Familienberaterin klärt auf

Toxische Beziehung: Bin ich selbst etwa der toxische Part?

Oft ist die Rede von toxischen Beziehungen. Aber bin ich vielleicht sogar der toxische Part?
Oft ist die Rede von toxischen Beziehungen. Aber bin ich vielleicht sogar der toxische Part?
© iStockphoto, PetkoDanov MIXMIKE

08. September 2021 - 16:13 Uhr

Toxische Beziehungen schaden uns

Immer öfter ist von toxischen Partnern oder Freundschaften die Rede. Ob Gerada Lewis oder Jessica Paszka, auch viele Prominente haben schon ihre Erfahrungen mit der vergifteten Stimmung in einer Beziehung gemacht. Aber woher weiß man, dass nicht der andere, sondern man selbst der toxische Teil einer Beziehung ist? Wir haben Familienberaterin Ruth Marquardt gefragt, auf welche Merkmale man achten sollte – und wie man sich im Fall der Fälle in Zukunft bessern kann.

Was genau bedeutet toxisch?

Um zu wissen, ob man selbst eine toxische Person ist, muss man erst einmal wissen, was das überhaupt bedeutet: "Eine toxische Beziehung ist meist geprägt von einem Part, der vorwurfsvoll agiert, die Schuld beim anderen sucht, Vorwürfe macht, Sätze äußert wie: 'Das siehst du völlig falsch' oder 'Wenn du dich änderst, ist alles perfekt!'." Die Schuld bei sich selbst suchen? Kommt für toxische Personen meist nicht infrage.

Selbst ändern toxisch agierende Partner an sich oder ihrem Verhalten meist nichts", so die systemische Beraterin Ruth Marquardt im Interview mit RTL. Dabei fehlt dem toxisch agierenden Part der Beziehung die Einsicht. Dass sein Verhalten falsch oder schädlich ist, erkennt er meist nicht.

Doch toxische Partner können sogar über den verbalen Angriff hinausgehen: "Im Extremfall folgt verbaler Gewalt irgendwann körperliche Gewalt und die Betroffenen können sich meist erst nach langer Zeit aus einer toxischen Beziehung lösen. Nicht selten leiden sie danach unter Symptomen wie Angst- und Panikattacken, Schlafstörungen oder körperlichen Symptomen als Folge der psychischen Belastung."

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Warum sind manche Menschen toxisch?

Scheidung und Kinder: Den richtigen Umgang wählen
Schon in unserer Kindheit schauen wir uns Verhaltensmuster unserer Eltern ab.
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Doch woher kommt dieses beziehungsschädigende Verhalten eigentlich? Ruth Marquardt sieht das in unserer Kindheit verwurzelt: Haben wir als Kinder nicht gelernt, wie stabile, sichere und verlässliche Beziehungen funktionieren, sind wir anfälliger dafür, als Erwachsene selbst in ähnliche Beziehungsmuster zu verfallen.

"Wir schauen Mama und Papa zu, wie die Beziehung funktioniert. Wie streiten beide? Wie glücklich sind beide miteinander? Unterstützen sich beide gegenseitig? Lachen sie miteinander? Oder gibt es Abhängigkeiten? Beschimpfungen? Drohungen? Nur wenige von uns hatten Eltern, die als gute Beziehungsvorbilder getaugt haben."

Wenn zusätzlich auch noch gute Vorbilder im Freundeskreis oder in der Schule fehlen oder auch die erste Beziehung eher ein Reinfall war, haben wir nicht gelernt, worauf wir bei uns selbst oder unseren zukünftigen Partnern achten sollen. Die Paartherapeutin betont allerdings, dass diese Beobachtungen nicht auf jede (toxische) Beziehung zurückzuführen sind – aber es sind wichtige Anhaltspunkte.

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Toxische Personen: Kommt es irgendwann zu einem Eingeständnis?

Handelt es sich um einen wirklich narzisstischen Partner in einer toxischen Beziehung, wird dieser üblicherweise keinen Grund sehen, an sich oder an seinem Verhalten zweifeln zu müssen, erklärt Ruth Marquardt. Aber: "Wer bereit ist, auf sich selbst und sein Verhalten zu schauen, sich zu reflektieren und dann sein Verhalten zu verändern, der ist auf dem besten Weg, eine wunderbare Beziehung zu etablieren." Hilfreich sei in einem solchen Fall vor allem die regelmäßige offene und vertrauensvolle Kommunikation sowie ganz viel Geduld des anderen Partners oder Freundes.

Eine langfristige Änderung der Verhaltensmuster ist vor allem dann möglich, wenn man immer wieder feststellt, dass seine Handlungen zu Streits und Problemen führen. "Bin ich ein Mensch, der chronisch eifersüchtig handelt? Fühle ich mich in mir selbst unsicher? Beleidige oder beschimpfe ich mein Gegenüber? Wie steige ich in Streit ein? Fühle ich mich als Opfer der Umstände? Beantworte ich diese Fragen mit ja und möchte ich ein glücklicheres Leben führen – dann hat man als toxische Person den Ernst der Lage erkannt und kann eine Therapie in Erwägung ziehen."

Marquardt bezeichnet diese Therapie aber eher als eine Art Lernprozess, bei dem die toxische Person mit Hilfe eines Experten lernen soll, ihr Leben umzukrempeln. Ganz getreu dem Motto: "Der erste Schritt für Veränderung und mein persönliches Lebensglück liegt immer bei mir selbst."

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Sind Sie eine toxische Person?

Folgende Anzeichen könnten Ihnen zudem dabei helfen, herauszufinden, ob Sie die toxische Person in der Beziehung sind.

  • Verspüren Sie starke Verlustängste?

Das ist für Ruth Marquardt kein toxisches Merkmal per se, weil traumatische Ereignisse und Erfahrungen aus der Vergangenheit nun mal in unseren Köpfen abgespeichert sind. Wenn sich daraus jedoch mit der Zeit eine Angst oder bestimmte Eifersuchtsmuster entwickeln, wie zum Beispiel ständige Kontrollanrufe oder Vorwürfe, sollte man sich Gedanken machen. Hier gilt: Bedürfnisse und Gefühle klar kommunizieren, bevor sich eine große Unzufriedenheit breit macht – auch wenn das oft leichter gesagt ist als getan. Aber es hilft!

  • Der Ursprung allen Übels: Sind Sie unzufrieden mit sich selbst?

"Glückliche Paare und solide Freundschaften bestehen aus einzelnen glücklichen Menschen", weiß auch die systemische Beraterin. Daher lohnt es sich besonders, alles darüber zu lernen und zu erfahren, was zum eigenen Glück beiträgt. Die eigenen Absichten können so viel deutlicher erkennbar sein, man weiß unter Umständen viel mehr über seine eigenen Bedürfnisse. Davon profitieren Sie nicht nur selbst, sondern auch Ihr Partner oder Freund.

  • Gehen Sie häufig auf dieselbe Art und Weise eine Beziehung ein?

"Toxische Beziehungen sind meist von typischen Abläufen geprägt: Es beginnt mit der wundervollen Romantikphase voller Komplimente ("Love Bombing"), dann geht es nach recht kurzer Zeit bergab in Richtung Abwertungen, Verbote oder Drohungen." Hier sollten Sie hinterfragen, ob Sie selbst zu den Betroffenen gehören und in einer etwaigen (toxischen) Beziehung stecken. Oder aber Sie erkennen, dass SIE die Person in der Partnerschaft sind – dann sollte gehandelt werden.

Von diesen Tipps können Sie profitieren

Ein junges Paar sitzt auf dem Sofa und streitet.
Kommunikation ist das A und O - auch wenn es manchmal etwas ausartet. Achten Sie darauf, stets auf Augenhöhe mit Ihrem Partner zu kommunizieren.
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Egal, ob es eine freundschaftliche, partnerschaftliche oder kollegiale Beziehung ist: Zu jeder Beziehung gehören zwei Menschen. Ein Chef, der mich anbrüllt? Muss nicht sein. Ein Nachbar, der mich beschimpft? Genauso wenig. Der Partner, der mich schlecht behandelt, sollte von mir ebenso wenig toleriert werden.

  • Sagen Sie immer klar und deutlich, was in Ihrem Kopf vorgeht. Mit einem "Alles gut!" lässt es sich zwar kurzfristig ganz gut aus der Affäre ziehen, aber langfristig ist damit niemandem geholfen.

Hat man selbst erkannt, dass man womöglich toxisch ist, rät die Expertin zur Selbstreflektion: "Wichtig ist, dass ich verstehe, dass ich im Laufe meines Lebens Strategien und Muster entwickelt habe (die Liebe der nahen Menschen zu sichern), die mich und meine Beziehungen heute belasten." Als nächsten Schritt muss jeder für sich selbst entscheiden, Veränderungen vorzunehmen, um sein persönliches Lebensglück zu erlangen.

Auch dieses "Herzensgespräch" kann helfen

Es ist schwer für toxische Personen einzusehen, dass man anderen Menschen nicht gut tut. Wer aber in seiner Beziehung etwas ändern will, der sollte sich professionelle Hilfe suchen, um einen positiven Einfluss auf die Partnerschaft zu nehmen. Ruth Marquardt empfiehlt außerdem ein echtes "Herzensgespräch" für all diejenigen, die an ihrer Beziehung arbeiten möchten. Paare sollen sich dabei regelmäßig Zeit nehmen, um für etwa eine Stunde ungestört zu reden. So könnte ein möglicher Ablauf aussehen:

  • Partner A beginnt und erzählt in der Ich-Form davon, wie es ihm oder ihr gerade geht, was ihn oder sie bewegt.
  • Partner B hört aufmerksam zu. Stellt keinerlei Fragen. Unterbricht nicht. Verdreht nicht die Augen.
  • Partner A erzählt maximal 20 Minuten.
  • Sagt dann nur ein Wort: DANKE.
  • Partner B bedankt sich ebenfalls – für die Offenheit mit dem Wort DANKE.
  • Dann erfolgt der Wechsel und Partner B erzählt, aber nicht als Gegenrede "Was du da gesagt hast, stimmt so gar nicht", sondern er erzählt von sich, vielleicht von eigenen Ängsten, aber auch von schönen Erlebnissen.
  • Auch Partner B spricht maximal 20 Minuten.
  • Von beiden ein Dank, vielleicht wenn es passend ist, eine Umarmung.

Dieses Vorgehen ist auch für andere Beziehungen eine Bereicherung. Sie wird auf jeden Fall von so viel Offenheit profitieren. "Paare berichten immer wieder, wie viel Nähe und Verständnis, wie viel Intimität durch solche Gespräche zurückkommt. Es werden sehr oft Missverständnisse abgebaut und mehr Verständnis für die Welt des Partners etabliert", erklärt Ruth Marquardt. Schaden kann es mit Sicherheit nicht, oder? Probieren Sie's mal aus! (pdr, vdü)