Ihr Unfallchirurg im RTL-InterviewSchiffsschraube reißt Jeannine ein Bein ab – so geht es jetzt für die Fünffach-Mutter weiter

Berliner Mutter von fünf Kindern verliert Bein im Ägypten-Urlaub – Jetzt spricht sie im RTL-Interview
Bei einem Bootsausflug in Ägypten verliert die Berliner Fünffachmutter Jeannine ein Bein, weil der Motor zu früh gestartet wird.
privat

„Damit ist die Behandlung noch lange nicht am Ende. Damit geht es eigentlich erst los.“
Sie hat überlebt – nach dem schweren Bootsunfall im Ägypten-Urlaub ist das für Jeannine und ihre Familie die wichtigste Nachricht. Doch nachdem ihr linkes Bein oberhalb des Knies amputiert werden musste, beginnt für die Fünffach-Mutter nun ein völlig neuer Kampf: der zurück in einen möglichst selbstständigen Alltag.

Im Ägypten-Urlaub verliert Jeannine ein Bein

Wie dieser Weg aussieht, hat Professor Georg Osterhoff, Unfallchirurg und Direktor der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie am Unfallkrankenhaus Berlin, im RTL-Interview erklärt. Jeannine hat den Arzt für dieses Gespräch ausdrücklich von der Schweigepflicht entbunden.

Professor Georg Osterhoff ist Direktor der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie am Unfallkrankenhaus Berlin.
Professor Georg Osterhoff ist Direktor der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie am Unfallkrankenhaus Berlin.
bg-kliniken

Die Berliner Fünffach-Mama Jeannine war während eines Schnorchelausflugs in Ägypten von einer Schiffsschraube schwer am Bein verletzt worden. Verletzungen dieser Art kennt Professor Osterhoff auch aus Berlin. Schiffsschrauben könnten so schwere Wunden verursachen, dass dabei Blutgefäße an den Extremitäten verletzt werden. Besonders im Wasser könne die daraus resultierende Blutung schnell lebensgefährlich werden.

Jeannine hatte Glück im Unglück: Aus dem beruflichen Kontext wusste ihr Bruder, wie man in einem solchen Fall richtig handelt. Er leistete Erste Hilfe und band das schwer verletzte Bein ab. Nach Auswertung der vorliegenden Unterlagen war das laut Osterhoff entscheidend: „Dann hat er genau richtig gehandelt. Dann geht es da wirklich um wenige Minuten. [...] Da muss man die Blutung stoppen.”

Bei einer Amputation oder teilweisen Amputation sei das Abbinden in einer solchen Extremsituation genau das richtige Vorgehen. Anschließend sei auch die schnelle Versorgung in einem spezialisierten Traumazentrum entscheidend gewesen.

„Sie lernt erst mal, sich zurechtzufinden im Alltag“

Zunächst kämpften die Ärzte in diesem Traumazentrum in Ägypten um den Erhalt des schwer verletzten Beins. Doch vergeblich. Als Jeannine nach Deutschland ins Unfallkrankenhaus Berlin kommt, ist der Oberschenkelstumpf bereits weitgehend ab, so der Professor. Weitere Operationen seien nach derzeitigem Stand nicht nötig. Dennoch liegt noch ein schwerer Weg vor Jeannine. Denn jetzt beginnt die langwierige Rehabilitation.

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„Im Moment lernt sie erst mal, ohne Bein zu laufen, auch noch ohne Prothese. Sie lernt erst mal, sich zurechtzufinden im Alltag“, erklärt Osterhoff. Dabei gehe es zunächst um Dinge, über die Jeannine vor ihrem Unfall vermutlich kaum nachdenken musste: ins Badezimmer gehen, sich auf einen Stuhl setzen oder sicher stehen. Durch die Amputation habe sich die gesamte Gewichtsverteilung verändert. Gleichzeitig müsse das verbliebene Bein lernen, anders belastet zu werden.

Parallel bereiten Physiotherapeuten und Orthopädietechniker den Oberschenkelstumpf auf die spätere Prothese vor. Er werde speziell bandagiert und geformt, damit er eine möglichst stabile Form erhält. Anschließend müsse ein individuell angepasster Schaft entstehen, in dem der Stumpf sicher sitzt und der die Verbindung zum künstlichen Bein herstellt. All das funktioniere jedoch nicht auf Anhieb. „Dann gibt es immer Druckstellen, dann muss wieder was angepasst werden und das geht ganz, ganz lange“, so Professor Osterhoff.

Zunächst bekomme Jeannine deshalb einen Probeschaft. Schon während ihres noch mehrere Wochen dauernden Krankenhausaufenthalts soll dieser angepasst werden.

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Diese Worte des Unfallchirurgen machen Hoffnung

Schon jetzt könne Jeannine mit Stöcken laufen. Wenn sie die Klinik verlässt, soll sie bereits mit dem angepassten Probeschaft versorgt sein. Danach gehe die Behandlung ambulant weiter. Regelmäßig stünden dann Termine in der Amputationssprechstunde und bei den Orthopädietechnikern an. Schritt für Schritt werde schließlich die endgültige Prothese angepasst.

Auch wenn die Vorstellung, künfitg mit einer Prothese durchs Leben gehen zu müssen, zunächst angsteinflößend ist: Moderne Prothesen eröffnen heute Möglichkeiten, die vielen Betroffenen Hoffnung machen können. Selbst bei einer hohen Amputation wie bei Jeannine könne es damit möglich sein, wieder gut zu laufen. „Die meisten kommen in den Beruf zurück. Die meisten können sogar wieder Sport machen. Man kann sogar schwimmen, es gibt auch Badeprothesen.“

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Bis dahin liegt allerdings viel Arbeit vor Jeannine. Allein die endgültige Anpassung könne sich über Monate ziehen. Osterhoff gibt deshalb einen realistischen Zeithorizont: „Bis man mit so einem Bein dann wieder einigermaßen normal laufen kann, da vergeht ein Jahr.“

„Auch der Kopf muss funktionieren“

Die körperliche Rehabilitation ist allerdings nur ein Teil dessen, was jetzt auf die Fünffach-Mutter und ihre Familie zukommt. Denn Jeannine muss nicht nur lernen, mit nur einem Bein und später mit einer Prothese zu leben. Ein solches Unglück kann auch psychisch enorme Folgen haben.

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Im Unfallkrankenhaus, so erklärt Professort Osterhoff, gibt es deshalb unter anderem speziell geschulte Psychotraumatologen. Hinzu komme ein sogenanntes Peer-Programm. Dabei treffen frisch Amputierte auf Menschen, die selbst seit mehreren Jahren mit einer Amputation leben. Sie können aus erster Hand erzählen, wie Alltag, Beruf und Sport mit einer Prothese funktionieren.

Gerade zu Beginn befänden sich Betroffene nach Osterhoffs Erfahrung häufig in einem psychischen Ausnahmezustand. Der Austausch mit Menschen, die bereits wieder mitten im Leben stehen, könne dann enorm helfen. Für Professor Osterhoff gehören deshalb beide Seiten untrennbar zusammen: „Man muss eine Funktion vom Bein haben, aber auch der Kopf muss funktionieren.“

Jeannines Weg ist also noch lang. Doch während es unmittelbar nach dem Unfall zunächst in erster Linie darum ging, ihr Leben zu retten, beginnt jetzt der nächste große Schritt: ihr möglichst viel von diesem Leben zurückzugeben.

Verwendete Quelle: eigene RTL-Recherche