Hysterie in Russland

Westliche Waffenlieferungen bringen Moskau zum Heulen – Propaganda führt Auslöschung von US-Städten vor

Olga Skabejewa präsentierte in ihrer Sendung die Simulation einer atomaren Auslöschung einer US-amerikanischen Stadt
Russland: Olga Skabejewa präsentierte in ihrer Sendung die Simulation einer atomaren Auslöschung einer US-amerikanischen Stadt
Screenshot Rossija 1

von Ellen Ivits

Kampfpanzer, Haubitzen, Luftabwehrsysteme, Munition: Im Kampf gegen Russland unterstützen zahlreiche Länder die Ukraine mit neuen Waffen. Im politischen Moskau lösen die angekündigten Lieferungen Hysterie aus. Der Kreml und seine Propaganda wissen sich nur mit der Atomkeule zu helfen.

Panzer für die Ukraine? Russische Regierungsvertreter reagieren mit Atomkeule

"Kannst du Leoparden liefern? Dann gib' sie her!", rief der ukrainische Präsident dem deutschen Kanzler vor dem Waffen-Gipfel in Ramstein zu. Die Regierung von Wolodymyr Selenskyj bekommt die gewünschten Leoparden vorerst nicht. Doch die Waffen, die das westliche Bündnis dem vom Krieg verwüsteten Land zusichert, reichen aus, um in Moskau ein großes Geheul auszulösen. Regierungsvertreter wissen sich nicht anders zu helfen, als wieder die Atomkeule herauszuholen.

Den Anfang nachte Dmitri Medwedew. Der ehemalige Interims-Präsident, der auf das Gleis des vollkommen befugnisfreien stellvertretenden Vorsitzenden des russischen Sicherheitsrates abgestellt wurde, schrieb in seinem liebsten sozialen Netzwerk Telegram: "Die Niederlage einer Atommacht in einem konventionellen Krieg kann den Ausbruch eines Atomkrieges provozieren. Keine Atommacht hat je einen großen Konflikt verloren, von dem ihr Schicksal abhing. Das sollte doch jedem klar sein. Sogar einem westlichen Politiker, der sich zumindest eine Spur von Intelligenz bewahrt hat."

Der russische Botschafter in den USA, Anatoli Antonow, legte nach. Er unterstellte den USA, "die Welt in ein Katastrophenszenario zu führen". "Was muss Russland noch sagen oder tun, damit die Hitzköpfe in der Verwaltung zur Vernunft kommen und ein nukleares Harmagedon verhindern?", fragte Antonow.

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Duma-Vorsitzender droht mit Vernichtung westlicher Staaten

Am Sonntag schloss sich der Vorsitzende der Staatsduma, Wjatscheslaw Wolodin, diesem Geheul an. "Wenn Washington und die Nato-Länder Waffen liefern, die für Angriffe auf friedliche Städte und Versuche, unsere Gebiete zu erobern, genutzt werden, so wie sie drohen – wird dies zu Vergeltungsmaßnahmen mit mächtigeren Waffen führen", schrieb er auf Telegram. Dabei hat kein einziger Vertreter der Nato-Staaten je damit gedroht, russisches Territorium einnehmen zu wollen. Auch die Ukraine hat das nie getan.

Doch für Wolodin zählen Fakten wenig. Während er mit dem Einsatz von Atomwaffen droht, schiebt er die Verantwortung dafür jedoch anderen zu. "Die Mitglieder des Kongresses, die Abgeordneten des Bundestages, der französischen Nationalversammlung und anderer europäischer Parlamente müssen sich ihrer Verantwortung gegenüber der Menschheit bewusst werden. Mit ihren Entscheidungen führen Washington und Brüssel die Welt in einen schrecklichen Krieg: zu völlig anderen militärischen Handlungen als heute." In der Logik von Wolodin ist also nicht derjenige, der die Waffe führt, für ihre Auswirkungen verantwortlich, sondern alle anderen.

Und er setzte noch eine Drohung hinzu: "Angesichts der technologischen Überlegenheit russischer Waffen müssen ausländische Politiker, die solche Entscheidungen treffen, verstehen: Dies kann in einer globalen Tragödie enden, die ihre Länder zerstören wird."

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Russland in Parallelwelt

"Argumente, die Atommächte hätten bisher keine Massenvernichtungswaffen in lokalen Konflikten eingesetzt, sind nicht wirksam. Weil diese Staaten nicht mit einer Situation konfrontiert waren, in der die Sicherheit ihrer Bürger und die territoriale Integrität des Landes bedroht waren." Dabei ist es Russland, das die Integrität der Ukraine nicht anerkennen will und einen Krieg führt, um diese zu zerstören.

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"Das Erste, was man vom Angesicht der Welt tilgen muss, ist Großbritannien"

Die Kreml-Propaganda stimmte unterdessen dasselbe Lied an: "Wir können ruhig offiziell erklären: Jene Länder, die Kampfpanzer liefern, werden zur Kriegspartei. (...) Ihre Territorien sind für uns legitime Ziele", erklärte Putins liebster Hetzer Wladimir Solowjow. Dazu zähle auch Deutschland. "Das Auftauchen deutscher Panzer auf russischem Territorium ist in jedem Krieg ein Wendepunkt. Sobald nur ein einziger Leopard hier auftaucht, heißt es: Steh auf, großes Land!", zitierte der Abgeordnete Andrej Guruljow aus einem bekannten Lied aus den Zeiten des Zweiten Weltkrieges. "Eine andere Variante kann es nicht geben. Das, was im Zweiten Weltkrieg passiert ist, kann sich nicht wiederholen. Und da sind alle Mittel recht", erklärte er im Studio von Solowjow ganz dem Narrativ des Kremls folgend, Russland werde angegriffen.

"Ich habe schon vor sechs Monaten gesagt: Das Erste, was man vom Angesicht der Welt tilgen muss, ist Großbritannien", erklärte Guruljow unverblümt. Der Politiker sitzt für Putins Partei im russischen Parlament und ist vor allem damit beschäftigt, durch die Propaganda-Talk-Shows zu tingeln und mit Atomschlägen gegen London oder Berlin zu drohen.

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Propaganda führt Zerstörung amerikanischer Stadt vor

In der Sendung "60 Minuten" führte man gleich die Waffe vor, mit der man gedenkt, die Welt in radioaktives Aschenfeld zu verwandeln: die Raketen Poseidon. Zuerst könnte Russland Stützpunkte in Polen, Rumänien oder der Slowakei angreifen, erklärte die Moderatorin Olga Skabejewa. Danach könnten taktische Atomwaffen zum Einsatz kommen. "Nach offiziellen Angaben ist für das U-Boot 'Belgorod' bereits die erste Munitionsladung der atomaren Super-Torpedos freigestellt."

"Diese gewaltige Waffe, die zum Beispiel lautlos die Ostküste der USA erreichen kann, wird in Kürze das Atom-U-Boot bestücken", führte Skabejewa weiter aus. Wie viele Torpedos geladen werden, bleibe aber geheim. Was diese Waffe anrichten kann, hätten Wissenschaftler auf Zypern simuliert. Und zwar die Explosion einer Atombombe mit einer Kraft von 750 Kilotonnen über einer ganz normalen Stadt. "Sagen wir einer amerikanischen Stadt", setzte sie süffisant hinzu.

"Die Menschen, die in den ersten Feuerball geraten, werden verdampfen. Gebäude, die durch Beton verstärkt sind, sollen aber angeblich stehen bleiben. Man könne versuchen, sich in einer Wohnungsecke zu retten, sagen die Wissenschafter. (...) Aber aus irgendeinem Grund will man diese Theorie nicht überprüfen", schmunzelte Skabejewa, während hinter ihr Animationen der atomaren Katastrophe vorgeführt wurden.

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst auf stern.de