Gescheiterte Super League

Dieser Putsch zeigt, wie kaputt der Profifußball ist

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23. April 2021 - 15:31 Uhr

Ein Kommentar von Emmanuel Schneider

Der Putsch ist vorbei, die Super League vorerst gescheitert. Die wohl wildesten Stunden im Club-Fußball seit Ewigkeiten demonstrieren vor der Weltöffentlichkeit, was im System Profifußball falsch läuft.

Super League: Sie meinten es ernst

Am Sonntagmittag sandte ein Bericht der "New York Times" aus dem fernen Amerika Schockwellen in Richtung des europäischen Fußballs. Zwölf abtrünnige Topclubs von Real Madrid über den FC Liverpool bis Juventus Turin planen tatsächlich den Coup: eine geschlossene Eliteliga. Gerüchte und lancierte Wasserstandsmeldungen hatte es zwar immer wieder gegeben, oft waren es aber Muskelspiele, um vor Verhandlungen über Turnierformate mehr Geld abzupressen – doch als in der Nacht zu Montag, in bester Ministerpräsidenten-PK-Manier, die offizielle Stellungnahme inklusive Planungen veröffentlicht wurde, war klar: Sie meinen es ernst. Die Putschisten hatten ihren Mantel geöffnet und die Waffen samt Munition gezeigt.

Und doch: Keine drei Tage später ist das alles Makulatur – vorerst zumindest. Die wenigen Stunden der "European Super League" (ESL) werden in die Geschichtsbücher eingehen, als ein aberwitziger Plot mit irren Wendungen, der schonungslos offenlegte, wie kaputt einiges im Profifußball ist.

Gier nach Geld

Ok, dieser Punkt ist der wohl am wenigsten überraschendste, aber dennoch immer wieder erstaunlich. 3,5 Milliarden Euro sollten die Teams der ESL von der Investmentbank JPMorgan bekommen, mit viel Luft nach oben. ESL-Mitgründer wie Real-Boss Florentino Perez und Juventus-Präsident Andrea Agnelli sehen ihre Clubs schon lange als globale Marken. Für sie geht es darum, Märkte außerhalb Europas zu stärken und in einem geschlossenen System à la NFL oder NBA weiter Kohle zu scheffeln. Da stören natürlich profane Kicks gegen Bergamo oder Ferencváros Budapest.

Und ausgerechnet der 74-jährige Perez begründete den Vorstoß unter anderem damit, dass sich junge Menschen nicht mehr für Fußball interessierten. 2024 seien die Clubs "alle tot". Und ja: Für Teams wie Real Madrid (900 Millionen Euro) oder den FC Barcelona (über eine Milliarde), die heillos verschuldet und durch die Corona-Krise noch mehr gebeutelt sind, stellte die ESL eine neue stabile Einnahmequelle in Milliardenhöhe dar, auf die man einfach nicht verzichten wollte. Statt die bisherige nicht nachhaltige Vorgehensweise zu hinterfragen, wollte man einfach noch mehr Geld reinpumpen.

Der FC Arsenal zum Beispiel, der momentan weder für Champions League oder Europa League qualifiziert wäre, hätte so zum Beispiel auch ohne sportlichen Erfolg in der Liga seinen lukrativen Platz in elitärer Runde sicher gehabt. Getreu dem Motto: Geld first, sportlicher Wettbewerb second – wobei der Wettbewerb ohnehin schon fast abgeschafft scheint und in nationalen Ligen und der Königsklasse fast immer die gleichen Großclubs die Titel und damit auch Prämien einstreichen.

„Passt-Scho“-Manier

Die Tage nach der Putsch-Eröffnung waren ein PR-Desaster, offenbar dachte man in den Büros der CEOs, dass der Gegenwind entweder nicht so schlimm werden würde (weltfremd), ihn ganz einfach aussitzen könnte (mutig) oder der Putsch war einfach zu schlecht vorbereitet (die wahrscheinlichste Antwort).

Zusammen mit den Protesten vieler wütender Fans beispielsweise vor dem Chelsea-Clubgelände oder an der Anfield Road in Liverpool waren es auch die harschen Ankündigungen aus der Politik wie von Englands Premierminister Boris Johnson, von Ex-Spielern, Medien oder Sponsoren, die die Knie der englischen Clubs weich werden ließen. ManCity fiel offiziell als erster Dominostein, die anderen folgten sogleich wie beim großen Domino Day.

Clubs wollen Fans offenbar für dumm verkaufen

Die Entschuldigungen, die dann zusammen mit den Rückzugstatements zunächst von den Premier Clubs verschickt wurden, laden zum ungewollten Schmunzeln respektive Haareraufen ein. Beispiele: "Nachdem wir uns Ende letzter Woche der Gruppe angeschlossen hatten, hatten wir jetzt die Zeit, um die Angelegenheit vollumfänglich zu überdenken." (FC Chelsea) oder "Wir haben einen Fehler gemacht, und wir entschuldigen uns." (FC Arsenal)
Ach ja, sorry, war was? Ganz so, als habe man eben nicht den Verrat an den Fans geplant, sondern beim neuen Auswärtstrikot einen falschen Farbton verwendet oder einen Spielernamen aus Versehen falsch geschrieben. Diese Dreistigkeit sollten Fußball-Fans nicht so schnell vergessen. Und eigentlich auch die Uefa nicht.

Die Rolle der Uefa

Eine nicht zu unterschätzende Pointe der Super-League-Intrige ist, dass sich ausgerechnet die Uefa als Bewahrer und Retter des modernen Fußballs aufspielen kann. Präsident Aleksander Ceferin sprach von einem "schändlichen, egoistischen und von Gier getriebenen" Alleingang. Menschen, die den Fußball lieben, werde "ins Gesicht gespuckt", so Ceferin.

Dabei melkt natürlich gerade auch die Uefa bei der Cashcow Profifußball, was nicht bei drei auf dem Stadiondach ist. Stichworte Aufblähung von Turnieren und exzessive Kommerzialisierung. Nach der ESL-Absage der englischen Teams reichte er gütig die Hand und begrüßte die Teams zurück "in der europäischen Familie". Also ein "Weiter so" mit warmen Worten, obwohl der Wettbewerb massiv angegriffen wurde. Klar dürfen die Teams zurück, aber wie wäre es stattdessen mal mit Punktabzügen, saftigen Geldstrafen, Wettbewerbsausschlüssen oder Transfersperren? Ansonsten, so ist zu befürchten, wird sich kein Lerneffekt einstellen. Der Fußball vergisst schnell.

Video: Perez verteidigt Pläne

Debatte um CL-Reform geht fast unter

In den sozialen Netzwerken machen schnell Verschwörungstheorien die Runde, die ESL sei eine große und effektive Nebelkerze, um die Reform der CL an den Schlagzeilen vorbeizumogeln. Doch angesichts der Vehemenz des Frontalangriffs des "dreckigen Dutzends" ist davon auszugehen, dass die zwölf Teams wirklich durchziehen und die ESL durchdrücken wollten.

Trotzdem stimmt die Aussage, dass die CL-Reform etwas aus dem Fokus geriet, was uns wieder zur Uefa bringt. Denn durch die am Montag verabschiedete Reform könnten Giganten wie der FC Bayern bald auch als Tabellen-6. (Spoiler: Wird so schnell nicht passieren) dank der Koeffzientenregelung in der CL spielen. Ein Zugeständnis an die großen Player, auch wegen der ständigen Drohkulisse ESL. Dazu gibt es – na klar: mehr Spiele (über 100 mehr) und mehr Geld. Es ist schon eine ironische Wendung, dass dies nun als Rückkehr zum echten Fußball verkauft wird. Die neue CL ab 2024 wird bei keinem Fußball-Romantiker der Welt Glückshormone ausschütten. Wenn es die Uefa mit ihren Worten erst meinte, müsste sie die Reform rückgängig machen. Das Momentum nach dem abgewehrten Super-League-Angriff dazu ist da.

Der jüngste Putsch ist gescheitert. Es war sicher nicht der letzte, wie Perez andeutete: "Das Projekt ist auf Stand-by".

Doch bei all dem, was falsch läuft, zeigten die irren Stunden zwischen Sonntag und Mittwoch, dass es für die deutliche Mehrheit der Fans eine rote Linie gibt, die nicht überschritten werden sollte.

Immerhin das steht im Profifußball für einen Fünkchen Hoffnung.

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