Briten-Krise bald in Deutschland?

Auch bei uns fehlen mindestens 60.000 Lkw-Fahrer

So sehen einige Regale auf der Insel bereits aus.
So sehen einige Regale auf der Insel bereits aus.
© deutsche presse agentur

07. Oktober 2021 - 9:42 Uhr

Ohne Lkw-Fahrer keine Produkte in den Regalen

Im Supermarkt klaffen Lücken im Regal, Milchbauern bleiben auf ihrer Milch sitzen, bei Ikea fehlen die Matratzen und in Kläranlagen mangelt es an wichtigen Chemikalien. Und an vielen Tankstellen gibt es kaum oder gar keinen Sprit mehr. Es gibt kaum eine Branche in Großbritannien, die an diesen Tagen nicht klagt. Der Grund ist fast immer gleich: Es fehlen überall Lkw-Fahrer. Laut britischem Branchenverband zurzeit rund 100.000. Und das Problem gibt es bereits auch Deutschland. Stehen wir bald auch vor leeren Regalen?

Experten befürchten Versorgungskollaps auch für Deutschland

Michendorf (Brandenburg): Dicht an dicht fahren in- und ausländische Lkw auf dem Autobahnrastplatz Michendorf bei Potsdam. Tausende Brummi-Fahrer steuern täglich diesen Parkplatz an, der an der Transitroute nach Polen und Osteuropa liegt. 3,4 Milliar
Nachwuchs-Sorgen: Es fehlen bereits zwischen 60.000 und 80.000 Lkw-Fahrer in Deutschland.
© Zentralbild, Z5006 Karlheinz Schindler

Besonders offensichtlich ist der Mangel an Brummifahrern an den Tankstellen. Seit Wochen stehen Autofahrer in Großbritannien vor leere Zapfsäulen. Im Kampf gegen die Benzin-Krise ist nun sogar das Militär im Einsatz. Soldaten trafen am Montag in einem Lager des Ölkonzerns BP ein, nachdem die Regierung die Armee angewiesen hatte, wegen des akuten Mangels an Lkw-Fahrern bei der Auslieferung von Treibstoff zu helfen

Das liegt - wie so oft - auch am Brexit und seinen Hürden. Zudem hat die Corona-Pandemie die Lage verschärft. Doch Experten rechnen nicht damit, dass die Insel mit dem Problem allein bleiben wird. "Was in Großbritannien passiert, ist durch den Brexit beschleunigt. Ich gehe aber fest davon aus, dass wir in Westeuropa die gleiche Situation haben werden, nur etwas zeitversetzt", sagt Dirk Engelhardt vom Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung. "Wir warnen davor, dass wir auch in Westeuropa sehenden Auges in einen Versorgungskollaps laufen."

Auch in Deutschland fehlten bereits zwischen 60.000 und 80.000 Fernfahrer, so Engelhardt - Tendenz steigend. Jährlich gingen rund 30.000 Fahrer in Rente und nur rund 15.000 Nachwuchskräfte kämen nach. "Es gibt eine weltweite Not an Fahrern."

LKW fahren wird unattraktiver

08.08.2019, Baden-Württemberg, Karlsruhe: Lastwagen stehen an der Autobahn 5 bei Karlsruhe auf einem Rastplatz auf Lkw Parkplätzen.   (zu dpa: «Risiko Rastplatz: Fehlende Lkw-Parkplätze provozieren Unfälle») Foto: Uli Deck/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Großer Mangel an geeigneten Parkplätzen für Lkw.
© dpa, Uli Deck, ude bwe

Der Mangel hat viel damit zu tun, dass der Beruf des Lastwagenfahrers oder der - bislang noch seltener vorkommenden – Lastwagenfahrerin immer weniger als attraktiv wahrgenommen wird. Lange Wartezeiten in Staus, schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf und ein großer Mangel an geeigneten Parkplätzen, auf denen es sich sicher stehen oder auch duschen und essen lässt. Außerdem werden Lastwagen als große, laute Umweltverschmutzer wahrgenommen, die andere Verkehrsteilnehmer nicht etwa versorgen, sondern eher stören. "Das schlechte Image treibt die Fahrer um. Wir brauchen eine neue Wahrnehmung des Berufs", meint Engelhardt.

Während der Pandemie haben viele europäische Fahrer, etwa aus Polen oder Rumänien, Großbritannien verlassen und sind zu ihren Familien in ihren Heimatländern zurückgekehrt. Dass viele von ihnen wohl nicht wieder zurückkehren werden, hat gleich mehrere Gründe. Einerseits ist seit dem Brexit die Freizügigkeit für EU-Arbeitskräfte vorbei und es sind aufwendige und teure Visa-Verfahren notwendig. Gleichzeitig werden aber auch in vielen anderen europäischen Ländern Fahrer benötigt, sodass die Anziehungskraft Großbritanniens schwindet.

Neue Handelshürden und Kontrollen an der Grenze erschweren die Situation zusätzlich. Der Mangel trägt auch zum sinkenden Export in die EU bei, wie die Britische Handelskammer betont. Das trifft auch den Handel mit Deutschland: Zum ersten Mal seit mehr als 70 Jahren könnte Großbritannien nicht mehr unter den zehn wichtigsten Handelspartnern der Bundesrepublik auftauchen, wie aus aktuellen Daten hervorgeht.

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Ohne Änderungen könnte sogar Weihnachten ins Wasser fallen

05.11.2020, Hamburg: Ein Frau läuft mit dem Arm voller Klopapierrollen aus einem Drogeriemarkt heraus. Gähnend leere Regale, wo sonst das Toilettenpapier thronte, waren im März dieses Jahres keine Seltenheit in deutschen Supermärkten. Weil viele der
Drohen wieder Hamsterkäufe?
© dpa, Axel Heimken, ahe dul

Der britische Branchenverband fordert erleichterte Visa-Regeln für ausländische Kräfte. Dirk Engelhardt vom deutschen Branchenverband ist jedoch skeptisch, dass damit das Problem gelöst werden kann. Er plädiert mit Blick auf Deutschland für die Genehmigung längerer Lastwagen, in denen Fahrer mit integrierten Sanitäranlagen und besserer Ausstattung autarker ihre Ruhezeiten verbringen können.

Andernfalls sieht Engelhardt schwarz: "Hamsterkäufe wie zu Beginn der Corona-Pandemie könnten zum Daily Business werden, wenn nicht schnell gegengesteuert wird", meint der Logistikexperte - und er ist nicht allein. In Großbritannien warnte der Chef der Supermarktkette Iceland bereits davor, dass womöglich Weihnachten ausfallen müsse, wenn sich nicht endlich etwas ändere. Denn schon jetzt sei absehbar, dass es mit den üblichen Vorräten, die Märkte normalerweise vor den Feiertagen anlegen, schwierig werden könnte.

Großbritanniens Premier Boris Johnson scheint zumindest einen wichtigen Punkt aufzugreifen. Die britische Wirtschaft müsse ihre Abhängigkeit von schlecht bezahlten ausländischen Arbeitskräften beenden, um eine "gut bezahlte, gut ausgebildete, hochproduktive Volkswirtschaft" zu werden, sagte er am Rande eines Krankenhausbesuches. Wenn Lkw-Fahrer endlich angemessen verdienen, dann würde es auch in Deutschland zu keinen Lieferschwierigkeiten mehr kommen. (dpa/ska/aze/mma)