Klitschko liebäugelt mit Ring-Rückkehr

"Let it be", Wladimir! Box-Rekord ist das Risiko nicht wert

Sehen wir Wladimir Klitschko noch einmal im Ring?
Sehen wir Wladimir Klitschko noch einmal im Ring?
© Patrick Hoffmann/WENN.com, PH3

27. April 2022 - 12:34 Uhr

von Martin Armbruster

Wladimir Klitschko kokettiert mit einer Rückkehr in den Boxring, sollte der Krieg in seiner Heimat endlich ein Ende finden. Er tut das zwar mit sehr vorsichtigen Worten, in der Boxer-Seele des 46-Jährigen lodert aber offenbar noch immer ein Feuer, der Rekord einer Box-Ikone treibt ihn um. Und doch: So gewaltig ein Klitschko-Comeback auch wäre, möchte man frei nach John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr sagen: "Let it Be".

Comeback-Gedanken treiben Klitschko um

Es hat in diesen fürchterlichen Tagen in Kiew Seltenheitswert, dass sich Waldimir Klitschko zu einem anderen Thema äußert als dem barbarischen Krieg Russlands gegen seine Heimat. Umso mehr Aufmerksamkeit erregten die Sätze, die der langjährige Schwergewichts-Weltmeister im Interview mit Bild-Kriegsreporter Paul Ronzheimer sagte.

"Wenn ich in guter Form bin und vor allem auch, dass der Krieg in der Ukraine bald zu einem Ende kommt, und dass unsere Grenzen bestehen, ohne jede Invasion, die aus Russland kommt, dann am Ende: Wer weiß?", sinnierte Klitschko. Er wolle zwar keine großen Versprechungen machen, habe aber "auch gelernt, dass man trotz des Krieges das Leben nicht vergessen darf."

Freimütig räumte "Dr. Steelhammer" ein, dass ihn der Rekord von Box-Ikone George Foreman reize. Dieser hatte sich 1994 im zarten Alter von 45 Jahren, 9 Monaten und 25 Tagen noch einmal zum Schwergewichts-Champion gekrönt. Älter war noch kein Meister aller Box-Klassen. "Vielleicht habe ich diesen Traum, den Rekord von George Foreman zu brechen. Das motiviert mich, jeden Tag aufzustehen und Sport zu machen", sagte Klitschko.

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Louis und Ali als warnende Beispiele

So schön die Vorstellung auch ist, die Marke von "Big George" zu knacken. So verlockend die Rückkehr ins Rampenlicht wäre. Wladimir Klitschko sollte es sein lassen.

Zwar ist "Dr. Steelhammer" nach wie vor tatsächlich in "guter Form". In der Geschichte des Schwergewichts-Boxens gab es wohl nie einen Kämpfer, der während und nach seiner Karriere durchgängig so fit war, wie Klitschko. Sport machen, in Form sein, und Boxen aber sind zwei Paar Stiefel.

"You don't play Boxing", heißt eine alte Boxer-Weisheit. Im Faustkampf bedeutet jeder Treffer zum Kopf eine kleine Gehirnerschütterung. Boxen spielt man nicht wie Fußball oder Basketball, wie Golf oder Tennis. In anderen Sportarten lässt sich ein Comeback wesentlich einfacher wagen – auch wenn es zur Blamage gerät.

Mark Spitz, 1972 siebenmaliger Goldmedaillengewinner bei Olympia, soff bei seiner Rückkehr im Becken 20 Jahre später geradezu ab, Tennis-Legende Björn Borg wirkte 1991 wie eine Karikatur des großen Spielers, als er den Holzschläger noch einmal schwang. Die Sportikonen kratzten an ihren Denkmälern – gesundheitlich hatten sie wenig zu befürchten.

Im Boxsport ist das anders. Joe Louis und Muhammad Ali, die größten Schwergewichts-Champions der Geschichte, ruinierten ihr physisches Wohlbefinden durch Comeback-Versuche zum Ende ihrer Dreißiger. Beide bezogen furchtbare Prügel, wurden später von der Parkinsonschen Krankheit heimgesucht.

Auch George Foreman musste viel einstecken, ehe ihn seine gefürchtete rechte Faust noch einmal zum Champion machte. Ihm geht es heute gut, obwohl er noch boxte, bis er 48 war. Repräsentativ ist "Big" George nicht.

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Mit Fury hätte Klitschko noch eine Rechnung offen

Wladimir Klitschko hatte einen einmaligen Abschied von der großen Box-Bühne. Lieferte dem jungen Anthony Joshua 2017 mit 41 Jahren eine epische Schlacht, wurde trotz Niederlage von 90.000 Briten in Wembley gefeiert. Sein Denkmal bekam keine Risse, im Gegenteil: Klitschko polierte es an diesem Londoner Abend auf, der Sockel wurde höher, obwohl er verlor. Selbst der Makel seiner Punktniederlage gegen Tyson Fury 2015 verblasst von Tag zu Tag, wenn man bedenkt, welche Karriere der "Gypsy King" bis zu seinem jüngsten K.o.-Triumph hingelegt hat.

Jener Fury ist mittlerweile ebenfalls zurückgetreten, auch wenn dem Engländer das viele nicht abkaufen. Klitschko hatte sich im "Bild"-Interview über den Sieg seines einstigen Nemesis gefreut. Weil er dessen Karriereende bedeutet oder weil Fury sein eigentlicher Wunschgegner ist? Mit dem 2,06-Meter-Riesen hat Klitschko noch eine Rechnung offen, die 2016 geplante Revanche der Rivalen kam nach einem psychischen Zusammenbruch Furys nie zustande.

ARCHIV - Der ukrainische Boxer Wladimir Klitschko, Weltmeister im Schwergewicht der WBA, WBO, IBO und IBF, und sein britischer Herausforderer Tyson Fury stehen sich am 28.11.2015 im Boxring in der Esprit Arena in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) gege
Gegen Tyson Fury kassierte Klitschko Ende 2015 eine bittere Niederlage
© dpa, Rolf Vennenbernd

Box-Essentials werden im Alter schwächer

Wie auch immer: Ob Klitschko für ein einmaliges Spektakel gegen Fury, Joshua oder welches Schwergewicht auch immer die Handschuhe noch einmal schnürt. Die Gefahr, dass es schief geht, ist zu groß, selbst wenn Klitschko fit und in Form ist. Reflexe, Timing – was im Ring (über)lebenswichtig ist, wird mit jedem Jahr schwächer, oftmals ohne, dass dies den Boxern dämmert. Der eine berühmte Schlag kann dann zu viel sein.

Und Geld hat der Ukrainer anders als viele andere gefallene Boxgrößen nicht nötig. Klitschko hat Millionen verdient und angelegt, war bis zum Krieg in der Ukraine ein erfolgreicher Geschäftsmann, tourte als Motivationscoach um die Welt. Der 46-Jährige könnte überall sein, das Leben genießen, steht aber fest an der Seite von Bruder Vitali und seinen Landsleuten im belagerten, teils zerbombten Kiew. Dafür bewundert ihn die Welt.

2020 wurde Klitschko, der das Schwergewicht beinahe eine Dekade lang dominiert hatte, in die internationale Hall of Fame des Faustkampfs aufgenommen. Dort gehört er hin, dort wird er für immer bleiben. Neben Joe Louis, neben Muhammad Ali, neben George Foreman, neben Vitali und Lennox Lewis.

Wladimir Klitschko hat alles erreicht. Der Kampf um das Überleben einer Nation ist es wert, sein Leben aufs Spiel zu setzen. Ein Box-Rekord ist es nicht.