Er liebt nicht nur schnelle Autos

Zhou Guanyu - Chinas Formel-1-"Expressionist"

 Formula 1 2022: Azerbaijan GP BAKU CITY CIRCUIT, AZERBAIJAN - JUNE 12: Zhou Guanyu, Alfa Romeo, arrvies into the paddock during the Azerbaijan GP at Baku City Circuit on Sunday June 12, 2022 in Baku, Azerbaijan. Photo by Simon Galloway / LAT Images
Zhou Guanyu ist der erste chinesische Stammfahrer der F1-Geschichte
www.imago-images.de, IMAGO/Motorsport Images, IMAGO/Simon Galloway

von Martin Armbruster, Silverstone

Zhou Guanyu ist der erste chinesische Stammfahrer der Formel-1-Geschichte – und kann seit dem Grand Prix von Großbritannien in Silverstone ein zweites Geburtsdatum angeben: den 3. Juli 2022. Wie durch ein Rennsport-Wunder überlebt der Alfa-Romeo-Pilot einen schweren Startcrash unverletzt. Drei Tage zuvor haben wir Zhou zum Interview getroffen und einen Mann kennengelernt, der so gar nicht dem Klischee des introvertierten Chinesen entspricht.

F1 Grand Prix of Great Britain Zhou Guanyu of China and Alfa Romeo F1 is assisted by the assistances during the race of the F1 Grand Prix of Great Britain at Silverstone on July 3, 2022 in Northampton, United Kingdom. Northampton Barcelona England PU
In Silverstone überlebte Zhou einen schweren Unfall unverletzt
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Fernando Alonso war Zhous Idol

Zhou Guanyus Silverstone-Pläne waren andere. „Ich hoffe, wir können das Rennen in den Punkten beenden“, sagte der 23-Jährige am Donnerstag vor dem GP im „Home of British Motor Racing“ im RTL/ntv-Interview. Es kam anders: Nach dem Start wird Zhou von Mercedes-Pilot George Russell getroffen, der Alfa-Romeo-Bolide dreht sich um, Zhou rauscht kopfüber durch das Kiesbett, schanzt über die Reifenbarriere und bleibt wenige Meter vor den Zuschauern im Sicherheitszaun hängen.

Wenig später die erlösende Nachricht aus dem Medical Centre. Zhou ist „okay“, ansprechbar, hat keine Brüche erlitten. Nach seiner „Entlassung“ läuft er äußerlich normal durchs Fahrerlager. Kaum zu glauben angesichts der Unfallbilder.

Zhou Guanyu (der Vorname steht im Chinesischen hinter dem Nachnamen) wurde in Shanghai geboren und entdeckte seine Liebe zum Motorsport, wie eigentlich alle späteren F1-Fahrer, beim Kartfahren. Als Kind schaute er die Rennen der Königsklasse im Fernsehen – und hatte sein Idol schnell gefunden: „Fernando Alonso. Ich wollte eines Tages sein wie er, das war mein Lebenstraum. Jetzt mit ihm in der Formel 1 zu fahren – das hätte ich mir nie vorstellen können“, erzählt Zhou. Alonso ist 40, 17 Jahre älter als das Kind, das ihm einst in Fernost die Daumen drückte.

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Beim Debüt "so nervös"

Anfang diesen Jahres wurde der Traum von der Formel 1 für Zhou wahr. Alfa Romeo gab ihm neben dem erfahrenen Valtteri Bottas eine Chance, sich zu beweisen. Ein Millionen-Paket chinesischer Sponsoren und der Wunsch der F1-Bosse, einen Fahrer aus dem Reich der Mitte im Feld zu haben, waren nicht hinderlich. Zhou als Pay-Driver abzutun, wäre allerdings unfair, zu gut waren seine Leistungen zuvor in der Formel 2. Als Alpine-Junior hatte er 2021 zudem schon einmal Trainingsluft geschnuppert – im Auto seines Idols Alonso.

Zum Saisonstart ließ „Joe“ direkt aufhorchen, ergatterte in Bahrain auf Anhieb als Zehnter den ersten chinesischen Punkt der Formel-1-Historie. „Ich war so nervös“, erinnert sich der Rookie an sein Debüt. Dankbar sei er gewesen, dass sein arrivierter Garagen-Nachbar Bottas ihm geholfen und dem Nervenbündel die ein oder andere Sache erklärte.

Danach allerdings lief bei Zhou über mehrere Rennen nicht viel zusammen. Eigene Fehler wie Zuverlässigkeitsprobleme am Alfa Romeo ließen sein Punktekonto bei „1“ verharren. Bis zum Kanada-GP. In Montreal raste Zhou nach blitzsauberer Fahrt auf Rang 8, sackte vier Punkte ein. Den Trend wollte er in Silverstone fortsetzen, was auch zu gelingen schien. In der Regen-Quali surfte Zhou auf Platz 9. Kurz nach dem Start war die starke Leistung leider Makulatur.

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Vasseur schwärmt von Rookie "Joe"

Zhou wird es leicht verschmerzen können. Zu schwer war der Crash, zu groß die Erleichterung allerorten, dass der Pilot unverletzt blieb. Und: Für Alfa-Romeo-Teamchef Fred Vasseur dürfte vor allem die starke Qualifying-Performance seines jungen Fahrers im Regen zählen. Denn: Noch hat Zhou keinen Vertrag für die kommende Saison. Mit seinen starken Leistungen in den letzten Rennen (in Baku etwa verpasste er nur wegen eines Defekts die Punkteränge) hat Zhou Argumente gesammelt.

Sollte sich der junge Chinese weiter steigern, sei es das „beste für unser Unternehmen, wenn wir mit ihm weitermachen“, sagte Vasseur im RTL/ntv-Interview. Klingt stark nach Vertragsverlängerung, zumal Zhou für die Vermarktung der F1 im Reich der Mitte von enormer Bedeutung ist und Alfa wie erwähnt Sponsoren-Millionen in die Teamkasse spült. Die Mischung aus Erfahrung (Bottas) und Jugend (Zhou) hat es Vasseur angetan. Das Duo arbeite bisher „perfekt“ zusammen.

Der abgezockte Franzose schwärmt geradezu von Zhou. „Er ist ein netter Typ, sehr professionell und teamorientiert.“ Vielleicht liege es an der chinesischen Kultur, so Vasseur. „Er ist wirklich auf die Leistung der ganzen Gruppe fokussiert. Das wünscht man sich als Teamchef. Er macht einen tollen Job.“

Leidenschaften auch abseits der Strecke

Ein „netter Typ“ zu sein – diesen Eindruck vermittelt Zhou auch beim Gespräch im Alfa-Romeo-Motorhome. Er fluche zwar zehnmal weniger als sein japanischer Kollege Yuki Tsunoda, sagt er lachend auf die ein oder andere Funktirade angesprochen. Dass er sein Herz bisweilen auf der Zunge trägt, daraus macht er allerdings keinen Hehl. Zhou entspricht so gar nicht dem im Westen oft vorherrschenden Klischee-Bild des introvertierten, zurückhaltenden Chinesen. Er drückt sich gerne aus, was sich auch in seiner Passion abseits der Strecke zeigt.

„Manche Fahrer sehen sich vielleicht nur im Motorsport, aber ich designe auch leidenschaftlich, ich liebe Fashion“, erzählt er. Und das sieht man. Genau wie Lewis Hamilton taucht Zhou gerne in ausgefallenen Stoffen im Fahrerlager auf. „Wir haben einen guten Donnerstags-Cat-Walk“, witzelt der Rookie über die Parallele zum Superstar der Szene. „Lewis ist zwar noch auf einer anderen Stufe, aber ich bin glücklich, wenn ich mich selbst ausdrücke.“

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F1-Boom in China dank Zhou

Eines hat Zhou in seiner noch jungen F1-Karriere schon erreicht: Er hat die Formel 1 in China, dem Land mit dem größten Automarkt der Welt, deutlich populärer gemacht. „Dieses Jahr sehen wir schon einen Unterschied, einen Schritt nach vorne“, berichtet er nicht ohne Stolz. Beim Saisonstart in Bahrain hätten so viele Chinesen Formel 1 geschaut wie noch nie zuvor. Er hoffe, dass er seine Landsleute inspirieren könne, ihren Lebenstraum auch zu erfüllen.

Nun, vielleicht schaut irgendwo in China tatsächlich ein kleiner Junge Formel 1 – und hat sein Idol gefunden. So wie einst Zhou Guanyu.