeigen, welche Jahrzehnte im Rückblick am besten abschneiden und warum die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten längst auch junge Erwachsene erfasst hat.
Rund drei Viertel (74 Prozent) der 18- bis 34-Jährigen sehnen sich häufig oder manchmal nach einer Zeit, die sie selbst nie erlebt haben. Das zeigt eine Umfrage, die im August 2026 im Auftrag von Mars Wrigley durchgeführt wurde.
Wer die eigene Jugend noch gut im Gedächtnis hat, blickt meist gern zurück. 63 Prozent der Deutschen bezeichnen sie als die schönste Zeit ihres Lebens, wie eine Umfrage von YouGov und dem SINUS-Institut unter Menschen zwischen 18 und 75 Jahren im Sommer 2023 ergab. Noch einmal jung sein wollten trotzdem nur 37 Prozent.
Die 80er und 90er liegen vorn
Besonders freundlich fällt der Rückblick auf zwei Jahrzehnte aus. Für die Studie "Welche Träume bewegen Deutschland?" der Friedrich-Ebert-Stiftung wurden schon 2024 mehr als 4.000 Wahlberechtigte gefragt, in welchem Jahrzehnt es Menschen wie ihnen am besten gegangen sei. Die 80er lagen mit 22 Prozent knapp vor den 90ern mit 21 Prozent. Für die 70er und die 2000er entschieden sich jeweils zwölf Prozent, für die Gegenwart gerade einmal acht Prozent.
Ein Beleg dafür, dass früher alles besser war, ist das nicht. Laut Studie erinnern sich die Menschen an diese Jahre als geordnet und überschaubar, nicht als frei von Problemen. Als Kulisse für schöne Erinnerungen stehen beide Jahrzehnte aber weit oben, selbst bei denen, die sie nicht miterlebt haben: Von den 18- bis 34-Jährigen, die diese Sehnsucht kennen, nannten in der Mars-Wrigley-Umfrage 33 Prozent die 80er als das Jahrzehnt, das sie am meisten fasziniert, 22 Prozent die 90er. Was daran reizt, ist vor allem das Leben ohne Dauerverbindung: 60 Prozent fasziniert eine Zeit mit weniger Technik, 58 Prozent eine, in der man nicht ständig online war.
Oldies, Baggy Jeans und das alte Tamagotchi
Ein Song läuft, und plötzlich ist die erste Klassenfahrt wieder da. Musik gehört für viele fest zur eigenen Lebensgeschichte, und ihre Anziehungskraft reicht über einzelne Generationen hinaus. In einer weiteren YouGov-Erhebung mit dem SINUS-Institut zählten 2022 genau 34 Prozent der 18- bis 75-Jährigen Oldies und Evergreens zu ihren Lieblingsgenres. Die alten Hits landeten damit hinter Pop (53 Prozent) und Rock (45 Prozent) auf Platz drei, noch vor dem Schlager.
Auch der Kleiderschrank bietet reichlich Stoff für Zeitreisen. Baggy Jeans und Bandshirts greifen aktuell Looks auf, die schon in den 90ern und frühen 2000ern zu sehen waren. Was die einen aus der eigenen Jugend kennen, entdecken andere gerade erst. Die Modesoziologin Melanie Haller erklärte im NDR-Interview, solche Wiederholungen hätten verschiedene Anstöße: Filme und Serien könnten frühere Stile zurückbringen, ebenso die Faszination für eine andere Kultur. Zugleich gab sie zu bedenken, dass sich frühere Lebensgefühle vermarkten ließen, sobald daraus ein benannter Trend werde.
Wie stark die Bindung an Dinge von früher sein kann, zeigt eine YouGov-Umfrage im Auftrag von Kleinanzeigen. 35 Prozent finden es rückblickend schade, Gegenstände aus ihrer Kindheit oder Jugend weggeworfen oder verkauft zu haben. Bei Gen Z und Millennials kauft fast jeder Vierte bewusst Dinge aus dieser Zeit, die er oder sie sich damals nicht leisten konnte. Die frühere Wunschliste ist offenbar noch nicht überall abgehakt.
Retro als Geschäftsmodell
Die Unternehmen haben das längst verstanden. 83 Prozent der Befragten in der Mars-Wrigley-Umfrage wünschen sich, dass Marken öfter Klassiker neu auflegen, und viele tun genau das. Adidas verdiente Anfang 2024 vor allem mit den Turnschuh-Modellen Samba und Gazelle aus den 50er- und 60er-Jahren sowie Spezial, Campus und SL72 aus den 70ern.
Spielzeughersteller Bandai eröffnete 2024 in London einen eigenen Tamagotchi-Laden, nachdem sich die weltweiten Verkäufe des Kult-Eis binnen eines Jahres Medienberichten zufolge mehr als verdoppelt hatten. Laut einer Auswertung von Kleinanzeigen kostete ein Tamagotchi Connection Anfang 2021 im Schnitt rund 20 Euro, inzwischen sind es fast 70 Euro. Ein iPod Classic der fünften Generation wechselt für durchschnittlich 90 Euro den Besitzer, rund 70 Prozent mehr als vor fünf Jahren.
Auch die Schallplatte dreht weiter: 2025 wuchs der Vinyl-Umsatz in Deutschland laut Bundesverband Musikindustrie um 2,8 Prozent, inzwischen entfallen 44 Prozent des physischen Musikmarkts darauf. Mars Wrigley schließlich hat die Kaugummiklassiker Wrigley's Spearmint, Doublemint und Big Red als limitierte Retro-Edition bis Anfang Dezember 2026 zurück in die Regale gebracht, als Dragees statt wie früher als Streifen. An einem Turnschuh oder einer Packung Kaugummi hängt eben manchmal ein ganzes Stück Jugend.
(jmk/spot)


