Wie kam es zum Gondelabsturz in Italien?

Experte erklärt: Mehrere Sicherheitsmechanismen an der Seilbahn müssen versagt haben

24. Mai 2021 - 21:04 Uhr

Ermittlungen zum Seilbahnunglück am Lago Maggiore laufen

In der Nähe des Lago Maggiore in Italien hat eine Seilbahngondel 14 Menschen in den Tod gerissen – die Ermittlungen zur Unglücksursache laufen noch. Eugen Nigsch, der Geschäftsführer der Seilbahn Koblenz, erklärt im RTL-Interview, wie viele Kontrollen bei solchen Seilbahnen täglich durchgeführt werden und warum so ein Unfall sehr selten passiert.

A sheet covers the debris of a cable car after Sunday's disaster, in Stresa, northern Italy, Monday, May 24, 2021. Italy's transport minister vowed Monday to establish the cause of a cable car disaster that killed 14 people, after the lead cable appa
Beim Unglück in Italien starben 14 Menschen
© AP, Piero Cruciatti

„Seilbahnen sind weltweit das sicherste Verkehrsmittel“

"Ich möchte noch mal betonen, dass Seilbahnen weltweit das sicherste Verkehrsmittel sind", sagt Nigsch. Gemessen an Unfallstatistiken kämen diese noch weit vor Flugzeugen, erklärt er. Das läge daran, dass "sehr, sehr viele Sicherheitsbauteile ineinandergreifen". Eine Seilbahn unterliege vielen technischen Vorschriften und müsse in bestimmten Intervallen genau überprüft werden. Das ist laut Nigsch EU-weit einheitlich geregelt. "Da gibt einen ganzen Katalog", erklärt er.

Jeder Seilbahnbetreiber müsse sich an diese Überprüfungen halten. Zum Beispiel würden die Seilrollen, Betriebsbremsen, Notbremsen und das Notstromaggregat täglich gecheckt. Auch die Seile der Bahn, von denen bei dem Unglück am Monte Mottarone eins gerissen sein soll, würden einmal im Monat in Augenschein genommen. Eine "magnetinduktive Prüfung", mit der auch Beschädigungen im Seil entdeckt werden könnten, sei bei der Bahn zuletzt im November durchgeführt worden.

Eugen Nigsch, Geschäftsführer der Seilbahn Koblenz
Eugen Nigsch, Geschäftsführer der Seilbahn Koblenz, erklärt, dass Seilbahnbetreiber in Europa strenge Kontrollen durchführen müssen, um die Sicherheit der Bahnen zu gewährleisten.
© RTL

Seilfangbremse hätte Gondel-Absturz eigentlich verhindern müssen

Wie genau es zu dem tödlichen Absturz der Gondel in Italien kommen konnte, kann sich auch der Experte noch nicht erklären. "Ich gehe davon aus, dass eine Seilfangbremse installiert ist, das ist normalerweise bei diesem Bahn-Typ der Fall", sagt Nigsch. Sie soll verhindern, dass eine Gondel ungebremst ins Tal rast, wenn eins der Zugseile reiße.

"Man weiß nicht genau, was da passiert ist", sagt der Seilbahn-Experte. Viele Unglücke würden aber durch äußere Einflüsse verursacht, die sich auch durch Kontrollen nicht verhindern lassen. In Sölden habe beispielsweise ein Betonklotz das Seil eines Liftes beschädigt, was zu einem schweren Unfall geführt habe. In Oberitalien habe ein Kampfflieger das Kabel einer Anlage durchtrennt.

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Tote bei Seilbahnunglück in Italien
Bei dem Seilbahn-Unglück in Italien kamen 14 Menschen ums Leben.
© dpa, Uncredited, frd

Italienische Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung

Was genau den Unfall der Bahn, die Stresa mit dem Gipfel des Monte Mottarone verbindet, verursacht hat, muss nun geklärt werden. Ein Seil hatte sich gelöst, wie Ermittler am Sonntag einigen Medien berichteten. Am Montag sagte eine Staatsanwältin vor Journalisten, das Sicherheitsbremssystem habe wohl nicht funktioniert, doch weshalb sei unklar. Die Staatsanwaltschaft ermittelt unter anderem wegen fahrlässiger Tötung.

Die Bahn hatte nach einer längeren Corona-Pause gerade erst wieder den Betrieb aufgenommen. Am Pfingstsonntag bei bestem Ausflugswetter stürzte die Kabine auf dem Weg zur Berg-Station plötzlich ab. An Bord der Gondel: Familien, junge Paare und Kinder.

Für die meisten kam jede Hilfe zu spät: 13 Menschen - Italiener und Israelis - starben noch an der Unfallstelle. Das Gebiet sei schwer zugänglich gewesen, berichteten die Retter. Zwei Kinder wurden per Rettungshubschrauber in eine Turiner Klinik geflogen. Eines starb noch am Abend – die Zahl der Todesopfer stieg damit auf 14. (dpa/jgr)

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