Patientin behauptet: "Er hat meine Kindheit ruiniert"

Schwere Vorwürfe gegen Kinderpsychiater Michael Winterhoff

Michael Winterhoff
Michael Winterhoff
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12. August 2021 - 17:36 Uhr

Jugendamt beendet Zusammenarbeit nach Berichterstattung des "WDR"

Der bekannte, deutsche Kinderpsychiater und Autor Michael Winterhoff steht massiv in der Kritik. Eine Patientin behauptet: "Er hat mein Leben ruiniert". Der 66-Jährige habe bei ihr eine zweifelhafte Diagnose erstellt und ein Medikament namens Pipamperon eingesetzt, das ruhigstellt. Das berichten der "WDR" und die "Süddeutsche Zeitung". Auch andere Kinder sollen mit diesem Medikament auf Anweisung des Kinderpsychiaters behandelt worden sein.

Wie die "Tagesschau" berichtet, soll bereits eine erste Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Bonn gegen den Kinderpsychiater eingereicht worden sein. Außerdem soll das Jugendamt Sankt August die Zusammenarbeit mit Michael Winterhoff beendet haben.

Jana Stevens macht dem Kinderpsychiater schwere Vorwürfe

Eine Patientin erhebt schwere Vorwürfe gegen Kinderpsychiater Michael Winterhoff
Sein Buch "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" wurde vielfach verkauft
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Michael Winterhoff betreibt seit 1988 seine Praxis in Bonn. Schrieb 2008 das Buch: "Warum unsere Kinder Tyrannen werden". Damals löste dieses Buch heftige Diskussionen aus. Die Ansicht auf Kinder, sie als Tyrannen zu sehen, sowie seine Tipps Heranwachsende zu erziehen, spaltete. Manche Eltern stimmten ihm zu, bei Fachleuten stieß er auf viel Kritik.

Jetzt spricht eine seiner Patientinnen, in einer Reportage des "WDR" in Zusammenarbeit mit der "Süddeutschen Zeitung". Die 20-jährige Jana Stevens behauptet: "Er hat meine Kindheit ruiniert."

Michael Winterhoff stuft damals Sechsjährige als "erheblich gestörtes Mädchen" ein

Symbolfoto Kinderheim
In einem Kinderheim in Bad Neuenahr-Ahrweiler soll Jana Stevens Pipamperon verabreicht bekommen haben.
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2007 habe die Behandlung bei ihm begonnen. Die damals Sechsjährige soll Winterhoff nach seiner ersten Untersuchung wie folgt eingestuft haben: "erheblich gestörtes Mädchen, nicht beziehungsfähig und sehr gewohnt, umworben zu werden". Auf welchen Fakten die Diagnose basiere, führe er laut dem Schreiben, das dem "WDR" vorliegt, nicht auf.

Sie habe ein enges Verhältnis zu ihrem Vater gehabt, der Vater zog das Kind allein groß, erzählt Jana Stevens dem "WDR". Weil der aber schwer krank und drogensüchtig war, habe jemand aus der Familie das Jugendamt eingeschaltet. Dort sei beschlossen worden, das Mädchen in einem Heim unterzubringen. Für die Sechsjährige damals völlig unverständlich, sie erinnere sich an nichts Bedenkliches: "Die Zeit, die ich mit meinem Vater zusammen war, die war schön. Er war immer für mich da." Wie der "WDR" berichtet, habe Michael Winterhoff dem Vater die Erziehungsfähigkeit aber abgeschrieben.

Seine Diagnose soll gelautet haben: Das Mädchen habe "beim Vater keine Chance, eine positive Entwicklung zu nehmen [...], Entwicklungsretardierung mit Fixierung im frühkindlichen Narzissmus [...], Eltern-Kind-Symbiose." Aber auf welcher Grundlage diese Feststellung von Herrn Winterhoff gemacht wurde, werde laut "Süddeutscher Zeitung" vom Psychiater in den Akten nicht erwähnt.

Der "WDR" und die "Süddeutsche Zeitung" sollen außerdem mit mehr als 20 ehemaligen Patienten von Winterhoff gesprochen haben. Bei allen sei der Wortlaut der Diagnosen nahezu deckungsgleich gewesen, heißt es.

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Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, soll der Kinderpsychiater der Sechsjährigen ein Medikament namens Pipamperon verschrieben haben, mit dem sie fortan behandelt werden sollte.

Die Nebenwirkungen des Medikaments haben sie massiv beeinträchtigt, sie sei immer schläfrig gewesen. An einem Tag habe die Großmutter sich gewundert, warum ihre Enkelin nach einem Spaziergang so blass gewesen sei und die Augen verdrehte, so sehr, dass sie sich hinlegen musste. Nachts habe Jana Stevens "sehr stark" geschwitzt.

"Wenn Kinder [...] nicht mehr erreichbar sind und ihre Aggressionen nicht kontrollieren können, entsteht für ihre Umwelt eine gefährliche Situation" , soll es in der Akte heißen. An gefährliche Situationen erinnere sich die heute 20-Jährige nicht. In ihrer Patientenakte stehe laut "Süddeutscher Zeitung" außerdem eine Bemerkung einer anderen Fachperson, ihrer Therapeutin: "Niedliche, freundlich, zugewandte, agile 7-Jährige."

Damals Zehnjährige mit Entzugserscheinungen

Hier ein Foto auf der Frankfurter Buchmesse 2015.
Der Kinderpsychiater und Autor wird bis heute als Experte zu Rate gezogen
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Wie die "Süddeutsche Zeitung" weiter berichtet, sei Jana Stevens mit zehneinhalb Jahren aus dem Heim entlassen worden. In der gesamten Zeit zuvor habe man ihr auf Anweisung von Herrn Winterhoff, Pipamperon verabreicht. Dann soll sie wieder zu ihrem Vater heimgekehrt sein, die Medikamente habe sie dort von dem ein auf den anderen Tag nicht mehr bekommen, heißt es.

Die heute 20-Jährige erinnere sich daran, wie es ihr damals ergangen sein soll: "Ich bin richtig an die Decke gegangen, ich hab rumgebrüllt, mir selber wehgetan. Das war wie Entzugserscheinungen", erzählt Jana Stevens im "WDR"-Interview. Ihr Vater habe sich sehr gewundert, bei den Besuchen zuvor sei seine Jana immer so ruhig gewesen.

Heute mache sie das traurig. Der Vater habe hart an sich gearbeitet, um wieder für seine Tochter da sein zu können. Doch durch dieses Verhalten, habe der Vater sich überfordert gefühlt. Mit zwölfeinhalb Jahren soll sie schließlich wieder ins Heim gekommen sein. Vergangenes Jahr sei ihr Vater gestorben.

Das Jugendamt Bad Neuenahr-Ahrweiler sieht sich heute nicht mehr zuständig

Symbolfoto - Vater, Kind
Der Vater von Jana Stevens habe sich gewünscht, dass sie noch einmal zusammenleben könnten.
© dpa, Julian Stratenschulte

Aus den Akten, die Jana Stevens vorliegen, gehe laut "Süddeutscher Zeitung" hervor, dass niemand je eine Einwilligung zur Behandlung mit Pipamperon unterschrieben habe. Winterhoff habe auf Anfrage des "WDR" erklärt, dass die Großmutter von Jana Stevens, der Behandlung zugestimmt habe.

Jedoch sei die Großmutter zu keiner Zeit ihr Vormund gewesen. Dazu befragt, antwortet Winterhoff, er sei davon ausgegangen, dass die Großmutter der Vormund war. Jana Stevens Oma aber lebe noch und sagt, sie habe nie mit Winterhoff gesprochen und sei bereit, dieses vor Gericht zu bezeugen.

Jana Stevens würde wohl gern gerichtlich gegen Winterhoff vorgehen, aber dafür fehle ihr das Geld. Das Jugendamt Bad Neuenahr-Ahrweiler sehe sich nicht zuständig und wolle nicht helfen, denn: "Frau Stevens ist inzwischen volljährig."

Der Kinderpsychiater bezieht Stellung zu den Vorwürfen

Symbolfoto
Jana Stevens soll als Sechsjährige von Michael Winterhoff Pipamperon verschrieben bekommen haben.
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Michael Winterhoff nimmt zu dem Fall auf seiner Website schriftlich Stellung, hier ein Auszug:

"Das Ziel des Einsatzes von Pipamperon ist in unserer Praxis bewusst keine Sedierung. [...] Grundsätzlich verordne ich keine Medikamente ohne Zustimmung der Eltern oder des Vormundes. [...] Ich werde seit sehr vielen Jahren auch international für Expertenrunden, Talkshows und Printmedien als Fachmann angefragt."

Michael Winterhoff ist heute 66 Jahre alt, seine Praxis befindet sich in einer dreistöckige Villa mit einem kleinen Türmchen.Er behandelt immer noch Kinder, stellt Diagnosen und verschreibt Medikamente, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet.

Jana Stevens im Interview mit dem "WDR": "Ich verstehe nicht, wie er mit dem Ganzen noch durchkommt." (mca)