Psychotherapeutin Ingeborg Saval im Interview

Wie Eltern selbstbewusste Kinder erziehen

Wie selbstbewusst das Kind wird, hängt stark von der Erziehung ab.
Wie selbstbewusst das Kind wird, hängt stark von der Erziehung ab.
© IMAGO / Westend61

04. Februar 2022 - 11:13 Uhr

von Isabel Michael

Geschwisterstreit, Trennung der Eltern, Corona-Krise: Auch Kinder werden von verschiedensten Problemen heimgesucht. Wie können Eltern ihren Kindern dabei helfen, Alltagsschwierigkeiten und Krisen erfolgreich zu meistern und selbstbewusst zu werden? Die Wiener Psychotherapeutin und Buchautorin ("Starke Kinder"*) Ingeborg Saval beantwortet diese und weitere Fragen im Interview mit RTL.de.

"Kinder brauchen jemanden zum Anlehnen"

Die Fähigkeit, Krisen zu meistern nennt man Resilienz. Was brauchen Kinder, um diese seelische Stärke zu entwickeln?

Ingeborg Saval: "Der Resilienz-Faktor ist nur zum Teil genetisch bedingt. Was Kinder brauchen, sind auf jeden Fall Zuverlässigkeit und Personen, denen sie vertrauen können. Außerdem benötigen sie das Gefühl, so wie sie sind, angenommen zu werden. Das schafft das Urvertrauen. Kinder brauchen jemanden zum Anlehnen. Wenn Sie das alles haben, geht es auch darum, dass sie entsprechend gefördert und gefordert werden."

Wie können Eltern ihr Kind fordern, ohne es zu überfordern?

"Das ist immer eine Gradwanderung, wie viel man einem Kind zutraut. Man will es ja nicht unter- oder überfordern. Eltern können die Resilienz stärken, indem sie das Kind fragen, ob es Rat braucht und sie helfen sollen, oder ob es das auch alleine schafft. Wenn das Kind sagt, dass es alleine dazu in der Lage ist, lässt man das Kind auch alleine das Problem lösen. Eltern sollen erst eingreifen, wenn das Kind nicht mehr weiter weiß. Nur was man selber schafft, macht stark. Es gibt Eltern, die den Kindern alles versuchen abzunehmen, aber das stärkt die Resilienz nicht, weil das Kind so kein Selbstvertrauen bekommt. Für Resilienz braucht das Kind aber das Gefühl, es selbst zu schaffen – also Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit. Auch die Fähigkeit, auf sich selbst aufzupassen kann nur so erlernt werden."

Viele Eltern loben ihre Kinder sehr häufig, damit das Kind mehr Selbstvertrauen bekommt. Was halten Sie von dieser Strategie?

"Natürlich ist Lob auch wichtig, aber im Sinne von Wertschätzung. Damit ist nicht 'Cheerleading' gemeint, also alles beklatschen, was das Kind macht. Wenn Kind etwas gut kann, muss man nicht jedes Mal sagen, wie toll es das macht, denn das ist selbstverständlich. Wenn das Kind aber eine Leistung erbringt, sollte man auf jeden Fall stolz sein und es loben dafür. Kinder spüren nämlich sehr gut, wann Lob inflationär wird. Deswegen sollte das Lob möglichst präzise ausfallen. Anstatt zu sagen 'Mir gefällt dein gemaltes Bild' kann man auch sagen 'Ich mag besonders die rote Blume. Das ist eine schöne Farbe, die du gewählt hast.' Durch die Differenzierung von Lob fühlen sich Kinder wirklich in ihren Fähigkeiten wahrgenommen und auch angespornt, mehr zu tun."

Viele Kinder tun sich mit dem Schulbeginn schwer. Wie können Eltern dabei helfen, den Schulstart zu erleichtern?

"Der Schulstart wird oft zu einem riesigen Live-Event gemacht. Es braucht weder ein großes Fest noch ein Angstmachen im Sinne von 'Ab jetzt beginnt der Ernst des Lebens'. Man kann zum Beispiel ein paar Wochen vorher damit beginnen, den Tagesrhythmus des Kindes dem der Schule anzupassen. Das kann ein früheres Frühstück sein oder das gemeinsame Üben des Schulweges. Die starren Strukturen der Schule sind häufig ein Problem, wenn das Kind vorher überhaupt keine Struktur im Alltag hatte. Ich sage Eltern von Schulkindern deswegen auch immer, dass sie nicht kurz vor Schulbeginn aus dem Urlaub zurückkommen sollen."

Wie sollten Eltern am besten damit umgehen, wenn die Kinder schlechte Leistungen in der Schule erbringen?

"Man sollte fragen, was falsch gelaufen ist und wo das Kind Unterstützung benötigt. Soll man helfen oder braucht es Nachhilfe? Was kann das Kind schon gut und wo braucht es Unterstützung? Das Differenzieren signalisiert Interesse und ist nicht vernichtend. Es gibt immer Dinge, die man gut kann und die man nicht gut kann. Wenn etwas schief geht, ist das ganz normal, denn darum gehen Kinder in die Schule. Mit Fehlern umgehen lernen heißt auch, die Resilienz zu stärken. Man sollte immer in Kontakt mit den Lehrern stehen und zugunsten des Kindes gemeinsam an einem Strang ziehen."

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"Kinder sollten nicht irgendwo hinein gestoßen werden"

Was sollten Eltern tun, wenn das Kind Schwierigkeiten hat, Freunde zu finden?

"Zuerst einmal sollte man abgleichen: Ist das Kind eines, das lieber beobachtet und sich dann langsam Freundschaften organisiert? Es gibt auch Kinder, die sehr offen sind und solche, die gerne mehr Freunde hätten, aber es nicht schaffen. Als Elternteil sollte man daher erst einmal mit dem Kind sprechen und dessen Bedürfnis herausfinden. Je jünger das Kind ist, desto mehr geht das natürlich über die Eltern. Dann kann man mit anderen Eltern Kontakt aufnehmen und gemeinsam auf einen Spielplatz gehen oder Geburtstagsfeste organisieren.

Worauf sollte man dabei achten?

"Ich habe oft Kinder in der Praxis, deren Mütter viele Freundinnen haben, aber die selbst anders sind und vielleicht gar nicht so viele Freunde haben möchten. Wenn die Mutter beispielsweise extrem extrovertiert, aber das Kind introvertiert ist, wird es oft in eine Richtung gedrängt. Kinder sollten nicht irgendwo hinein gestoßen werden. Zum Beispiel sollte man nicht sagen: 'Geh doch einfach zu den anderen Kindern. Die spielen bestimmt mit dir.' Auch wir Erwachsene gehen nicht einfach zu Menschen, die wir nicht kennen. Das Kind also lieber ruhig fragen, ob es zusammen mit der Mama zu den anderen Kindern gehen möchte."

Bei Schulkindern liegen solche psychosomatischen Symptome häufig daran, dass sie nicht in die Schule gehen möchten.

"Wenn ein Kind nicht in die Schule gehen mag oder gar eine Schulangst besteht, dann sollten die Eltern Kontakt mit der Schule aufnehmen. So kann man auch herausfinden, wie sich das Kind in der Schule verhält. Ist es fröhlich und zufrieden oder eher weinerlich, zurückhaltend, alleine und verweigert es zum Beispiel das Mitmachen beim Turnen? Wenn sich trotz Kontaktaufnahme mit den Lehrern und der Schulleitung über Wochen und Monate nichts geändert hat, dann braucht es professionelle Unterstützung. Manchmal liegt es auch an Mobbing, das oft gar nicht von den Lehrpersonen gehen wird. Ein normales Schulkind hat keine Angst vor der Schule.

Womit kann das Problem zusammenhängen und was hilft?

Die Ursachen muss man gemeinsam suchen und dem Kind signalisieren 'Du bist nicht alleine'. Man kann auch mit dem Kind in die Schule gehen und sich dort umschauen. Manchmal hilft es schon, wenn die Mutter das Kind der Lehrkraft übergibt, denn oft ist nämlich schon der Weg ins Klassenzimmer schwierig. Wichtig ist auch, dass Kinder eine Zeitstruktur haben. Das Kind sollte wissen, wann Pausen sind und wann die Mama oder der Papa zum Abholen kommt. 'Wenn der Zeiger da ist, dann holt dich jemand ab', kann man hier sagen. Das hilft oft schon."

Was können Eltern tun, wenn die Geschwister sich ständig streiten?

Man sollte schauen, ob es wirklich um die Sache selbst geht. Häufig geht es eigentlich um mehr Zuwendung. Wenn man es nicht gesehen hat, sollte man keinem Kind die Schuld geben - auch wenn ein Kind dem anderen die Schuld gibt. Man kann dann beide Kinder zum Beispiel in ihre Zimmer schicken. Wenn es zwei oder mehrere Kinder sind, hilft es auch wenn nicht immer alles gemeinsam als Familie unternommen wird, sondern es Papa-Zeit und Mama-Zeit gibt. Dann bekommen die Kinder die Zuwendung eines Elternteils alleine.

Wie kann man seinem Kind helfen eine Trennung der Eltern zu überstehen?

Die Trennung ist schwer, aber ob es dramatisierend traumatisierend wirkt oder nicht, hängt davon ab, wie sich Eltern trennen. Wenn Trennungen auf einem erwachsenen Niveau passieren, kommen die Kinder meistens relativ gut damit zurecht. Das Wichtigste ist, dass die Eltern noch irgendwie miteinander umgehen können, vor allem wenn es um das Kind geht. Durch Trennungen sind Eltern natürlich auch belastet, weshalb der Leidensdruck der Kinder oft nicht gesehen wird. Kinder reagieren zum Beispiel, indem sie sich zurückziehen oder schlechtere Noten haben. Wenn die Trennung vollzogen ist Wichtig ist es, dem Kind vermitteln, dass alles, was passiert, nichts mit ihm zu tun hat. 'Wir lieben dich beide. Du kannst nichts dafür', ist ein Satz, der Schuldgefühle nimmt. Es ist nämlich oft so, dass Kinder sich die Schuld geben. Da muss man ganz vorsichtig sein."

Krisen wie die Corona-Pandemie belasten auch viele Kinder. Was können Eltern tun, damit Kinder in solchen Zeiten positiv in die Zukunft schauen?

"Es ist wichtig, dem Kind zu vermitteln, dass Krisen zum Leben dazu gehören. Manchmal geht es einem schlecht und manchmal gut, das wechselt. Gerade zu Corona-Zeiten ist es wichtig dem Kind zu vermitteln, dass es auch wieder anders werden wird. Wir können versprechen, dass es anders wird, aber nicht wann und wie. Man soll auch keine Versprechen machen, die man nicht halten kann, wie zum Beispiel 'Corona ist im Sommer vorbei'. Wenn es dann nicht so ist, beginnt das Kind an seinem Weltbild zu zweifeln, ob es dann überhaupt irgendwo Sicherheiten gibt."

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