Polizisten helfen nicht, sondern werfen ihr Provokation vor

Wien: 19-jährige Studentin antisemitisch beleidigt - weil sie ein Buch über Juden liest

Wiener U-Bahn (Symbolfoto)
Wiener U-Bahn (Symbolfoto)
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01. Juni 2021 - 15:12 Uhr

"Weshalb müssen Sie ein derartiges Buch unbedingt jetzt lesen?"

Antisemitismus nimmt zu - diese unschöne Tendenz ist nicht nur in Deutschland zu beobachten. Auch in Österreich kommt es immer wieder zu empörenden Vorfällen. Der jüngste ereignete sich in der Hauptstadt Wien. Unverständnis herrscht nicht nur über die judenfeindliche Tat, sondern über das Verhalten österreichischer Polizisten gegenüber dem Opfer.

Sie ziehen ihr an den Haaren, nennen sie "Judenschlampe" und "Kindsmörderin"

Laut der Zeitung "Krone" ereignete sich der Vorfall in einer U-Bahn der Linie 3. Eine 19-Jährige, Studentin des Faches Judaistik, habe ein Buch mit dem Titel "The jews in the modern world" (Die Juden in der modernen Welt) gelesen. Drei jungen Männern in der Bahn der Linie hätten sie daraufhin übel attackiert. Die Frau sei an den Haaren gezogen und beleidigt worden - Worte wie "Judenschlampe" und "Kindsmörderin" seien gefallen.

An der Haltestelle Stephansplatz habe die geschockte Frau aus der Bahn fliehen können, heißt es weiter. Die Studentin hätte sich sofort an zwei Polizeibeamte auf der Straße gewandt, um den Vorfall zu melden. Sie habe den Übergriff der Männer geschildert und deutlich gemacht, dass es sich um einen "antisemitischen Übergriff" gehandelt habe.

Unfassbar: Polizisten raten ihr, die Sache zu vergessen

Das sahen die Polizisten anders, heißt es in dem Bericht weiter. Statt auf die Sorgen und Ängste der jungen Frau angemessen zu reagieren, hätten die Polizisten unangenehme Fragen gestellt. Die erste Reaktion sei gewesen: "Weshalb müssen Sie ein derartiges Buch unbedingt jetzt in dieser Konflikt-Situation lesen?"

Zudem habe man sie gefragt, ob ihr nicht klar gewesen sei, dass das Lesen des Buches "provozieren" würde, erzählte sie in einem Interview mit dem Radiosender "Ö1". Und ob sie Jüdin sei. Als sie auch das verneinte,, hätten die Polizisten gesagt, beim vorliegenden Vorfall könne man nicht von Antisemitismus sprechen. Etwas anderes würde man ihr auch auf einer Polizeistation nicht sagen. Als sie wissen wolle, was sie noch tun könne, habe man ihr geraten, die Sache "zu vergessen".

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Bildungsexperte: "Ungeheuerlicher Vorfall"

Der österreichische Bildungsexperte Daniel Landau reagierte laut "Krone" empört. Der Vorfall sei "ungeheuerlich" und als antisemitisch einzuordnen, sagte er. Die Landespolizeidirektion Wien und das Innenministerium würden die Angelegenheit "sehr ernst nehmen", der Vorfall werde untersucht, schließt der Bericht.

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der antisemitischen Straftaten in Österreich stark gestiegen. Seit 2014 hat sie sich mehr als verdoppelt. "Im Jahr 2019 wurden allein 550 Angriffe von der Israelitischen Kultusgemeinde Wien registriert", erklärte Österreichs Europaministerin und Antisemitismus-Beauftragte Karoline Edtstadler im Januar.

(uvo)