Schiedsrichter muss 80 Sozialstunden leisten

Prozess gegen Kreisliga-Schiri: Körperverletzung durch zu laute Pfeife?

24. Juni 2020 - 21:00 Uhr

Tinnitus durch zu lauten Pfiff in der Kreisliga?

Ein Routine-Einsatz in der Wiesbadener Kreisliga B hat einem ehrenamtlichen Schiedsrichter jetzt 80 Sozialstunden eingebracht. Einer der Spieler hatte den Schiri nach dem Spiel wegen Körperverletzung angezeigt – weil er ihm mit seiner Trillerpfeife zu laut ins Ohr pfiff. Der Spieler behauptet, wegen des Pfiffs heute noch unter einem Tinnitus zu leiden. Wegen Körperverletzung wurde Schiri Pierre Hackler am Mittwoch zwar nicht verurteilt – das Amtsgericht Wiesbaden stellte das Verfahren ein. Doch er muss wegen Fahrlässigkeit trotzdem 80 Stunden gemeinnützige Arbeit verrichten. Warum er die skurrile Anzeige eigentlich gar nicht glauben konnte, erzählt der Schiri im Video.

Nach einem Foul fiel der Pfiff - doch der war angeblich zu laut

Oktober 2018: Der Spvgg Sonnenberg II spielt gegen den SC Klarenthal II. Nach einem Foul gibt es eine hitzige Auseinandersetzung, es kommt zur sogenannten Rudelbildung – Pierre Hackler greift als Schiri ein, versucht zu beruhigen. Schließlich zückt er die Trillerpfeife – unvermeidbares Werkzeug eines jeden Schiedsrichters. Doch der Pfiff des 39-Jährigen ist einem Spieler zu laut. Direkt danach hält er sich das Ohr, lässt einen fiesen Spruch los. Dann wird er wegen Schiedsrichterbeleidigung vom Platz gestellt.

Opfer: "Aus so einer Distanz pfeift man nicht“

Einige Zeit später flattert bei Pierre Hackler die Anzeige ins Haus: Körperverletzung durch zu laute Trillerpfeife. Jetzt, im Juni 2020, kommt es schließlich zur Strafverhandlung – auch das Opfer, das den Schiri angezeigt hat, ist vor Ort. "Ich bin der Meinung, dass es definitiv Absicht gewesen ist. Er ist auf mich zugekommen, und das werte ich als Absicht, ganz einfach. Aus so einer Distanz pfeift man nicht", erklärt der tinnitus-geschädigte Fußballspieler im Interview mit RTL. Zehn bis zwanzig Zentimeter neben seinem Ohr habe der Schiri in seine Pfeife geblasen. Zu nah, wenn es nach ihm geht.

DFB-Vizepräsident: So einen Fall gab es noch nie

Dass ein Fußballspieler einen Schiedsrichter wegen zu lauten Pfeifens anzeigt, ist einzigartig in Deutschland. Auch Dirk Janotta, Verteidiger von Pierre Hackler und außerdem Vizepräsident beim DFB, hat so einen Fall noch nie erlebt. Er bezeichnete den Vorwurf als "aufgebauscht".

Übertrieben oder nicht – Pierre Hackler muss nun also Sozialstunden leisten. Über die Frage nach Schmerzensgeld entscheidet erst in ein paar Wochen ein zivilrechtliches Verfahren. Pierre Hackler hat sich mittlerweile allerdings bei dem geräuschempfindlichen Spieler entschuldigt. Ob er auch in Zukunft weiterhin als Schiri die Kreisliga B pfeift, muss er sich aber laut eigener Aussage noch überlegen...