Vom Fußballer zum „Querdenker“

Wie wurde aus Thomas Berthold ein rechter Verschwörungstheoretiker?

Fußballspieler Thomas Berthold ist mittlerweile ein Querdenker-Aktivist und teilt rechtes Gedankengut.
Fußballspieler Thomas Berthold ist mittlerweile ein Querdenker-Aktivist und teilt rechtes Gedankengut.
© imago images/Future Image, Christoph Hardt via www.imago-images.de, www.imago-images.de

18. November 2020 - 15:53 Uhr

von Tim Schulze

Fußball-Weltmeister Thomas Berthold ist seit Ausbruch der Corona-Pandemie ein prominenter Aktivist der verschwörungstheoretischen "Querdenker"-Bewegung. Viele sind entsetzt über seinen Werdegang, aber völlig überraschend kommt er nicht.

Hinweis: Dieser Beitrag erschien zuerst an dieser Stelle bei stern.de.

Ex-Nationalspieler Thomas Berthold auf Abwegen

Thomas Berthold hat sich mal wieder zu Wort gemeldet. Der ehemalige Fußball-Nationalspieler und Weltmeister von 1990 hat in einer Video-Botschaft dazu aufgerufen, am Mittwoch, den 18. November, nach Berlin zu kommen, um "das Ermächtigungsgesetz" zu verhindern. Gemeint ist die Verabschiedung des überarbeiteten Infektionsschutzgesetzes durch die Große Koalition im Bundestag. Es geht schließlich ums große Ganze: Mit dem Gesetz würden wir "uns von den Grundrechten und der Demokratie verabschieden", raunt Berthold im besten Verschwörungstheoretiker-Deutsch.

Berthold, 56 Jahre alt, hat offenbar eine neue Rolle gefunden, eine die ihm Aufmerksamkeit bringt, aber auch Anerkennung von fragwürdiger Seite. Seit seinem Auftritt bei der Querdenker-Demonstration in Stuttgart Anfang August ist er einer der prominentesten Köpfe der Initiative. Wer sich allerdings wundert, dass sich der frühere Profi in rechts-esoterische Kreise verirrt hat, sollte einen Blick auf die Biografie des früheren Weltklasse-Verteidigers werfen. Zumindest eines kann man sagen: Eigenwillig war Berthold schon immer, er eckte an und war ein Querulant. Meinungsstark könnte man es neutral ausdrücken.

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Hang zu Verschwörungstheorien

Während seiner Zeit bei den Bayern Anfang der neunziger Jahre flog er aus der Mannschaft, weil er sich mit Trainer Erich Ribbeck angelegt hatte. Berthold war sehr selbstbewusst aus Italien zurückgekehrt und hielt die Trainingsmethoden Ribbecks für rückständig ("der schlechteste Trainer, den ich je gesehen habe"). Das letzte halbe Jahr saß er auf der Tribüne und soll seine Freizeit mit Golfspielen verbracht haben. Das brachte ihm bei den Münchnern den Spott ein, "bestbezahlter Golfspieler seit Bernhard Langer" zu sein. Schließlich gelang ihm Ende 1994 sogar der Rauswurf aus der Nationalelf, für die er 62 Mal aufgelaufen war (18 WM-Einsatze). Er hatte Mitspielern und Bundestrainer Berti Vogts nach der schwachen WM in den USA Dilettantismus vorgeworfen.

Dass Berthold einen Hang zu Verschwörungstheorien hat, zeigte sich erstmals 1999. Auf der Internetseite buecher.de machte er Werbung für das Buch "Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert". Der Titel, eine Ansammlung rechtsextremer Verschwörungstheorien, stand wegen Volksverhetzung auf dem Index.

Das war kurz vor dem Ende seiner Karriere. Die letzten sieben Jahre spielte Berthold für den VfB Stuttgart. 2000 beendete er seine Laufbahn nach einem kurzen Gastspiel in der Türkei. Seitdem macht er das, was viele Ex-Profis machen. Er tritt immer mal wieder als Experte und Kolumnist für diverse Medien in Erscheinung. Das Fußball-Magazin "kicker" beendete zuletzt jedoch die Zusammenarbeit wegen Bertholds "Querdenker"-Auftritt in Stuttgart. Zuvor war ein Engagement als Manager beim damaligen Viertligisten Fortuna Düsseldorf nicht so erfolgreich verlaufen, im vergangenen Jahr scheiterte er mit dem Versuch, in den Aufsichtsrat des VfB Stuttgart gewählt zu werden.

Die Welt braucht Typen wie Berthold, sagt Berthold

Dem Magazin "11 Freunde" sagte er im Jahr 2007 in einem Interview: "Wir drehen uns hier in Deutsch­land seit Jahren im Kreis. Es ist doch auch immer die­selbe Suppe, die hier rum­schwimmt." Berthold meinte damals die jungen Fußball-Profis, denen er vorwarf, nur noch PR-gesteuert und angepasst zu sein. Typen wie er einer war, die gäbe es ja gar nicht mehr. 

Sein aktuelles Engagement bei den Querdenkern begründet er damit, dass wir angeblich in einer "Hygiene-Diktatur" leben und nur "einseitig von den Leitmedien informiert" werden, wie er in einem Interview sagte. Die "Frankfurter Rundschau" schrieb dazu: "Thomas Berthold kennt nur schwarz oder weiß, Grautöne sind ihm fremd, eine Differenzierung nicht so sein Ding. Thomas Berthold mag es gern einfach - in der Politik ebenso wie im Fußball."

Gegen scharfe Kritik an seinen Auftritten bei den Querdenkern verteidigte er sich:  "99 Prozent dieser Rückmeldungen waren positiv. Ich glaube, dass viele Menschen in unserer Gesellschaft meine Meinung teilen. Sie haben aber Angst, was zu sagen." Das ist sein Selbstverständnis. Er sieht sich als Kämpfer für Gerechtigkeit in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. So einfach ist das.

Quellen: "Spiegel online", "11Freunde", "Frankfurter Rundschau", SWR, N-TV