Sind dümmere Männer die besseren Väter?

Neue Studie: Das Hirn von Erstvätern schrumpft nach der Geburt des Babys

Symbolbild - Wasser schießt durch Gehirn
Forscher fanden heraus, dass Erstväter nach der Geburt ihres Kindes ein oder zwei Prozent des kortikalen Volumens verlieren. (Symbolbild)
koyu, iStock

von Katrin Koster

Kinderkriegen und Kinder zu haben, stellt das ganze Leben auf den Kopf und verändert die bisherige Routine. Das ist logisch und natürlich auch verständlich. Ebenso, wie plötzlich Muttergefühle entstehen. Aber eine Geburt verändert auch das Gehirn der Mütter auf funktioneller Ebene. Eine neue Studie will jetzt aber herausgefunden haben, dass durch die Geburt ihres ersten Kindes auch Gehirnveränderungen bei Vätern stattfinden. Dabei soll das Gehirn um bis zu zwei Prozent schrumpfen. Kann das wirklich stimmen? Und wenn ja, warum ist das so? Wir haben mit einem Experten gesprochen.

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Forscher fanden heraus, dass sich das Gehirn von Erstvätern verändert

Eine Geburt hinterlässt bei vielen Frauen ihre Spuren – auch im Gehirn. Dabei stehen jedoch die funktionellen Veränderungen im Vordergrund. Wobei auch schon frühere Studien gezeigt haben, dass die Mutterschaft die Gehirnstruktur von Frauen verändern kann. „Obwohl das Gehirn erwachsener Menschen normalerweise nicht innerhalb weniger Monate wachsen kann - außer zum Beispiel während intensiver Lernphasen - stellte sich beim Vergleich der magnetresonanztomografischen Aufnahmen heraus: Bei allen Frauen hatte die graue Substanz in bestimmten Hirnregionen nach der Geburt an Volumen zugenommen“, schrieb die Ärzte Zeitung bereits 2010.

Nun deutet jedoch eine neue Studie darauf hin, dass auch Männer nach der Geburt ihres ersten Kindes Gehirnveränderungen erfahren können. Forscher des Carlos III Health Institute in Madrid wollen nämlich herausgefunden haben, dass Erstväter nach der Geburt ihres Kindes ein oder zwei Prozent des kortikalen Volumens verlieren. Warum das so ist, sei allerdings noch unklar. Die Forscher vermuten, dass die Änderung es Vätern erleichtern könnte, sich mit ihrem Kind zu verbinden.

"Das Studium von Vätern bietet eine einzigartige Gelegenheit zu erforschen, wie Elternerfahrungen das menschliche Gehirn formen können, wenn eine Schwangerschaft nicht direkt erlebt wird", schreiben die Forscher unter der Leitung von Magdalena Martinez-Garcia in ihrer Studie, die in Cerebral Cortex veröffentlicht wurde .

Dabei wurden 40 heterosexuelle Erstväter mit einer Magnetresonanztomographie (MRT) untersucht.

Mann spielt mit Baby.
In einer Studie wurden die Gehirne von 40 Erstväter mit einer Magnetresonanztomographie (MRT) gescannt. (Symbolbild)
svetikd, iStock

Mit einem MRT wurden die Gehirne der Väter gescannt

Mithilfe der Scans haben die Forscher das Volumen, die Dicke und die strukturellen Eigenschaften des Gehirns der Männer gemessen. Die Ergebnisse zeigten, dass die Männer keine Veränderungen an ihren limbischen subkortikalen Netzwerken erfuhren, so wie Frauen.

Sie zeigten jedoch Anzeichen von Gehirnveränderungen in ihrer kortikalen grauen Substanz – dem Bereich des Gehirns, der am sozialen Verständnis beteiligt ist. Sie zeigten auch eine Verringerung der Lautstärke ihres visuellen Systems.

"Diese Ergebnisse könnten auf eine einzigartige Rolle des visuellen Systems hindeuten, wenn es darum geht, Vätern dabei zu helfen, ihre Säuglinge zu erkennen und entsprechend zu reagieren, eine Hypothese, die durch zukünftige Studien bestätigt werden muss", sagten die Forscher.

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Dr. Christoph Specht schaut in die Kamera.
Dr. Christoph Specht ist Allgemeinmediziner und Medizinjournalist.
Moritz Jansen, photoMo
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Allgemeinmediziner Dr. Christoph Specht ordnet die Studie ein

„Nix Genaues weiß man nicht.“ Das ist der erste Eindruck von Allgemeinmediziner Dr. Christoph Specht, den wir zu der Studie befragt haben. Wirklich überzeugt scheint der Experte von den Ergebnissen nicht.

„40 Männer, das ist eine sehr kleine Studie, bei der man die Männer vorher und danach mit einem MRT, also eines bildgebenden Verfahrens untersucht hat. So meinen die Forscher, jetzt festgestellt zu haben, dass die Hirnrinde bis zu zwei Prozent abgenommen hätte. Das ist sehr wenig und die Effektstärke ist somit sehr gering. Bei 50 Prozent wäre das ein großer Effekt gewesen“, erklärt Specht.

Außerdem stellt er sich die Frage, ob auch Männer, die keine Väter geworden sind, zweimal untersucht wurden. Denn es könne ja durchaus sein, so der Experte, dass es innerhalb eines Jahres generell zu einer geringen Gehirnveränderung kommen kann.

Aber mal angenommen, es wäre so, wie die Studie besagt. „Was man bisher gesehen hat, ist, dass das Gehirn sich im Sinne der Funktion verändert. Das ist wenig überraschend. Die Hirnfunktion von Trauernden oder Glücklichen ist auch anders und das ist völlig normal“, erklärt Specht. Die Tatsache, dass ein Mann Vater geworden sei, verändere demnach noch nicht so viel. Denn, so Specht, „wenn Mann nix von der Zeugung weiß, ändert sich bei ihm im Gehirn auch nichts“. Es gelte somit als Voraussetzung, dass der Vater darüber im Bilde ist, dass er Vater wird beziehungsweise geworden ist.

„Mit Sicherheit ist es das Bewusstsein und die Tätigkeit als Vater, die die Hirnveränderung als erstes erklären kann. Die Überlegungen, die es hat, dass es mehr Bindung geben soll zwischen Vater und Kind, basiert alles auf dem Bereich des Physiologischen“, erklärt der Experte und sagt weiter: „Die funktionellen Veränderungen im Gehirn, die bekannt sind, gehen also mit der Annahme der Vaterrolle einher. Das würde vermutlich auch bei Vätern sein, die nicht die biologischen Väter sind.“

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Dennoch stellt er die Frage: „Wenn es tatsächlich so wäre, dass das Gehirn schrumpft, welchen Sinn könnte das haben? Woher kommt das? Durch die Vaterschaft? Aber was an der Vaterschaft macht es?“

So spekuliert Specht, dass es ja sein könnte, dass sich Väter weniger intellektuellen Aufgaben stellen, wenn sie mit dem Baby zusammen sind und deswegen womöglich nicht mehr so viel Intellekt bräuchten. Dann bliebe jedoch auch hier die Frage nach dem Sinn. Und vor allem: „Geht der Verlust der Hirnsubstanz mit dem Verlust der Intelligenz einher? Wären demnach dümmere Menschen die besseren Väter?“

Fazit unseres Experten: „Es bleiben mehr Fragen als Antworten.“

Wenn die Forscher jedoch wirklich herausgefunden haben, „wieso, weshalb und warum das so ist, wie es ist, kann man den nächsten Schritt gehen und fragen: Woran könnte das liegen?“.

Bis dahin nehmen wir die Studie einfach so hin und können auch über die Vorstellung schmunzeln, dass auch die Väter bei einer Geburt des Kindes nicht ganz unverschont bleiben.

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