Landesärztekammer veröffentlicht neue Zahlen

Gesundheitsamt zweifelt an Corona-Strategie

Impfungen könnten Jahre dauern.
© dpa, Christoph Schmidt, cdt bsc bwe kno

02. Oktober 2020 - 12:30 Uhr

Landesärztekammer Hessen liefert neue Erkenntnisse

Die Corona-Fallzahlen nehmen aktuell wieder stark zu. Sowohl Reiserückkehrer, Partyveranstalter als auch die fallenden Temperaturen werden im selben Atemzug häufig als Auslöser genannt. Aber wie schlimm ist das eigentlich? Eine aktuelle Publikation der Landesärztekammer Hessen liefert nun die Annahme, dass die Situation vielleicht gar nicht so dramatisch ist. Müssen wir die aktuelle Strategie überdenken?

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Kaum noch schwere Krankheitsverläufe?

René Gottschalk
René Gottschalk, Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes, hat neue Erkenntnisse zum Coronavirus veröffentlicht.
© deutsche presse agentur

Prof. Dr. Ursel Heudorf und Dr. René Gottschalk haben eine Untersuchung in Frankfurt durchgeführt und präsentieren die Zahlen im aktuellen hessischen Ärzteblatt. Gottschalk und Heudorf haben beobachtet, dass die Meldezahlen zwar tatsächlich wieder angestiegen sind, allerdings sprechen die Daten dafür, dass es weniger schwere Krankheitsverläufe gibt.

In dem Text heißt es: "Immer weniger Covid-19-Infizierte müssen in ein Krankenhaus aufgenommen werden, dies trotz der Zunahme gemeldeter Fälle im August; seit vielen Wochen nehmen schwere Krankheitsverläufe ab; schwere Atemwegssymptome und Beatmungspflicht treten nur noch sehr selten auf." Das Frankfurter Bild lässt sich auch auf Deutschland übertragen. Wo im Mai noch über 500 Menschen im Krankenhaus behandelt wurden, sind es jetzt um die 100.

Eine mögliche Erklärung dafür liefert das Robert-Koch-Institut in einem Bericht. Immer mehr junge Menschen infizieren sich mit Covid-19. Laut Virologe Ulf Dittmer vom Essener Uniklinikum kämen jüngere Menschen nach wie vor besser mit der Krankheit klar – was sie deshalb aber nicht weniger gefährlich für Ältere und Risikogruppen macht. Auch antivirale Medikamente wie Remdesivir würden nun häufiger eingesetzt.

Keine Übersterblichkeit erkennbar

In ihren Ausführungen glichen Gottschalk und Heudorf die Zahl der Todesfälle von 2020 mit denen der Vorjahre ab. Sowohl zu Zeiten der Grippewellen 2017 und 2018 ist ein erhöhter Anstieg von Todesfällen zu verzeichnen, auch die Hitzewelle im vergangenen Jahr hat zu einem Peak geführt. "Im Jahr 2020 ist keine Übersterblichkeit erkennbar", heißt es in dem Bericht.

Leider sind diese Zahlen wenig aussagekräftig. Die John-Hopkins-Universtität hat eine Erklärung veröffentlicht, derzufolge dieser Vergleich in etwa so ist, als würde man "Äpfel" mit "Birnen" vergleichen. Nicht bei allen Todesfällen werde auf Influenzaviren untersucht – wie viele Menschen jährlich also tatsächlich an einer Grippe-Infektion oder infolge einer solchen Infektion sterben, lässt sich nicht sagen. Somit ist der Vergleich wenig zielführend.

Die Impfung der Bevölkerung wird Jahre dauern

Alle Hoffnungen liegen in der Verfügbarkeit eines neuen Wirkstoffes, der die Covid-19-Erkrankung besiegen kann. Laut Gottschalk und Heudorf wären aber nicht von heute auf morgen alle Menschen geschützt, die Impfungen der Bevölkerung würden sich über Jahre hinziehen. Deutlich machen sie es an einem Beispiel:

"Nimmt man an, dass sich bei Verfügbarkeit eines Impfstoffes zunächst 50 Prozent der Bevölkerung impfen ließen, würde das für die Stadt Frankfurt am Main bedeuten, dass ca. 400.000 Menschen zu impfen sind. Erfahrungsgemäß ist die anfängliche Verfügbarkeit eines Impfstoffes außerordentlich limitiert – es kann daher vermutlich mit maximal 2.000 bis 3.000 Impfdosen wöchentlich gerechnet werden. Wahrscheinlich muss mehrfach geimpft werden."

Ärztekammer sieht Maßnahmenkatalog aus neun Punkten vor

Anhand ihrer Untersuchungen haben die Frankfurter Ärzte einen Maßnahmenkatalog erstellt, mit dem wir "gut über die nächste Zeit" kommen sollten. Dieser umfasst die folgenden neun Punkte:

  • Abstandsgebot einhalten und Maske tragen
  • Häufiger Aufenthalt im Freien
  • Symptomatische Menschen sollen sich testen lassen und Kontakt zu Dritten einschränken
  • Krankenhäuser und Ärzte haben sich mit ausreichend Schutzrüstung auszustatten
  • Hygieneregeln für Kitas und Schulen (Lüften, Hände- und Sanitärhygiene)
  • Politik soll durch Beraterstab mit erfahrenen Fachärzten beraten werden
  • Bevölkerung muss sachgerecht informiert werden. Absolutzahlen sind wenig aussagekräftig
  • Schon jetzt Impfstrategien für die Bundesländer vorbereiten
  • Wann immer möglich, Fälle gezielt eindämmen

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