"Wir sind mittendrin im größten Artensterben seit den Dinosauriern"

"Rettet die Bienen" - Volksbegehren in Bayern soll Artenvielfalt sichern

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30. Januar 2019 - 14:37 Uhr

von Katharina Meyer

Was wären wir ohne unsere Natur? Ganz schön verloren! Umweltschutz wird (zum Glück) ein immer wichtigeres Ziel unserer Gesellschaft. Jedem sollte inzwischen klar sein, dass die Umwelt unseren Schutz braucht - und zwar dringend! Wie? Zum Beispiel, indem in Bayern lebende Wähler das "Volksbegehren Artenvielfalt" unterstützen.

Die Menge der Vögel in Bayern hat sich halbiert

"Der WWF hat 2017 eine ganz groß angelegte Studie zum Artensterben gemacht und hat das Fazit gezogen, dass wir mittendrin sind im größten Artensterben seit den Dinosauriern", erklärt Agnes Becker von der ÖDP (Ökologisch-Demokratische Partei) RTL.de im Interview. Sie ist eine der Initiatoren des "Volksbegehrens Artensterben", das Bienen, Schmetterlinge und andere Tier- und Pflanzenarten vorm Aussterben bewahren soll.

Der Bestand an Tagfaltern sei um 75 Prozent zurückgegangen, Allerweltsarten wie der Feldhase stünden auf der Beobachtungsliste für die Rote Liste gefährdeter Arten. "Und die Menge der Vögel, die bei uns rumgeflogen ist, hat sich in den letzten 30 bis 40 Jahren halbiert", gibt die Umweltschützerin zu bedenken.

"Das ist eine ganz dramatische Entwicklung und weil wir der nicht tatenlos zuschauen wollten, haben wir versucht mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen das Naturschutzgesetz so zu verbessern, dass der Entwicklung Einhalt geboten wird oder wir es sogar schaffen, einen Umkehrtrend hinzukriegen."

Vom 31. Januar bis zum 13. Februar für besseren Artenschutz eintragen

Feldhase vor einem Feld
Der Feldhase steht auf der Beobachtungsliste der sogenannten Roten Liste bedrohter Tierarten.
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Dass das Volksbegehren überhaupt zugelassen wurde, ist an sich ist schon ein großer Erfolg. Nun können sich vom 31. Januar bis zum 13. Februar 2019 bayerische Wählerinnen und Wähler in ihren Gemeinden eintragen lassen, um den Schutz der Artenvielfalt zu unterstützen.

Aber die Hürde ist hoch: Mindestens zehn Prozent der Wahlberechtigten müssen das Volksbegehren unterstützen, damit ein Bündel an neuen Maßnahmen und Gesetzen inkrafttritt, bei denen es um den Schutz von Bienen, Schmetterlingen und anderen bedrohten Tier- und Pflanzenarten geht.

"Das sind fast eine Million Menschen, die da ins Rathaus gehen und sich fünf Minuten Zeit nehmen müssen, um für einen besseren Artenschutz zu unterschreiben", erklärt Becker. "Aber wir sind wirklich optimistisch und haben jetzt im Vorfeld ganz viel Zuspruch aus der Bevölkerung erlebt."

Ein Ziel ist die Vernetzung bestehender Biotope

Die angestrebten Maßnahmen sollen die Bedingungen für Insekten, Vögel und andere bedrohte Tier- und Pflanzenarten verbessern. Ein Punkt, den das "Rettet die Bienen"-Volksbegehren erwirken möchte, ist eine Vernetzung der Biotope in Bayern.

"Wir haben gut gepflegte und gut gemanagte Biotope in Bayern, wo auch bedrohte Tiere und Pflanzen überleben können, aber die sind wie Inseln in einem großen Ozean und die können über diese wüsten Flächen, die dazwischenliegen, nicht mehr in Kontakt miteinander treten", so Becker. Dadurch komme es zu einer genetischen Verarmung. "Selbst wenn die Art vor Ort in dem Biotop gute Bedingungen hat, wird sie über kurz oder lang aussterben."

Um diese Biotope also miteinander zu vernetzen, sollen Alleen angelegt und geschützt werden. Auf beiden Seiten von Gewässern wie Bächen und Flüssen sollen keine Pestizide mehr verwendet werden.

Mehr Bio-Landwirtschaft, weniger Lichtverschmutzung

Weitere Maßnahmen umfassen Änderungen in den Lehrplänen von Land- und Forstwirten, die über das Artensterben und die Ursachen dafür unterrichtet werden sollen, eine Verringerung der Lichtverschmutzung (also die viele Tierarten störende Beleuchtung von öffentlichen Plätzen) und einen Ausbau der ökologischen (Bio-)Landwirtschaft.

"Da schauen wir ein bisschen bewundernd nach Österreich", erklärt Becker. Unser Nachbarland bewirtschafte jetzt schon 27 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche ökologisch. "Bei uns sind es gute acht, wir hätten da also noch jede Menge Luft nach oben."

Blumenstrauß pflücken? Geht nicht mehr!

Wildblumen auf einer Wiese
Wann haben Sie das letzte Mal eine so bunt blühende Wiese gesehen?
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Wie wichtig das Vorhaben ist, merken viele Bürgerinnen und Bürger Becker zufolge bereits selbst an unterschiedlichen Dingen. "Wenn man auf der Straße mit Leuten spricht, dann erzählen einem viele Leute 'Ja, Mensch, als ich noch klein war, konnte man zum Muttertagsstraußpflücken rausgehen und auf der Wiese einen schönen Blumenstrauß zusammensammeln und das kann man jetzt nicht mehr'", berichtet sie von Gesprächen während der Vorbereitungsphase.

"Wenn ich rausschaue und gucke, was für Vögel in meinem Garten unterwegs sind, dann sind das viel weniger als noch vor 10, 15, 20 Jahren. Ich glaube, dass das bei vielen Leuten einen Denkprozess in Gang setzt. So wie es jetzt läuft, kann es nicht weitergehen." 

Wie kann man das Vorhaben unterstützen?

Erst einmal sind vor allem die Wählerinnen und Wähler in Bayern gefragt. Einen Rathausfinder und weitere Informationen, wie der Artenschutz unterstützt werden kann, gibt es auf der Internetseite des Volksbegehrens. 

Wenn es erfolgreich ist, hofft Becker auf einen Startschuss für ähnliche Maßnahmen in ganz Deutschland. "Wir wollen da auch wirklich einen Wandel im Denken bewirken, vor allem natürlich bei denen, die politische Verantwortung tragen."