Debatte über Würde und Anstand in Italien

Rechte Politikerin Giorgia Meloni verbreitet Vergewaltigungsvideo aus Piacenza

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Italien: rechte Politikerin Giorgia Meloni verbreitet Vergewaltigungsvideo
aju pat, dpa, Domenico Stinellis

Am vergangenen Sonntag wurde in Piacenza, Norditalien, eine 55-jährige Ukrainerin am helllichten Tag vergewaltigt. Ein Unbekannter filmte die Tat, verbreitete sie im Internet. Die Rechtsaußen-Spitzenkandidatin der Partei „Fratelli d´Italia“ Giorgia Meloni teilte genau dieses Video auf ihrem Twitter Account, benutzte es für ihren Wahlkampf. Der Täter komme aus Guinea, sei 27 Jahre alt, heißt es. Twitter und Facebook haben das Video inzwischen gelöscht, aber In Italien debattiert man nun über die Grenzen von Würde und Anstand. Denn auf das Opfer hat Giorgia Meloni auf keinen Fall Rücksicht genommen.

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Staatsanwaltschaft von Piacenza ermittelt auch gegen Giorgia Meloni

Das Video zeigt den schrecklichen Moment, den das Opfer nie vergessen wird. Ein Mann hatte sie zu Boden gerissen und vergewaltigte sie. Am helllichten Tag, mitten in der Stadt Piacenza. Ein Unbekannter filmte das Horror-Szenario. Man hört, wie sie verzweifelt um Hilfe schreit.

Diese Aufnahme sei anschließend auf Facebook hochgeladen worden, berichtet „Corriere della Sera“. Das Nachrichtenmagazin „Il Messaggero“ habe sich das Handyvideo abgegriffen, das Gesicht der 55-Jährigen gepixelt und es anschließend in voller Länge auf der Online-Seite gezeigt. Das Newsportal verstieß damit gegen Artikel 734 des italienischen Strafgesetzbuchs, das besagt, dass Bildmaterial mit sexuellen Handlungen ohne Zustimmung nicht verbreitet werden dürfen. Das ist die eine Seite des Skandals.

Die andere Seite: Die rechte Politikerin Giorgia Meloni teilte die verbotene Aufnahme auf ihrem Twitter-Account. Daraufhin verbreitete das Video der schlimmen Straftat sich wie ein Lauffeuer. Denn der 45-Jährigen Politikerin folgen inzwischen 1,2 Millionen Menschen. Die Staatsanwaltschaft von Piacenza ermittelt mittlerweile gegen das Nachrichtenportal sowie gegen die rechtspopulistische Spitzenkandidatin, die den Post mittlerweile auch selbst gelöscht hat.

Laut „Corriere della Sera“ schrieb sie in dem Post: „Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um die Sicherheit in unseren Städten wieder herzustellen.“ An das Opfer hat die Politikerin aber scheinbar nicht gedacht. Die Ukrainerin soll völlig verzweifelt wegen der Verbreitung der Aufnahme sein.

Giorgia Meloni keiner Schuld bewusst: "Gesicht des Opfers sei auf dem Video gepixelt gewesen"

In einem Video-Statement auf Twitter weist Giorgia Meloni jede Schuld von sich. Die 45-Jährige betont darin, dass das Gesicht des Opfers ja nicht zu erkennen gewesen sei. Kritik sieht sie als „Aggressionen gegen ihre Person“, als taktischen Angriff der Linkspartei. „In der Diskussion wird mit keiner Silbe über das Geschehene gesprochen. Nicht über das Opfer oder den Täter, sondern nur über mich“, erklärt Giogia Meloni.

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Wen Giorgia Meloni dabei aber scheinbar vergisst, ist das Vergewaltigungsopfer. Es sind ihre Schreie um Hilfe, die zu hören sind. Sie war es, die angegriffen und vergewaltigt wurde. Durch dieses Video muss sie das Martyrium immer wieder aufs Neue durchmachen. Laut „Corriere della Sera“ soll die Ukrainerin „verzweifelt“ sein. Die 55-Jährige habe der Verbreitung nie zugestimmt.

Bekannte der 55-jährigen Ukrainerin sollen sie anhand der Bilder und der Stimme, die deutlich in dem Video zu hören war, erkannt haben. Was sie mit Sicherheit am wenigsten wollte ist, dass dieser Moment auf der ganzen Welt verbreitet wird.

Piacenza: Vergewaltigungsvideo wurde auf allen Social-Media-Plattformen entfernt

Giorgia Meloni
Italien: Die Rechtspopulistin Giorgia Meloni führt aktuell die Umfragen für die Wahl am 25. September an
LB, AP, Domenico Stinellis

Inzwischen haben alle Meta-Plattformen (Facebook & Instagram) sowie Twitter reagiert und das schreckliche Vergewaltigungsvideo entfernt. Es verstoße gegen die Regeln der „sexuelle Ausbeutung von Erwachsenen“. In ganz Italien wird aber weiterhin über die Grenzen von Würde und Anstand debattiert.

Die rechte Politikerin aber bleibt auf ihrem rechten Kurs, greift in ihrem Statement den seit März 2021 Vorsitzenden der Demokratischen Partei, Enrico Letta, an. „Warum sprechen Sie nicht über den Fakt, [...] dass die Sicherheit in unseren Städten außer Kontrolle ist, auch dank der surrealen Einwanderungspolitik, die Sie verfolgt haben.“

Giorgia Meloni ist Chefin der postfaschistischen Partei Fratelli d'Italia (FdI), zu Deutsch „Brüder Italiens“. Zusammen mit ihren rechtsgerichteten Verbündeten führt sie aktuell die Umfragen vor der Wahl am 25. September an. Sie könnte aus der Abstimmung als erste Premierministerin Italiens hervorgehen – und wäre damit auch die erste faschistische Regierungschefin seit dem 2. Weltkrieg. (mca)