Verbotsforderungen nach Missbrauchs- und Vergewaltigungsvorwürfen

Der Alptraum aller Eltern: Wenn wildfremde Menschen beim „Original Play“ mit deinem Kind raufen, rangeln und kuscheln

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2. November 2019 - 15:11 Uhr

Berliner Senat prüft Verbot

Wildfremde Männer und Frauen rangeln, raufen und kuscheln mit dem eigenen Kind und berühren es auch liebevoll. Genau das sieht ein höchst umstrittenes pädagogisches Konzept namens "Original Play" vor. Es soll dem Aggressionsabbau dienen und Kindern beibringen, selbst Grenzen zu setzen. Viele Eltern laufen nach erschreckenden Berichten über das Spiel aber mittlerweile Sturm gegen dessen Einsatz an Kitas. In Berlin prüft der Senat zurzeit ein Verbot. In Österreich stellten viele Schulen und Kitas die Zusammenarbeit mit dem Verein ein. Auch eine Online-Petition möchte "Original Play" von Kitas verbannt sehen.

Eltern berichten von Missbrauch und Vergewaltigung

Ins Rollen gebracht hatte die Diskussion eine Reportage für ARD Kontraste. Darin berichten Eltern, dass ihre Kinder nach der Teilnahme an "Original Play" von Verletzungen im Genitalbereich und Vergewaltigungen erzählt haben. "Anfangs war es immer so, wenn ich meine Tochter aus der Kita geholt habe, hat sie gesagt, der Po tut weh oder der Intimbereich, dass sie da einen Dorn drin hätte. Sie wollte nicht mehr zur Kita gehen, hat morgens geweint. Sie hätte Ängste. Letztes Jahr im Juni kam sie dann und hat aus heiterem Himmel gesagt, dass dieser Mann, der dieses Original Play anbietet, ihr den Penis in den Po gesteckt hat", berichtet ein Elternteil dort.

Eigentlich soll Aggressionsabbau gefördert werden

Das Konzept an sich ist bereits 40 Jahre alt. Erfunden wurde es von dem 76-jährigen US-Amerikaner Fred O. Donaldson. Der ist eigentlich gelernter Geograph, hat keinerlei pädagogische Ausbildung. Zum Grundgedanken des Konzeptes heißt es auf der Internetseite: "Original Play versucht, die Beziehungen zwischen Individuen und Gruppen zu verbessern, indem Aggression und Gewalt zwischen Menschen durch Freundlichkeit und Liebe ersetzt werden und jedes Kind sich sicher und geliebt fühlt." 

Einladung zur Übergriffigkeit

Pädagogen werten das Konzept als solches sogar als grundsätzlich wertvoll ein: "Das ursprüngliche natürliche Spiel ist etwas, das bei den Kindern heutzutage immer mehr verloren geht", sagt zum Beispiel Pädagogin Sabrina Stadelmann in einem Interview mit Voralberg Online. Mit einer entscheidenden Einschränkung: "Natürlich braucht es aber einen geschützten Raum, in dem das stattfinden kann." Für die Traumatherapeutin Michaela Huber ist das Konzept in dieser Form daher "eine Einladung zur Übergriffigkeit gegenüber Kindern".

Keine Qualifikation und keinerlei Gegencheck der Spielleiter

Vor allem die fehlenden Kontrollinstanzen und der sehr einfache Zugang ist für Kritiker nicht hinnehmbar. Nach Entrichten einer einmaligen Kursgebühr werden Menschen zum Spielleiter ausgebildet und können dann auf die Kita- und Schul-Kinder losgelassen werden. Ein Gegencheck über die Qualifikationen oder die Herkunft der Spielleiter wird nicht vorgenommen. Das bemängelt unter anderem der Bundesverband Österreichischer Kinderschutzzentren und fordert verpflichtende und überprüfbare Kinderschutzstandards für solche externen Angebote.

Der Verein nimmt die Vorwürfe "sehr ernst"

Original Play reagierte mittlerweile auf die Vorwürfe. Auf ihrer Webseite schreibt der Verein: "Original Play ist eine Methode, die Kinder stärken soll. Darum nehmen wir die aktuellen Vorwürfe und Diskussionen sehr ernst". Gemeinsam mit den zuständigen Behörden und mit Kinder- und Gewaltschutzeinrichtungen arbeite man nun an einer vollständigen Aufklärung der Vorwürfe, aber auch an den Rahmenbedingungen, die es braucht, um das Angebot sicherer zu machen.

So erkennen Sie Kindesmissbrauch!

Für Kindesmissbrauch gibt es oft keine eindeutigen Anzeichen. Eltern sollten daher grundsätzlich bei jeder Verhaltensänderung ihres Kindes aufmerksam werden, rät Harald Schmidt, Leiter des Programms Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (ProPK). Abklären sollten Eltern etwa Angstzustände, Schlaf- und Essstörungen sowie aggressives Verhalten, erläutert das ProPK auf seiner Internetseite "Missbrauch verhindern".

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