Berlin: Auszubildende aus Pflegeberufen streiken

Pflege-Azubi: Kann mir "keine Zukunft in meinem eigenen Job vorstellen"

27. August 2021 - 11:52 Uhr

Berlin: Azubis streiken seit Montag

Clara ist im dritten Ausbildungsjahr in der Pflege und hat bereits jetzt die Nase voll von ihrem Job. Im Interview bei RTL Aktuell um 16:45 Uhr schildert sie einen Praxiseinsatz, bei dem sie durch Personalmangel plötzlich für 40 Patienten zusammen mit einer anderen Kollegin allein verantwortlich war. "Das ist keine Pflege, die in irgendeiner Art und Weise würdevoll oder adäquat ist". Mehr dazu im Video.

Ständig in Unterbesetzung arbeiten zu müssen, zu Tätigkeiten gezwungen zu werden, für die man gar nicht ausgebildet wurde und bei Fehlern sogar rechtlich belangt werden zu können – das gehe zu weit, stellt Clara fest. Ihre Forderung: Der Beruf muss attraktiver gestaltet werden. Die Ausbildung und die Arbeitsbedingungen sollten so gut sein, dass man auch als Auszubildender eine Zukunftsperspektive hat. Denn in der aktuellen Situation kann Clara sich laut eigener Aussage "keine Zukunft in meinem eigenen Job vorstellen."

Streikende warnen: Azubis werden auf Burnout vorbereitet

Pflegeazubis der Charite und Vivantes demonstrieren in Berlin für bessere Arbeitsbedingungen.
Burnout schon vor der Arbeit - Pflegeazubis demonstrieren in Berlin für bessere Arbeitsbedingungen.
© RTL

Clara gehört zu den vielen Pflege-Auszubildenden in Berlin, die sowohl physisch als auch psychisch regelrecht am Ende sind. Eine Verdi-Umfrage zeigt: die Hälfte von ihnen kann sich nicht vorstellen, den Beruf langfristig auszuüben. 75 Prozent der Befragten sehen den Beruf mit Familien- und Freizeitplanung nicht vereinbar, 70 Prozent müssen Tätigkeiten ausführen, für die sie nicht ausgebildet sind.

Seit Montag wird deshalb gestreikt. Dabei geht es nicht nur um die immer noch schlechte Bezahlung von Pflegekräften. Die Azubis fordern eine bessere Einarbeitung, längerfristige Dienstplanung und bessere Betreuung. Das Ziel, den Beruf attraktiver zu machen, ist hier offenbar deutlich fehlgeschlagen.

Streikende Auszubildende wehren sich gegen Vorwürfe

Bei der Streik-Veranstaltung am Mittwoch in Berlin ist viel los. Pflege-Azubis halten Schilder mit Sprüchen wie "Wir sind schon vor dem Examen verbraucht!" oder "Wer reanimiert die Pflege?" in die Luft und demonstrieren damit für bessere Arbeitsbedingungen im Job.

Auch Jean-Luca ist bei der Verdi-Demo am Mittwoch in Berlin dabei. Wie Clara ist auch er Pflege-Azubi im dritten Lehrjahr. Die Pflege habe ein großes Nachwuchsproblem, ganz einfach aus dem Grund, weil sich seit Jahren nichts ändere, sagt er. Azubis – wie er – würden gerne weiter in ihrem Job arbeiten, aber nur wenn die Arbeitsbedingungen deutlich besser werden. Jean-Luca erzählt von einem Teil der Ausbildung, bei dem die Azubis auf den eigenen – fast sicheren – Burnout vorbereitet würden. "Das heißt: Es wird davon ausgegangen, dass die Pflegekräfte nach vier, fünf Jahren rausgehen aus dem Beruf, weil sie einfach nicht mehr können."

Aber auch Streiks – wie dieser – würden an der Situation nicht viel ändern. Oft mache es die Sache noch viel schlimmer: "Wenn wir streiken gehen [...] wird uns immer wieder vorgeworfen, dass wir Patienten gefährden würden – auch von der Gesellschaft generell wird uns das vorgeworfen: Das stimmt einfach nicht!" Jean-Luca erklärt, dass es eine gut geplante Notdienstvereinbarung für die Streikzeit gibt, bei denen Krankenhäuser personell meist sogar besser aufgestellt seien, als an manchen Wochenenden.

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Dreitägiger Warnstreik

Der dreitägige Warnstreik der landeseigenen Krankenhäuser Vivantes und Charité in Berlin läuft schon seit Montagmorgen. Es seien weitere Gespräche über eine Notdienstvereinbarung mit den beiden Kliniken geplant, sagte die Verhandlungsführerin der Gewerkschaft Verdi, Meike Jäger, am Morgen im RBB-Inforadio. "Wir haben natürlich ein Interesse, diese Notdienstvereinbarung so abzuschließen, dass das Streikrecht der Beschäftigten auch gewahrt bleibt." Die Arbeitgeberseite sei nicht bereit, planbare Operationen abzusagen, wenn sich eine hohe Bereitschaft zum Arbeitskampf abzeichne.

Die Gewerkschaft kämpft in der Tarifauseinandersetzung unter anderem für eine Angleichung der Arbeitsbedingungen für alle Beschäftigten, auch in den Tochterunternehmen. Außerdem geht es um einen Tarifvertrag, der eine Mindestpersonalausstattung für Stationen und Bereiche festlegt. Er soll zudem Regelungen zum Belastungsausgleich enthalten für den Fall, dass diese tarifvertraglichen Vorgaben nicht eingehalten werden. Außerdem wollen Angestellte von Vivantes-Tochterunternehmen den vollen Tariflohn des öffentlichen Dienstes erhalten. (dpa/khe)