RTL Docs Sprechstunde am MittagKrebsfrei oder geheilt? Das ist der Unterschied

Rund 520.000 Menschen erhalten in Deutschland jedes Jahr die Diagnose Krebs.
Doch Krebs ist nicht gleich Krebs: Welche Organe betroffen sind, wie die Behandlung abläuft und wie die Erfolgsaussichten sind, kann sich individuell unterscheiden. Entsprechend viele Fragen beschäftigen Betroffene und Angehörige. Unter anderem welche neuen Therapieformen es gibt, wann man als geheilt gilt und ob es einen Grund dafür gibt, wenn auch schon kleine Kinder Krebs bekommen, erklärt Onkologe Dr. Christian Müller in seinen Antworten auf eure „Punkt 12”-Zuschauerfragen.

Welche (neuen) Therapieformen gibt es bei Krebs?

„Es gibt ganz viel Neues”, sagt Dr. Christian Müller, Direktor Klinik für Internistische Onkologie, Kliniken Essen-Mitte, bei Punkt 12. „Wir haben, schon gar nicht mehr so neu, die Immuntherapie, sogenannte Checkpoint-Inhibitoren seit über zehn Jahren, die den Körper selber in die Lage versetzen, gegen Krebszellen vorzugehen. Bei manchen Erkrankungen supereffektiv, da braucht man gar nichts anderes mehr. Bei anderen Erkrankungen ist es nicht so wirksam, da kombiniert man Chemotherapie. Es tut sich gerade unheimlich viel. Es wurden noch nie so viele Medikamente neu zugelassen wie in den letzten Jahren.”

Was bedeutet Theranostik?

„Bei Theranostik werden die zwei Welten der Strahlentherapie und der Medikamententherapie vereinbart”, erklärt Müller. Das bedeutet: „Wir koppeln strahlende Partikel mit Antikörpern, die Tumorzellen erkennen können. Die werden dann in den Körper eingebracht und können sozusagen direkt an den Tumorzellen wirken und diese zerstören.”

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Was ist der Unterschied zwischen krebsfrei und geheilt?

Laut Müller spreche man bei vielen Tumorerkrankungen von „geheilt”, wenn man eine heilende Behandlung zum Beispiel durch eine Operation sowie eine Nachbehandlung mit Chemotherapie mache. Dabei gebe es immer ein gewisses Rückfallrisiko. Kommt der Krebs etwa fünf Jahre nicht zurück, gelte man als gesund und brauche keine Kontrollen mehr zu machen.

„Ein bisschen anders ist es, wenn man Metastasen hat, wenn man die wegschneidet und man hat gerade Ruhe, es ist nichts da, dann gilt man als ‘krebsfrei’ in diesem Moment”, erklärt der Onkologe weiter. „Aber ich kann dem Patienten nicht unbedingt sagen ‘Du bist jetzt für immer geheilt’, sondern er muss weiter in Kontrollen bleiben.” Nach zehn Jahren ohne Krebsrückfall könne man aber auch in diesem Fall von „geheilt” sprechen. „Aber in der Medizin ist es nie 100 Prozent.”

Warum bekommen auch Kinder Krebs?

„Gott sei Dank ist es nicht so, dass ganz viele Kinder an Krebs erkranken. Es ist Gott sei Dank eine Seltenheit”, sagt Müller. „Das sind letztlich meistens tragische, tragische Fälle, die eben einfach so entstehen.” Eine bestimmte Ursache finde man hier meist nicht, ein spezieller Lebenswandel sei dafür nicht verantwortlich.”

Kann Brustkrebs chronisch werden?

„Eine chronische Erkrankung heißt, man hat die Erkrankung, kann sich aber mit relativ einfachen oder gar keinen Mitteln sehr viele Jahre unter Kontrolle halten”, erklärt der Experte. Gerade bei Brustkrebs gelinge das sehr häufig, allerdings könne es Folgen der Therapien geben, wie beispielsweise eine Neuopathie, also eine Schädigung der Nerven.

„Die Nebenwirkungen, die manche Therapien auslösen, gerade die Neuropathie, ist in unserer Disziplin ein Riesenproblem. Wir haben viele Medikamente, die solche Neuropathien auslösen. Wir haben keine guten Medikamente dagegen. Man kann Trainings machen, Physiotherapie machen, Gegenstimulation machen. Manche Patienten reagieren sogar auf Akupunktur ganz gut. Das muss man eventuell mal ausprobieren. Es verschwindet häufig, aber es ist tatsächlich ein chronisches Problem. Womit wir auch immer wieder viel zu tun haben.“

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Die Symptome sind wieder da – kommt der Krebs zurück?

Wurde eine Krebserkrankung erfolgreich behandelt und Symptome treten wieder auf, rät Müller dazu, das vom behandelnden Arzt abklären zu lassen. „Man darf es nicht bagatellisieren, es muss aber nicht immer jedes Symptom gleich ein Rückfall darstellen. Wenn man das im Kopf hat und weiß ‘Mensch, ich schwitze wieder sehr stark, ist da vielleicht was?’, dann sollte man es mit seinem behandelnden Arzt abklären. Der kann Blutuntersuchungen machen und da sicher weiterhelfen.“

Welche Behandlungsangebote gibt es neben der Krebstherapie?

„In unserer Klinik bieten wir allen Patienten psychoonkologische Beratung für Betroffene und Angehörige an, Ernährungsberatung speziell bei Bauchspeicheldrüsenkrebs. Das gehört eigentlich zu einer Behandlung dazu.“

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Ist Krebs vererbbar?

„Es gibt ein paar Krebsarten, die ein bisschen prädestiniert für eine Vererbung sind”, sagt Müller. Als Faustregel könne man sich merken: „Wenn Menschen in der eigenen Familie unter 50 Jahren erkranken, dann ist immer ein gewisses Alarmzeichen, dann sollte man dem nachgehen. Man kann sich mit so einer Angst auch tatsächlich mal bei einem Humangenetiker vorstellen, per Überweisung durch den Hausarzt.” Dieser könne durch Bluttests eine mögliche genetische Vorbelastung feststellen. „Das sollte man, wenn man Angst hat, in Anspruch nehmen.”

Gibt es eine Lebensweise, mit der man Krebs verhindern kann?

„Sport, fit bleiben, sich trainieren, möglichst kein Übergewicht”, rät der Onkologe. „Und natürlich die üblichen Verdächtigen: Nicht Rauchen ist nach wie vor der Klassiker. Das macht nicht nur Krebs, sondern auch ganz viele andere Organe kaputt. Alkohol zählt auch zu den Übeltätern. Das sind alles Dinge, die man berücksichtigen sollte oder wissen sollte. Natürlich sind die Früherkennungen wichtig, dass man die wahrnimmt.”

Zurzeit seien auch Bluttests in der Entwicklung, die im Körper eine mögliche Erkrankung erkennen sollen. „Da gibt es auch ganz positive Aussichten”, sagt Müller. „Im Moment haben wir unsere standardisierten Früherkennungen: seit Neuestem auch die Lungenkrebsfrüherkennung für Risikopatienten, die typischen gynäkologischen Untersuchungen sind ganz wichtig und die Darmspiegelung.”

Die Darmspiegelung sollte man ab 50 Jahren nutzen, so wie es die Kassen vorschreiben. Ein wenig früher sei aber auch nicht verkehrt, da die Patienten jünger werden. Für viele Erkrankungen gebe es allerdings keine nachgewiesenen positiven Programme. Da könnte künftig der Bluttest helfen. „Der ist noch nicht sicher in greifbarer Nähe, aber ich bin ganz optimistisch, dass das kommen wird.“

Verwendete Quellen: RTL