„Es ist hart, aber es wird besser“

Was es heißt, alleinerziehend zu sein - Gedanken an mein früheres Ich

© rtl.de

21. März 2019 - 17:18 Uhr

von Alexandra Diemair

Heute ist der "Tag der Alleinerziehenden". Zeit für einen Blick zurück. Denn auch ich war alleinerziehend. Oder zumindest teilerziehend. Habe den Verlust, den Schmerz, das schlechte Gewissen, die schlaflosen Nächte erlebt. Habe mich mit meinem Ex-Mann auf der Straße angebrüllt, verzweifelt am Bett meiner Töchter gesessen, überfordert, verängstigt, allein. Ich habe Ratgeber gewälzt und Beratungsstellen besucht. Und mich immer gefragt, wie ich das bloß alles schaffen soll, ohne dass meine Töchter zu beziehungsgestörten kleinen Psychopathen heranwachsen. Und heute? Schaue ich auf meine beiden Töchter. Gesund, glücklich, wohlgeraten. Und denke: gut gemacht. Aber es war ein harter Weg.

„Hab Geduld mit dir. Und sei liebevoll mit dir"

Wenn ich zurückblicke, möchte ich mich selbst in den Arm nehmen. Und sagen: es wird. Es wird anstrengend sein. Und sehr hart. Aber es wird besser. Es wird leichter. Hab Geduld mit dir. Und sei liebevoll mit dir. Und denke immer daran: Das Wichtigste, was du deinen Kindern geben kannst, ist Liebe.

Wenn ich zurückblicke, denke ich an all die schwierigen Momente. Das Gefühl, immer alleine mit allem zu sein. Niemals abgeben zu können, keine Schwäche zeigen zu dürfen. Die Wut, sich weiterhin für immer mit einem Mann auseinander setzen zu müssen, der doch eigentlich gar nicht mehr Teil meines Lebens ist, aber doch die größte Rolle in ihm spielt. Die Herausforderung mit einem Menschen, den man doch momentan eigentlich extrem doof findet, vernünftig und sachlich zu sprechen. Und das über die emotional explosivsten Themen, die es gibt: Kinder und Geld.

Die Angst, für immer alleine zu bleiben. Denn wie soll man denn bitteschön einen Partner finden, wenn man von morgens bis abends mit Kindern, Job und Haushalt beschäftigt ist und in der restlichen Zeit zu erschöpft ist, um sich zumindest die Haare an den Beinen wegzurasieren. Die Trauer, sich von einem ersehnten und gewünschten Leben verabschieden zu müssen, in das man einmal so viel Liebe, Hoffnung und Endgültigkeit gesteckt hat. Die Geldsorgen. Der Druck bei der Arbeit. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

​Aber wenn ich zurückblicke, sehe ich auch die tausend glücklichen Momente. Die Unabhängigkeit. Die Freiheit. Alleine darüber entscheiden zu können, was gegessen wird. Wann wohin gefahren wird. Wie die Wochenenden geplant werden. Unser eingeschworenes, inniges Dreier-Bündnis. Mädels-Wochenenden mit Freundinnen und deren Kindern. In meiner Wohnung alleine zu sein. Mit einem Kaffee im Bett. Tausende von glücklichen Momenten, in denen wir drei zusammen wuchsen. Und zusammenwuchsen.

Das Leben ist nicht immer so, wie man es sich wünscht

Ich sehe dich. Du sitzt im Wohnzimmer auf dem Boden und weinst. Verzweifelt darüber, weiter laufen zu müssen, obwohl du nicht mehr kannst. Und ich möchte dich trösten und dir sagen: Glaub an dich. Das Leben stellt immer wieder die unterschiedlichsten Herausforderungen an uns. Und es bleibt uns nichts anderes übrig, als sie anzunehmen und mit Leben zu füllen. Und du schaffst das. Hör' nicht auf, immer und immer wieder in Kontakt zum Vater deiner Kinder zu treten. Mit ihm zu reden. Ihn einzubeziehen. Teilhaben zu lassen. Auch wenn es Streit gibt. Er ist der Vater deiner Kinder. Und er liebt seine Kinder genau so sehr wie du. Vetrau' darauf, dass deine Kinder stark sind. Und an der Trennung nicht zerbrechen werden. Was sie brauchen, ist Liebe und Stabilität. Und Eltern, die ihnen zeigen, dass das Leben nicht immer so ist, wie man es sich wünscht. Und man es dennoch meistern kann.

Und vor allem: Hab Geduld. Mit dir. Und mit allen anderen. Denn die Zeit hilft, wie so oft, auch jetzt. Kinder werden größer, Schmerzen und Verletzungen kleiner. Du wirst eine Routine finden, auch in dieser anstrengenden Situation. Hol dir Unterstützung, wo immer du kannst. Von Freundinnen, Eltern, Beratungsstellen, dem Jugendamt. Und versuche dich selbst, so gut es geht, nicht aus den Augen zu verlieren.

Ich sage dir nicht, es ist leicht. Und ich behaupte nicht, dass alleinerziehend, teilerziehend, das Leben als Single Mom - oder wie immer das in trendigem Neudeutsch heißt - easy zu wuppen ist. Denn das stimmt nicht. Es IST anstrengend. Sehr sogar. Die Zahl der Alleinerziehenden steigt und rund ein Drittel davon ist armutsgefährdet. Das sind die harten Fakten. Und es wird immer noch viel zu wenig getan, Alleinerziehende zu unterstützen und zu entlasten (wie insgesamt Familien). Das ist ein Unding und Grund genug, sich zu empören. Aber ich kann dir eines versprechen: es wird leichter. Und es lohnt sich, dranzubleiben.