Wie gelangt das Corona-Virus von Mensch zu Mensch?

Aerosol-Papst über Lockdown: Gezieltere Maßnahmen hätten gleichen Effekt

Dr. Gerhard Scheuch ist Aerosol-Experte, studierter Physiker, war bis 2011 Präsident der International Society of Aerosols in Medicine.
Dr. Gerhard Scheuch ist Aerosol-Experte, studierter Physiker, war bis 2011 Präsident der International Society of Aerosols in Medicine.
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18. Februar 2021 - 19:39 Uhr

Raus aus der Wohnung, ab ins Corona-Freie?

Schon während des ersten Lockdowns im März 2020 war klar: Wer aus seinen vier Wänden rauswill, für den bleibt nur der Sport im Freien oder der Spaziergang durch die Stadt, den Park oder die Natur in der näheren Umgebung. Und die Menschen machten und machen auch jetzt im Lockdown der 2. Corona-Welle reichlich Gebrauch davon: Spätestens am Wochenende platzen die Parks aus allen Nähten. Doch wie hoch ist dann die Gefahr, sich anzustecken? Aerosol-Experte Dr. Gerhard Scheuch erklärt uns, wie das Virus an den Menschen kommt – und warum es zu einem harten Lockdown in seinen Augen Alternativen gibt.

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Im Freien kann sich keine Aerosol-Wolke aufkonzentrieren

Joggen, Wandern, Rodeln und Ski-Fahren: Kein Problem, kein Infektions-Risiko, sagt Physiker Dr. Gerhard Scheuch, Deutschlands Aerosol-Experte Nummer 1. Aber gilt das auch für die ansteckenderen Virus-Varianten und Mutanten, die uns gerade so viel Sorgen bereiten? "Das gilt sicherlich auch für die ansteckenderen Virus-Varianten", bestätigt uns Scheuch, "denn die werden alle über Aerosole und über Tröpfchen-Infektionen übertragen."

Aerosole sind luftgetragene Partikel, die dann zusammen mit den Viren eingeatmet würden – und so würden die Viren übertragen. "Im Freien ist die Ansteckung deswegen deutlich geringer, weil sich die Aerosolwolke dort nicht aufkonzentrieren kann", erklärt der Physiker, der auch pharmazeutische Unternehmen berät. In Innenräumen konzentriere sich diese Aerosolwolke auf, wenn immer in den Raum hineingeatmet werde: "Das Gegenüber kann dieses Aerosol dann aufnehmen."

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Längere Unterhaltungen können zur Infektion führen

Heißt das dann im Umkehrschluss, dass für Aktivitäten draußen an der frischen Luft keine Maßnahmen getroffen werden müssten - oder sollten da trotzdem bestimmte Corona-Regeln gelten? "Gar keine Maßnahmen würde ich nicht sagen", so Scheuch. "Wenn man sich länger gegenüber steht und sich miteinander unterhält, dann gibt es durchaus die Möglichkeit, sich zu infizieren." Wenn ein Mensch direkt gegenüber der Aerosolwolke stehe, dann sei bei einem längeren Gespräch natürlich durchaus die Möglichkeit einer Infektion gegeben. "Aber wenn Sie joggen oder nebeneinander hergehen, rodeln oder Fahrrad fahren oder irgendwelche Sportaktivitäten machen, dann sind Sie ja nicht minutenlang in der Wolke des anderen - und dann können Sie sich nicht anstecken."

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Gezieltere Maßnahmen: Schulstunde auf 30 Minuten verkürzen

Die Strategie des radikalen Lockdowns sieht der Physiker kritisch, auch wenn sie sicherlich funktional sei. Aber er sagt: "Durch gezieltere Maßnahmen könnte man fast das Gleiche erreichen." Solche Maßnahmen wären für Scheuch zum Beispiel die Installation von Luftreinigungsgeräten, häufiges Lüften, ins Freie gehen - und sich eben nicht sich so lange in der Aerosolwolke des Anderen aufzuhalten.

Die Zeit spiele dabei eine erhebliche Rolle: "Je länger Sie sich mit einem Infizierten zusammen in einem Raum aufhalten, umso höher ist das Risiko - doppelte Zeit heißt vierfaches Risiko." Er empfiehlt deswegen: "Kurze Aufenthalte mit einem anderen in einem Raum sind da hilfreich."

In Bezug auf die problematische Öffnung von Schulen sagt der Experte: "Nehmen Sie Schulstunden zum Beispiel: 45 Minuten auf 30 Minuten zu verkürzen, würde das Infektionsrisiko schon halbieren." Das seien alles Maßnahmen, die getroffen werden könnten, ohne dass man immer gleich einen kompletten Lockdown machen müsse.

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