Auf dem Trainer-Olymp angekommen

Die irre Reise des Thomas Tuchel

Da is' das Ding!
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© Pool via REUTERS, SUSANA VERA, mb

30. Mai 2021 - 17:49 Uhr

Er gehört jetzt zu den Großen - Titel-Tuchel hat geliefert

Von Emmanuel Schneider

Thomas Tuchel hat sein Chelsea-Märchen wahrgemacht. Was im Januar als Job bei einem Team mit Mega-Ambitionen, aber Mittelklasse-Qualität begann, endete nun auf dem Thron des europäischen Fußballs. Titel-Tuchel hat geliefert.

"Tucheln" ist das neue emotional

Soccer Football - Champions League Final - Manchester City v Chelsea - Estadio do Dragao, Porto, Portugal - May 29, 2021 Chelsea manager Thomas Tuchel reacts Pool via REUTERS/Pierre-Philippe Marcou
Tuchel peitschte die Fans an.
© Pool via REUTERS, PIERRE-PHILIPPE MARCOU, ca

Er schrie, er fuchtelte, er gestikulierte wie von Sinnen. Seit Samstag muss man wohl sagen: Er "tuchelte". Beim Champions-League-Finale am Samstagabend zeigte sich Thomas Tuchel von seiner besonders emotionalen Seite. Der deutsche Trainer in Reihen des FC Chelsea krönte mit dem 1:0-Finalsieg gegen Manchester City mit Star-Trainer und Kumpel Pep Guardiola eine unglaubliche Saison. Der 47-Jährige hat eine irre Reise hinter sich.

Nein, es war nicht Trainer-Rumpelstilzchen Diego Simeone von Atletico Madrid, der da an der Seitenlinie mit den Armen wedelte und das Publikum (ca. 6.000 Fans von Chelsea waren dabei) anstachelte. Schon nach wenigen Minuten fing die internationale Regie den 47-Jährigen im emotionalen Dauerzustand ein. Ja, das war wirklich Tuchel. Thomas Tuchel. Der Mann, der schon in der Bundesliga in Mainz und Dortmund gute Arbeit geleistet hatte, aber gerne ins Regal der verschrobenen Taktik-Freaks abgestellt wurde. Taktiker ja, Menschenfänger wie Klopp? Auf keinen Fall. Erst im Herbst 2020 schickte Hans-Joachim Watzke die Worte "Thomas ist ein schwieriger Mensch" nach Paris.

In der Stadt der Liebe stand Tuchel zu jener Zeit schon vor dem Aus. Es dauerte dann tatsächlich bis Weihnachten, als ausgerechnet an Heiligabend (!) die Kündigung reinflatterte. So viel zum Thema Liebe. Mit Leonardo, dem Sportdirektor seines damaligen Arbeitgebers PSG, stand er schon längere Zeit über Kriegsfuß. Der Rauswurf war keine Überraschung mehr und entpuppte sich als verspätetes Geschenk für Monsieur Tuchel.

Vom Mittelmaß auf Europas Thron

Denn vier Wochen später begann Tuchels Reise beim FC Chelsea. Graues Mittelmaß zu jener Zeit – wenn man denn bei nicht einmal sechs Monaten schon von "jener Zeit" sprechen kann. Die Londoner hatten die Notbremse gezogen und Vorgänger und Club-Ikone Frank Lampard vor die Tür gesetzt. Chelsea steckte im Mittelmaß fest, zwischen Rang neun und zehn. Sad!

Auffallend früh suchte Tuchel einen neuen Weg, es menschelte. Er sprach von der "Chelsea-Familie", bei der er vom allerersten Moment das richtige Gefühl gehabt habe. Auf dem Rasen setzte er teilweise auf neue Gesichter. So etablierte er den zuvor ausgemusterten Antonio Rüdiger als starken Mann in der Defensive, hauchte den teuren Sommer-Zugängen Timo Werner und Kai Havertz wieder neues Leben ein. Auf dem Platz galt: Hinten dicht halten, die Gegner mit Kontern überrennen, treffen und gewinnen.

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Er baute Chelsea um

Neben routinierten Kräften wie N'Golo Kante, Thiago Silva und Cesar Azpilicueta baute er Talente wie Christian Pulisic und Mason Mount auf. Chelsea und Tuchel – es passte einfach. Das Team arbeitete sich in der Tabelle nach oben. Zweimal schlug Tuchel auch den Big Player ManCity.

Die erste Titelchance hatte Chelsea schon vor zwei Wochen im Finale des FA-Cups. Leicester City gab den Party-Crasher – für Chelsea gab es eine Millimeter-Enttäuschung. Kurz sah es so aus, als gerate Tuchels Team ins Straucheln, auch in der Liga verloren die "Blues" zwei wichtige Partien.
Trotzdem reichte es in der Premier League für den Sprung auf Platz vier – die Champions-League-Teilnahme war also schon vor dem Henkelpott-Gewinn gesichert. Der Höhepunkt aber, das war klar, folgte erst am Samstag in Porto. Im Champions-League-Finale sollte geliefert werden. Die Trophäe solle doch bitte nach 2012 ein zweites Mal nach Chelsea in den Vitrinenschrank wandern. Und Titel-Tuchel lieferte.

Der Schwabe coachte sein Gegenüber Guardiola auch im dritten direkten Duell aus. Das überraschend offensiv ausgerichtete City fand nur mäßig Zugriff, die Chip-Bälle über die City-Abwehrreihen und die schnellen Stürmer wie Werner verunsicherten den englischen Meister. Nach Mounts vertikalem Traumpass vollendete Havertz kurz vor der Pause zum 1:0. Es war das Tor zum Triumph.

Ausgelassen feierte Tuchel nach Schlusspfiff mit seiner Familie auf dem Rasen, umgeben von Konfetti und "We are the Champions"-Klängen auf voller Lautstärke. In der Kabine packte er gar den Champagner-Helikopter aus.

Bezeichnend: Bevor Tuchel seine Königsklassen-Party startete nahm er sich kurz Zeit für Guardiola, den Trainer, den er so sehr bewundert und mit dem er einst in München im Restaurant mit Salz- und Pfefferstreuer die Taktik des großen Fußballs durchdeklinierte. Tuchel hielt das Gesicht seines Freundes in beiden Händen und spendete tröstende Worte. Eine große Geste.

Anschließend schaltete er in den Party-Modus und widmete den Sieg seiner Familie: "Ich weiß, wie sehr die sich alle freuen. Für die ist das jetzt."

Aufstieg in den Trainer-Olymp

Schon die beiden ersten Aufeinandertreffen gegen City auf der Insel (FA-Cup und Liga) hatten Tuchel und Chelsea für sich entschieden. Nun folgte der dritte Streich gegen Trainer-Gigant Guardiola. Schon bei seiner Ankunft im Januar hatte Tuchel verlauten lassen: "Ich bin hier, um um jeden Titel zu kämpfen, den es gibt." Nun ließ er nach den markigen Worten auch Taten sprechen.

+++ So tickt Thomas Tuchel privat +++

Im vergangenen Jahr scheiterte er mit Paris St-Germain noch knapp an Flicks Super-Bayern. Die 0:1-Niederlage hatte Tuchel nur weiter angespornt. Als erster Coach gelang ihm der zweite Finaleinzug in Serie mit unterschiedlichen Clubs. Durch Havertz' goldenes Tor reiht sich Tuchel nun bei den ganz Großen ein. Den Heynckes, Zidanes, Hitzfelds und Klopps. Eben jenem Klopp, dem er schon bei Mainz, Dortmund und nun auf die Insel gefolgt war und in dessen riesigen Schuhen man schnell untergehen kann. Tuchel ging nicht unter, er füllte sie neu aus, auf seine eigene Art und Weise. Erst in Mainz, dann in Dortmund, nun in England, dem Mutterland des Fußballs. Er ist endgültig auf dem Trainer-Olymp angekommen.

Zu Beginn seiner Amtszeit bei den "Blues verriet Tuchel übrigens, wie er besondere Siege zu feiern pflegt, obwohl sein "Alkoholkonsum gegen null" gehe. Statt Bier gönne er sich dann doch lieber einen guten Gin Tonic. "Mit mir kann man Spaß haben." Vielleicht werden es in dieser Nacht in Porto ja sogar zwei. Diesem neuen wilden und emotionalen Tuchel ist alles zuzutrauen.