Prozessauftakt in Moskau

Notwehr oder Mord? Drei Schwestern haben ihren Vater getötet

01. August 2020 - 13:11 Uhr

Nach jahrelangem Missbrauch: Drei Schwestern haben ihren Vater getötet

Drei Schwestern aus Russland haben ihren Vater getötet, die Tat haben sie von sich aus gestanden. Ein Gericht soll ab Freitag (31. August) entscheiden, ob es sich bei der Tat um Mord oder Notwehr handelte. Denn: Angehörige der Schwestern werfen ihnen vor, die Missbrauchsvorwürfe gegen ihren Vater nur erfunden zu haben. Im Video äußert sich der Anwalt der drei Schwestern.

Familienmitglieder erheben schwere Vorwürfe gegen Khachaturyan-Schwestern

Jahrelang wurden Maria (18), Angelina (19) und Krestina Khachaturyan (20) von ihrem eigenen Vater geschlagen, gequält und sexuell missbraucht. Irgendwann hielten sie es nicht mehr aus: Als ihr Vater an einem Abend in seinem Schaukelstuhl einschlief, töteten die drei Frauen ihn mit einem Küchenmesser und einem Hammer. Danach gestanden sie ihre Tat bei der Polizei.

Die Schwester und der Neffen des toten Vaters erheben nun schon im Vorfeld des Prozesses schwere Vorwürfe gegen die Khachaturyan-Schwestern. Naira Chatschaturjan, die Tante von Maria, Angelina und Krestina Chatschaturjan, behauptet in einem TV-Interview, dass sich die Schwestern verschworen haben, ihren Vater Michail zu töten, bevor er nach Israel auswandern wollte. Das berichtet die britische Zeitung "Daily Mail". "Sie wussten, dass sie so leben konnten, wie sie wollten, wenn sie ihren Vater loswerden würden", sagt Chatschaturjan. "Sie wollten ihn aus ihrem Leben streichen." Das behauptet auch Arsen Chatschaturjan, der Neffe des Toten: "Sexuelle oder andere Gewalt gab es nichts. Die Mädchen haben beschlossen, ihren Vater zu töten – sie haben sich vor einer Weile verschworen."

Weiter streuen die Verwandten der Khachaturyan-Schwestern das Gerücht, dass medizinische Tests im Rahmen einer offiziellen Untersuchung ergeben hätten, dass zwei von den drei Schwestern Jungfrauen seien, die Dritte soll einen geheimen Freund gehabt haben. Ihre Verletzungen hätten sie sich unterdessen selber zugefügt.

Weltweite Empörung; Petition fordert, die Vorwürfe wegen Mordes fallen zu lassen

Die schockierenden Geschichten der Schwestern sprechen hingegen eine ganz andere Sprache: Jahrelang wurden sie erniedrigt, geschlagen und sexuell missbraucht. Am Abend des Mordes habe der Vater seinen Töchtern sogar mit Pfefferspray mitten ins Gesicht gesprüht. Der Grund: Eine unordentliche Wohnung. "Als ich sie das erste Mal traf, sagte sie mir, dass sie im Gefängnis besser aufgehoben sei als zu Hause, so wie sie jahrelang dort gelebt hatte", sagte Krestinas Khachaturyan Anwalt Alexei Lipster nach der Tat gegenüber "CBS". Die Mädchen seien an den Rand des Wahnsinns getrieben geworden, von klein auf hätten sie gelernt, wie Sklaven zu leben.

Auch die Mutter der drei wurde Opfer der Gewalt des Vaters. 2016 warf er sie aus dem gemeinsamen Haus, den Mädchen drohte er mit dem Tod, sollten sie zu ihr ziehen. Als die Mutter deswegen zur Polizei ging, habe man keine Anzeige aufnehmen wollen, berichtete sie laut "Guardian" später in russischen Medien.

Trotzdem bestehen die Staatsanwälte darauf, die Schwestern wegen Mordes anzuklagen. Gegen eine Kaution wurden sie zwar aus dem Gefängnis entlassen, sie dürfen sich aber nicht treffen. Im Falle einer Verurteilung drohen ihnen 20 Jahre Haft. Ab Freitag (31. Juli) wird nun über ihre Zukunft verhandelt.

Unter dem Hashtag #itsnotmyfault haben sich deswegen unmittelbar nach der Tat viele Unterstützer der drei Schwestern zusammengetan. Außerdem wurde eine Petition für die Mädchen gestartet, die die Staatsanwaltschaft in Russland auffordert, die Vorwürfe wegen Mordes fallen zu lassen. Über 200.000 Menschen haben unterschrieben. Vor einigen russischen Botschaften in unterschiedlichen Ländern wurde außerdem für die Schwestern demonstriert.