Sechs Wochen frei! Sollen Kinder in den Sommerferien für die Schule lernen?

Endlich Sommerferien: Große Pause ohne Schulstress?
Endlich Sommerferien: Große Pause ohne Schulstress?
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21. Juni 2017 - 13:57 Uhr

Clever durch den Sommer

Soll mein Kind in den Sommerferien lernen? Kann ich ihm das wirklich zumuten? Immerhin sind die Ferien doch dafür da, endlich mal nichts zu tun – oder eben nur das, worauf man Lust hat. Nimmt man die Meinung der Mehrheit als Maßstab, ist die Antwort eindeutig: Ja! 59 Prozent aller Kinder lernen auch in den Ferien (sagten zumindest ihre Eltern in einer Forsa-Umfrage). Was spricht fürs Lernen in den Ferien? Und was dagegen?

Von Ursula Willimsky

Ein paar Wochen sollte der Schulranzen in der Ecke bleiben

Die Frage hat es in sich. Ferien sind nun mal Ferien. So wie Urlaub nun mal Urlaub ist. Ich behaupte: Die wenigsten Erwachsenen würden freiwillig während ihres Urlaubes jeden Tag ein bisschen Bürokram erledigen. Schließlich will man endlich mal total abschalten und am besten gar nicht mehr an die Kollegen und die Chefin erinnert werden. Und auch nicht an die leidige Kalkulation, die man vorm Urlaub nicht mehr geschafft hat.

Wieso also sollte man sich selbst das Recht zugestehen, sich körperlich und geistig völlig aus seinem Erwerbsleben auszuklinken und sich andererseits das Recht herausnehmen dürfen, vom eigenen Kind zu erwarten, dass es in seinen Ferien Vokabeln büffelt und Formeln paukt?

Kinder haben mehr Erholungsphase als Erwachsene

Zum Beispiel, weil sechs Wochen wirklich sehr, sehr lange sind. Insgesamt haben Schüler in Deutschland übrigens 75 Werktage frei – sie haben also deutlich mehr Erholungsphasen als Erwachsene. Und machen wir uns nichts vor: Nach Notenschluss ist die Schule kein Ort, an dem Kinder jeden Tag bis ans Limit gedrillt und mit Wissen vollgestopft werden. Ginge ja auch gar nicht, die ganzen Projekt-Tage, Wander-Tage, Ausflüge und Erlebnis-Tage müssen ja auch irgendwann stattfinden. Und Hitzefrei gibt´s auch noch.

Die meisten Kinder starten also schon recht entspannt in die Ferien. Eine Ausnahme bilden vermutlich die Kinder, die eine Klasse wiederholen müssen oder die schon jetzt wissen, dass sie sich während der Ferien auf die Nachprüfung vorbereiten müssen. Auf die anderen warten sechs Wochen absolutes Nichtstun. Faulenzen. Abenteuer erleben. Sich abgrundtief langweilen. Das erste Mal alleine durchs ganze Becken schwimmen und auch unter der Woche bei der besten Freundin übernachten.

Eine Lücke bleibt eine Lücke - auch nach den Ferien

So soll das auch sein – da sagen alle Expertenratschläge, die ich gelesen habe. Einig sind die Experten sich auch darin, dass dieser Zustand der absoluten Entspannung gerne drei bis vier Wochen anhalten kann - dass es aber auch nichts schadet, in den letzten ein bis zwei Ferienwochen den Stoff der letzten Klasse aufzufrischen. Vor allem in den Fächern, in denen das Kind nicht sooo brillant war. Was zugegebenermaßen etwas ungerecht ist: Wer sich mit dem Lernen schwer tat, muss in den Ferien besonders viel für die Schule tun.

Aber was wäre die Alternative? Ist es wirklich besser, sein Kind unvorbereitet auf demselben Wissenslevel ins neue Schuljahr starten zu lassen, auf dem es vor den Ferien war? Eine Lücke bleibt eine Lücke – und die lässt sich nun mal leichter in einer Zeit schließen, in der noch kein neuer Stoff bewältigt werden muss.

Lernen ja - aber nicht die ganzen Ferien lang

Sofern die Ferien-Aufgaben nicht in stundenlanges Nonstop-Pauken ausarten, spricht meiner Meinung nach nichts dagegen. Moderates Wiederholen in der zweiten Ferienhälfte, zwei Stunden Latein hier, übermorgen zwei Stunden Mathe – so etwas treibt vermutlich kein Kind und auch keinen Teenager in den Burnout. Es kann aber dazu beitragen, dass das neue Schuljahr entspannt anläuft und nicht von Anfang an mit schlechten Leistungen gespickt ist.

Eine repräsentative forsa-Umfrage im Auftrag der Lernplattform Scoyo ergab, dass 59 Prozent aller Schulkinder in den Ferien lernen. 23 Prozent pauken regelmäßig, 36 Prozent gucken sich den Schulstoff zumindest einmal an. Mehr als die Hälfte aller Eltern besorgt ihren Kindern spezielle Lernmaterialien, 71 Prozent ermutigen ihre Kinder regelmäßig zum Lernen.

Wer will schon sitzen bleiben?

Wobei 38 Prozent der Eltern übrigens glauben, dass bei den Kindern "der Spaß am Lernen" im Vordergrund steht. Zu letzterem möchten wir uns kein Urteil erlauben. Schließlich kennen wir die Kinder aus den befragten Familien nicht persönlich. Aber diese Einschätzung tendiert in dieselbe Richtung wie der gerne gegebene Rat, dass die Kinder und Jugendlichen "freiwillig" lernen sollen.

Zweifelsohne ein sehr schöner Gedanke. Der aber vermutlich im ein oder anderen Fall mit sanftem elterlichen Druck unterfüttert werden muss. Zum Beispiel in Form von Belohnungen (jüngere Schüler) oder in Form von Appellen an die Vernunft (Teenager). Wer will schon sitzen bleiben? Vielleicht sollte man das "freiwillig" durch "einsichtig" ersetzen. Und so dafür sorgen, dass das Kind im Herbst stolz auf sich selbst sein kann, weil es sich in den Ferien nicht nur vor die Konsole sondern auch vors Grammatik-Buch gesetzt hat. 

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