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Ukraine-Krieg spaltet auch Russland: Russland-Deutscher Dimitri Blinski gibt Einblick

Russland-Deutscher erzählt

Wie Putins Krieg mein Heimatland spaltet

27.02.2022, Russland, St. Petersburg: Demonstrierende protestieren gegen Russlands Invasion in die Ukraine. Trotz Massenverhaftungen gingen die Menschen in Moskau, St. Petersburg und anderen russischen Städten den dritten Tag in Folge auf die Straße.
Trotz Massenverhaftungen gingen die Menschen in Moskau, St. Petersburg und anderen russischen Städten den dritten Tag in Folge auf die Straße.
DL mbu pat, dpa, Dmitri Lovetsky

Von Dimitri Blinski

“Wir sind wahnsinnig schockiert, über das was da gerade passiert”, so begann letzte Woche eine Sprachnachricht von meinem Vater, der mit seiner russischen Frau und seiner dreijährigen Tochter in Moskau lebt. Ein persönlicher Kommentar von „heute wichtig“-Redakteur Dimitri Blinski.

Dimitri Blinski in Moskau.
Dimitri Blinski
RTL Interactive

Desinformationen in Russland schüren Angst und Wut

dpatopbilder - 28.02.2022, Ukraine, Kiew: Neugeborene Zwillingsbrüder schlafen in einem als Bunker genutzten Keller des Okhmadet-Kinderkrankenhauses im Stadtzentrum. Foto: Emilio Morenatti/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Neugeborene Zwillingsbrüder schlafen in einem als Bunker genutzten Keller des Okhmadet-Kinderkrankenhauses im Stadtzentrum von Kiew.
pil, dpa, Emilio Morenatti

Mein Vater ist Kunstmaler, Fotograf und Kunst-Journalist, mit Politik hat er beruflich wenig zu tun. Umso mehr und umso kritischer verfolgt Ivan den Angriffskrieg gegen die Ukraine. Er hört verschiedene Positionen - und schafft es trotz der einseitigen Berichterstattung im staatlichen Fernsehen, sich eine kritische Meinung zu bilden. Er hätte niemals damit gerechnet, dass Putin, wie er sagt, unsere Brüder und Schwestern im Nachbarland angreift. Fast jede Russin und jeder Russe hat Bekannte, Freunde oder andere persönliche Verbindungen in die Ukraine.

In dieser Woche ist mein Vater ins Büro des kleinen Verlags gekommen, für den er und meine Großmutter seit Jahrzehnten arbeiten. Und er hat Zweifel an der Politik Putins geäußert. Er hat sich gegen den Einmarsch gestellt. Daraufhin wurde er von Kollegen niedergeschrien, er könne sich doch nicht gegen die Entscheidung Putins stellen. Der Krieg sei richtig. Der Verlag, der sich mit junger Kunst beschäftigt, ist unbedeutend, wenn es um Propaganda geht, es sind eher die alteingesessenen Mitarbeitenden, die meist auf Putins Seite stehen.

Gestern fragte mein Vater mich, ob er denn theoretisch mit seiner Frau und Tochter nach Deutschland kommen könne, die deutsche Staatsbürgerschaft habe er ja. Es sind Ur-Ängste, die auf einmal, auch auf der anderen Seite, also bei den Menschen in Russland geweckt werden. Was ist, wenn der Fall der Fälle eintritt, wenn Putin noch weiter eskaliert?

Noch wurde Ivan nicht gekündigt, doch das könnte durchaus passieren, Menschen werden auf Linie gebracht, unter Druck gesetzt. Meine Mutter steht wohl kurz vor einem Rauswurf.

Flugverkehr mit Russland gekappt: Mutter steht vor ungewisser Zukunft

Meine Mutter in Berlin wartet jeden Tag auf die Kündigung der größten staatlichen russischen Fluggesellschaft „Aeroflot“.
Meine Mutter in Berlin wartet jeden Tag auf die Kündigung der größten staatlichen russischen Fluggesellschaft „Aeroflot“.
www.imago-images.de, imago images/Marius Schwarz, Marius Schwarz via www.imago-images.de

Ortswechsel: Wir sind in Berlin. Meine Mutter arbeitet noch für die größte staatliche russische Fluggesellschaft „Aeroflot“ am Flughafen BER. Ursprünglich hatte „Aeroflot“ fünf Flüge am Tag zwischen Berlin und Moskau, zusätzlich zwei Verbindungen nach Sankt Petersburg. Die Russinnen und Russen lieben Berlin, viele kamen gerne für ein paar Tage, Politikerinnen und Politiker aber auch Moderatorinnen und Moderatoren sollen hier schöne Immobilien besitzen. Seit Sonntag ist Schluss.

Meine Mutter hat den letzten Flieger nach Moskau verabschiedet – und steht nun selbst vor einer ungewissen Zukunft. Keine Flüge, keine Arbeit. Aktuell bin ich zu Hause und erlebe meine Mutter eher positiv gestimmt. Obwohl die Sanktionen des Westens sie hier in Berlin direkt betreffen, gibt sie weder Deutschland noch der EU die Schuld an ihrer persönlichen Situation. Sie ist nach wie vor gegen Putins Krieg, und das unterstreicht sie auch. Es ist kein Krieg der Russen gegen Ukraine, es ist alleine Putins Entscheidung.

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Freundin aus Moskau im Sog russischer Propaganda

Und dann erreichen mich gestern Sprachnachrichten von meiner Freundin Natascha aus Moskau. Sie ist Mutter einer kleinen Tochter, aktuell zu Hause und schaut sich, so ist mein Eindruck, die volle Dröhnung von Putins Propaganda an, vor allem auf TikTok. Als ich auf ihre Nachrichten reagiere, nur mit dem Hinweis, sie könne sich ja auch mal andere Quellen anschauen, da ging die Diskussion erst richtig los.

Die Ukraine sei ein Nazi-Regime, dort würde gemordet und nun sorgten die Russen mal für Recht und Ordnung. Auf meine Quellen ist sie nicht eingegangen, stattdessen bekam ich zahlreiche Links, zu sehr einseitigen Positionen. Auf ihre letzten Nachrichten habe ich nicht mehr reagiert. Der aggressive Ton, die gleichen Argumente, die Wiedergabe der offiziellen Informationen, das alles strengt mich an. Es ist Tag sieben im Ukraine-Krieg und ich bin erschöpft von den Diskussionen, auch wenn die meisten meiner Freunde und Instagram-Follower eher die westliche Sicht vertreten.

Es ist vor allem Putins Krieg – nicht der von 144 Millionen Russen

Meine Mutter schaut nun jeden Abend nach Stellenanzeigen, sie hat sich damit abgefunden, dass schon bald wohl die Kündigung von „Aeroflot“ im Briefkasten liegt. Trotzdem ist sie gegen diesen Krieg. Auch wenn der Flughafen ihr Leben ist, ist sie mit fast 60 Jahren bereit für eine neue Aufgabe. “Was soll ich denn sonst machen?”, sagt sie.

So wie meiner Familie geht es aktuell vielen Menschen in Russland und hier in Deutschland. Sie spüren schon jetzt erhebliche Konsequenzen. Und sie werden bei der Arbeit, im Freundeskreis oder auch einfach im Supermarkt unter Druck gesetzt, sich zu positionieren. Ob sie wollen oder nicht. Sie sind zerrissen zwischen politischen Entscheidungen und persönlichen Einbußen. Ich habe den Eindruck, es ist fast wie damals, als Russland die Krim annektiert hat. Da sind Freundeskreise zerbrochen, meist zwischen Russen und Ukrainern. Aber nur fast, denn jetzt, nach dem Einmarsch in die Ukraine, so ist mein Eindruck, hat Putin viele Fans verloren. Prominente Musiker, Moderatoren, aber die Bevölkerung wendet sich gegen ihn. Es ist vor allem Putins Krieg – und nicht der von allen 144 Millionen Russen und Russinnen.

Den Kommentar gibt's auch in der aktuellen Folge des Podcasts „heute wichtig“

Außerdem hören Sie ein Gespräch mit der Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses, Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), die sagt „Putin ist unberechenbar.“