Kommentar zur Rückkehr der Wölfe

Warum der Wolf mir keine Angst macht - aber trotzdem Sorgen

Wölfe in Deutschland
Wölfe in Deutschland
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21. April 2021 - 13:55 Uhr

Kapitel 1: Es war einmal

Seit dem Jahr 2000 ist der Wolf wieder in Deutschland. Und das ist ja erstmal etwas Außergewöhnliches: Ein Tier, das wir Menschen ziemlich zielstrebig hierzulande ausgerottet hatten. 1904 schoss ein Jäger den letzten Wolf im sächsischen Hoyerswerda. Schon damals galt: Für die beiden größten Raubtiere der deutschen Natur schien gleichzeitig kaum genug Platz zu sein – denn der Mensch wollte sein Revier offenbar nicht teilen.

Von RTL-Reporterin Lisa Siewert

Kapitel 2: Dort wo sich Mensch und Wolf "Guten Tag" sagen

Ich bin in Niedersachsen, nördlich von Bremen aufgewachsen. Als Kind war ich stundenlang alleine im Wald spielen, als Teenager haben wir unser erstes Bier heimlich im Schutz der Bäume getrunken – und das einzige, wovor ich Angst hatte, waren Ameisenhaufen (Feuerameisen, nicht reinsetzen!), Wildschweine (Schlecht drauf, besonders wenn Frischlinge dabei sind) oder meine Eltern (wegen des Alkohols).

Vor einigen Jahren habe ich dann tatsächlich einen Wolf aus dem Auto beobachten können und konnte es selbst kaum glauben. Mitten am Tag latschte er bei uns über ein Feld zwischen zwei Wohnhäusern entlang. "Ich habe einen Wolf gesehen!" Bis heute glaubt mir das mein Freund übrigens nicht, so absurd klang das damals. Und auch der Förster, den ich damals kontaktierte, fand meinen Anruf eher merkwürdig als wichtig. Dabei waren zu diesem Zeitpunkt die Wölfe ja schon längst wieder hier in Deutschland.

Heutzutage ist das ganz anders: Wolfsberater gibt es in fast jedem Landkreis, das Wolfsmonitoring beobachtet die Bewegungen von Wölfen ganz genau. Und junge Wölfe gehen nun mal wandern, auf der Suche nach neuen Revieren. Mit acht Monaten sehen sie aus wie ihre Eltern, sind aber viel unerfahrender und neugieriger. Und zack: Läuft so ein junger Teenie-Wolf durch Lohne, ein Wolf besucht eine Schule oder findet die Spaziergängerin mit Hund in Wietzendorf eindeutig viel zu interessant, um sich von ihren wilden Schreien und Flüchen verscheuchen zu lassen. Ja, diese Frau schrie um Hilfe, und der Wolf? Der schaute sie scheinbar ziemlich belustigt an, nach dem Motto: Komisches Tier.

Die Frau hat übrigens alles richtig gemacht und ist NICHT weggerannt. Was ich übrigens direkt getan hätte, weil ein echter Wolf für mich dann doch gruseliger ist, als Wildschweine, Feuerameisen und wütende Eltern zusammen. Wobei: Warum eigentlich?

Kapitel 3: Die guten Wölfe ins Herzchen, die schlechten vor die Flinte

In den letzten 20 Jahren gab es keine Angriffe von Wölfen auf Menschen in Deutschland. Trotzdem: Der Wolf sorgt für eine ganze andere Gefahr, die wir auch aus anderen Bereichen kennen. Die Verhärtung der Fronten. Die Leute, die das Raubtier bejubeln und keinem Wolf ein Haar krümmen wollen. Die Gewehr bei Fuß stehen, wenn ein "Problemwolf" zum Abschuss freigegeben wird. (Wie etwa MT6 alias Wolf Kurti, der sich trotz aller Vergrämungsversuche nicht von der Nähe des Menschen abhielten ließ.) Und die Menschen, die absolut nicht bereit sind, die Natur in Deutschland mit dem neuen, alten Jäger zu teilen und ihn wieder zurück in die Märchen- und Geschichtsbücher verbannen wollen.

Frank Fass vom Wolfscenter Dörverden sagte mir im Interview: "Da kommt 'jetzt' so ein Großraubtier daher und viele sind so 'Hilfe, die Welt geht unter'. Dass man sich Fragen stellt, wie machen wir das, wie kann das funktionieren – das ist richtig. Aber die emotionale Schiene ist bei manchen Menschen heftig ausgeprägt."

Bei meinen aktuellen Recherchen erlebe ich das zum Glück nicht selbst. Da steht der Wolfsberater vor mir, erklärter Naturfreund und Verfasser von Wolfromanen, der mir gesteht, mit dieser Entwicklung habe er selbst nicht gerechnet. Dass er teilweise sechs Mal am Tag angerufen wird, weil jemand einem Wolf begegnet ist. Oder besorgte Kindergärten fragen, ob man noch im Wald spazieren könne. Da sagt der Landwirt, der gerade zwei Rinder verloren hat und Angst vor den nächsten Nächten hat: Nee, der Wolf soll ja nicht wieder ganz gehen. Nur bitte nicht mehr zu uns.

Doch dass der Hass auf allen Seiten groß sein kann, zeigt sich daran, dass Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies bereits Morddrohungen erhalten hat, weil er Problemwölfe zum Abschuss freigegeben hat. Und dass immer wieder illegal getötete Wölfe gefunden werden.

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Kapitel 3 - Ein neues Kapitel

Dass Wölfe Schäden anrichten, ist ein Fakt. Je nach Rudel geht das sogar in die Millionen. Nicht zu vergessen die psychische Belastung für die Landwirte, denn ihnen liegt etwas am Schutz ihrer Tiere. Und dass man nicht alle Herden mit 1,80 Meter hohen Zäunen verbarrikadieren kann, scheint auch klar.

Fakt ist aber auch: Wölfe sind durch das Bundesnaturschutzgesetz geschützt, dürfen nur in wenigen Ausnahmen geschossen werden. Und das ist auch gut so, denn der Mensch darf nicht einfach ein Tier ausrotten, nur weil es ihn stört. Von beiden Seiten wird es wohl eine Anpassung geben müssen: Wie viel Mensch verträgt der Wolf und wie viel Wolf der Mensch? Und das kann nur mit einer ordentlichen Portion Realitätssinn un Kompromissbereitschaft geschehen – von allen Seiten. Wenn ich Rotkäppchen neu schreiben könnte, dann würde Rotkäppchen den Wein nicht zu Oma bringen, sondern es sich auf einem Feuerameisenhaufen bequem machen und hoffen, dass seine Eltern es nicht erwischen. Das klingt für mich realistischer, als von einem Wolf gefressen zu werden.