Ungeduldige Schiffe verursachen Chaos in den Häfen

Warum wir ewig auf Möbel, Elektronik und Co. warten müssen

Viele Häfen sind am Rande ihrer Kapazität
Viele Häfen sind am Rande ihrer Kapazität
© dpa, Christian Charisius

11. Oktober 2021 - 21:11 Uhr

Lieferzeiten teilweise doppelt so lang wie vor Corona

Schuhe, Möbel, Elektronikgeräte - viele Konsumgüter brauchen aktuell ewig von der Fabrik in Asien in europäische Läden. Teilweise fast doppelt so lange wie vor der Corona-Krise. Das kann sogar Auswirkungen auf unsere Weihnachtseinkäufe haben. Das Problem dabei ist der Schiffsverkehr.

Fast alles ist Mangelware

Von Christian Herrmann

Egal ob Spielzeug, Computerchips oder Kleidung – gefühlt herrscht überall Mangelware, die globale Lieferkette hängt durch. "Eine Situation, die es so noch nie gegeben hat", sagt Wan-Hsin Liu vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel im ntv-Podacst "Wieder was gelernt". "Weil es eine Krise wie die Corona-Krise so noch nie gegeben hat."

Die Ökonomin nennt den Schiffsverkehr als wichtigste Ursache für die Probleme, geschlossene Häfen in China senden Schockwellen um die ganze Welt. "Die jüngsten gab es im Mai und im August", sagt Liu. "Im Mai war Yantian in der Nähe von Shenzhen betroffen. Dort werden hauptsächlich elektronische Produkte wie Handys, Computer und so weiter produziert und in die Welt geliefert."

China ist die Fabrik der Welt

Das Smartphone, Bekleidung, Möbel und Maschinen - alles wird im Reich der Mitte zusammengesetzt und von dort nach Europa oder Nordamerika geschickt. Bevorzugt auf See, sieben der zehn größten Containerhäfen der Welt befinden sich an der chinesischen Küste. Nach dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft im ersten Corona-Jahr müssen sie derzeit eine gestiegene Nachfrage bedienen. Werden dann einzelne Terminals wegen eines Corona-Ausbruchs geschlossen, geht gar nichts mehr. Die Frachtschiffe stehen vor oder in den Häfen im Stau und müssen warten.

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

"Planänderung bringt alles durcheinander"

Eigentlich, denn viele Kapitäne machen das, was so gut wie alle Menschen tun, wenn sie mit dem Auto im Stau stehen: Sie versuchen, das Problem zu umgehen und hoffen, dass sie dadurch schneller vorankommen. Für die Schifffahrt bedeutet das, dass die Frachter einfach andere Häfen ansteuern.

Zum Beispiel im August, als der Hafen Ningbo-Zhoushan von einem Corona-Ausbruch betroffen war. "Das ist in der Nähe von Shanghai", sagt die Handelsexpertin. Einige Schifffahrtsunternehmen hätten ihre Ware anschließend mit Zügen oder mit dem Lkw in die chinesische Metropole gebracht. "Die hat auch einen Hafen, aber natürlich hat jeder Hafen seine Kapazität und die ist normalerweise schon ausgelastet. Und wenn die schon ausgelastet ist, bringt man durch diese Planänderung alles durcheinander."

Es ist wie bei der Bahn, erklärt die Ökonomin weiter. Bleibt ein Zug im Bahnhof liegen, gerät der gesamte Fahrplan durcheinander." Denn die Schiffe, die plötzlich einen anderen Hafen ansteuern, brauchen nicht nur eine Anlegestelle. Der Hafenbetreiber müsse auch Personal von anderen Schiffen abziehen, um die Container zu verladen, Papiere zu prüfen und so weiter. Andere Frachter gucken in die Röhre: Sie können durch die Vordrängler nicht abgefertigt werden und verspäten sich ebenfalls.

Zwei von drei deutschen Unternehmen warten

"Wenn man zuerst in Korea acht Tage warten muss, dann eine Woche in China und dann noch mal ein paar Tage in Singapur - und es dann auch noch mal vor Rotterdam nicht weitergeht, kriegt man das Schiff natürlich nie rechtzeitig zurück", hat auch Rolf Habben Hansen im September das Problem umschrieben, der Chef der Reederei Hapag Lloyd. Da sei es unvermeidbar, dass man den einen oder anderen Hafen oder gleich eine ganze Reise auslassen müsse - und viele Produkte damit am anderen Ende der Welt belässt.

Es ist eine Spirale, die dazu führt, dass mittlerweile zwei von drei deutschen Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe sagen: Engpässe behindern unsere Produktion. Das hat eine Umfrage des ifo-Instituts für Weltwirtschaft ergeben. Am stärksten leidet die Autoindustrie darunter. Den Maschinenbauern und der chemischen Industrie geht es ähnlich. Sogar ein Drittel der Getränkeindustrie sagt, dass sie betroffen ist. "Die Lieferengpässe sind ein Branchen übergreifendes Problem", sagt Ökonomin Liu. "Mal mehr, mal weniger."

Wer auf Geschenke unter dem Weihnachtsbaum nicht verzichten will, sollte rechtzeitig bestellen
Wer auf Geschenke unter dem Weihnachtsbaum nicht verzichten will, sollte rechtzeitig bestellen
© Elena Leonova

Die beste Zeit für Weihnachtseinkäufe ist jetzt

Verbraucher merken die Krise unter anderem daran, dass neue Sneaker von Nike aktuell 80 Tage brauchen, bis sie es von der Fabrik in Asien in einen Schuhladen in den USA oder Europa schaffen - und damit doppelt so lange wie vor der Corona-Krise. Oder daran, dass Amazon schon jetzt die ersten Black Friday ähnlichen Angebote schaltet - damit man Feiertage wie Thanksgiving und die Vorweihnachtszeit ganz entspannt genießen kann, wie Amazon schreibt. Damit die bestellten Waren rechtzeitig zum eigentlichen Black Friday in sechs Wochen - am 26. November - bei den Kunden ankommen, vermuten amerikanische Medien.

Wer an Weihnachten nicht mit leeren Händen da stehen will, sollte sich lieber heute als morgen Gedanken machen, was man für die Liebsten besorgt. Denn es sind jederzeit neue Schocks möglich.

"Es hängt vieles von der Pandemie ab", sagt Handelsexpertin Liu. "Wir sehen es in Deutschland, die Maßnahmen sind aufgrund der hohen Impfquote lockerer geworden. Aber China hat eine Null-Toleranz-Politik. Das heißt, ein einziger Corona-Fall kann theoretisch dazu führen, dass sie bestimmte Häfen, bestimmte Gebiete und Fabriken schließen."

Das Schlimmste ist aber wohl überstanden

Nachdem andere Länder wie Australien, Neuseeland und Singapur von der Delta-Variante gezwungen wurden, ihre Null-Covid-Strategie aufzugeben, ist China das einzig verbliebene Land, das selbst kleinste Ausbrüche noch mit dem Hammer bekämpft - obwohl drei Viertel der Bevölkerung vollständig geimpft sind. Erst wenn Peking diese Strategie aufgibt, kann die Schifffahrt wieder nach Plan fahren.

Die gute Nachricht ist: Experten wie Wan-Hsin Liu glauben, dass das Schlimmste bereits überstanden ist und sich die Situation langsam aber sicher entspannen wird. Denn je mehr Menschen weltweit geimpft sind, desto unwahrscheinlicher sind größere Ausbrüche und neue Lockdowns. Hapag-Lloyd-Chef Habben Jansen geht davon aus, dass sich die Lage im Februar normalisiert hat.

Aber für Weihnachten ist das keine Hilfe. Wer nicht mit leeren Händen dastehen will, fragt am besten schon einmal nach einem Wunschzettel.