Keine Chance den Vorurteilen

Stillen bei Lippen-, Kiefer- oder Gaumenspalte: Schwierig, aber oft nicht unmöglich

Auch bei Babys mit einer Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte kann das Stillen gelingen.
© Getty Images/iStockphoto, evgenyatamanenko

30. Juli 2020 - 14:49 Uhr

Lippen-Kiefer-Gaumenspalte: Geschicktes Stillen ist gefragt

Wenn der Arzt eine Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte beim Ungeborenen auf dem Ultraschallbild entdeckt, ist der Schock für die Eltern groß. Die Sorgen um das Aussehen des Kindes und seine körperlichen Beeinträchtigungen ist immens. Nun ist eine gute Aufklärungsarbeit gefragt und immens wichtig, denn eine Gaumenspalte beim Baby kann in der heutigen Zeit in der Regel sehr gut behandelt werden. Auch auf das Stillen, das auf die Mutter-Kind-Beziehung großen Einfluss haben kann, müssen Sie zumeist nicht verzichten – wenn Sie geschickt vorgehen.

Stillen bei Lippen-, Kiefer- oder Gaumenspalte: Was bedeutet die Diagnose und wieso ist das Stillen schwierig?

Bei der Lippen-, Gaumen- oder Kieferspalte beim Baby handelt es sich um eine Fehlbildung. Rund jedes 500. Kind wird in Deutschland damit geboren, was etwa 1.500 Neugeborenen pro Jahr entspricht. Diese Fehlbildung entwickelt sich bereits zwischen der fünften und achten Schwangerschaftswoche, sobald die rechte und linke Gesichtshälfte von außen nach innen zusammenwachsen. Wenn dabei Probleme auftreten, kann es – in unterschiedlichen Ausprägungen – zu Spalten im Gesicht kommen.

Die Lippenspalte beim Baby ist die schwächste Form. Bei anderen sind zudem Gaumen und Kiefer betroffen. Da Mund- und Nasenhöhle nicht richtig voneinander getrennt sind, wird das Trinken erschwert, da Babys dann kaum ein Vakuum zum Saugen aufbauen können.

Stillen bei Lippen-, Kiefer- oder Gaumenspalte ist besonders wichtig

Entgegen aller Vorurteile ist ein Stillen bei Lippen-, Kiefer- oder Gaumenspalte zumeist möglich. Dies bedarf allerdings ein wenig Training und Geduld. Doch gerade für Spaltkinder ist das Stillen von besonders großer Bedeutung, da die Muttermilch reich an Immunglobulinen ist, welche die beanspruchten Schleimhäute in Mund und Nase schützen.

Zudem dient das Stillen als Vorbeugemaßnahme gegen eine Mittelohrentzündung, die bei diesen Kindern häufiger auftritt. Durch den intensiven Einsatz der Gesichtsmuskulatur wird das Mittelohr besser belüftet, wodurch die Bakterienanzahl reduziert wird. Außerdem ist eine spätere Gesichtsoperation so einfacher.

Stillen bei Lippen-, Kiefer- oder Gaumenspalte: Wie lässt es sich erleichtern?

Einem Kind mit Lippen-, Kiefer- oder Gaumenspalte müssen Sie beim Stillen mehr helfen als anderen Babys. Besteht nur eine Lippenspalte beim Baby können Sie die offene Stelle mit dem Finger abdecken. Zudem sollte der Sprössling in eine aufrechte Position gebracht werden, da dies das Stillen erleichtert.

Handelt es sich um eine Gaumen- oder Kieferspalte beim Baby, erhält es vom Kieferorthopäden eine Gaumenplatte, die den offenen Spalt verdeckt und die Zunge hervorholt. Sollte das Kind dennoch kein Vakuum zum Saugen bilden können, kann der Milchfluss durch eine Brustmassage gefördert werden.

Stillen bei Lippen-, Kiefer- oder Gaumenspalte: keine Chance den Vorurteilen

Sollte das Kind nur mit einer Lippen-, Kiefer- oder Gaumenspalte geboren worden sein, handelt es sich ansonsten um ein gesundes Neugeborenes. Es hat deswegen keine minderen geistigen Fähigkeiten, weshalb es wie jedes andere Baby behandelt werden sollte. Das Gehör bildet sich normal aus und auch die Sprachentwicklung verläuft bei nicht zu stark ausgeprägter Kiefer- oder Gaumenspalte ohne Schwierigkeiten. Sie müssen sich keine Sorgen machen, dass das Baby die Muttermilch in die Luftröhre bekommt – in der Regel besteht diese Gefahr nicht. Der gefürchtete Einsatz von Magensonden ist ausschließlich bei sehr schweren Fällen der Kiefer- oder Gaumenspalte erforderlich, die jedoch enorm selten auftreten.