"Bei mir wurde das Licht schwarz"

Olympisches Drama: Deutschlands Achter "opfert" sich zu Silber

Silber gewonnen oder Gold verloren? Die Stimmung im deutschen Achter war im Ziel unentschlossen.
Silber gewonnen oder Gold verloren? Die Stimmung im deutschen Achter war im Ziel unentschlossen.
© dpa, Jan Woitas, nic

30. Juli 2021 - 7:32 Uhr

Erneut klappt es nicht mit dem großen Triumph

Schlagmann Hannes Ocik kippte voller Erschöpfung rückwärts ins Boot, der Rest des Deutschland-Achters verharrte regungslos auf dem Wasser. Nach dem verpassten Griff nach der olympischen Goldmedaille überwog beim deutschen Paradeboot zunächst nicht der Stolz über Silber, sondern die Enttäuschung. Wie schon 2016 reichte es für das von einem Mythos umwehte deutsche Flaggschiff knapp nicht zum großen Triumph.

"Unsere Gesichter sind noch ein bisschen leer"

Bis die erste Enttäuschung verflogen war, dauerte es etwas. "Wir haben alles geopfert. Unsere Gesichter sind noch ein bisschen leer. Aber wir haben auf jeden Fall Silber gewonnen. Ich bin super stolz", sagte Ocik. Nebenmann Torben Johannesen gab aber auch zu, "am Anfang etwas enttäuscht" gewesen zu sein. Das deutsche Team musste sich auf dem Sea Forest Waterway Neuseeland geschlagen geben und muss weiter auf den ersten Gold-Triumph seit 2012 warten. Bronze ging in Tokio an Großbritannien.

Auf der Regattabahn von Tokio lief bei grauen Wolken und leichtem Donnergrollen zunächst alles nach Plan. Das deutsche Boot setzte sich schnell an die Spitze, doch die Konkurrenz ließ sich nicht abschütteln. In einem brutal engen Rennen lagen zur Halbzeit plötzlich die Briten und Neuseeland vor dem deutschen Boot. Es schien als würde die Last der Favoritenrolle das Boot lähmen, der Rückstand wuchs von Meter zu Meter an. Mit einem Schlussspurt wurde wenigstens Silber noch gerettet. Immerhin.

"Wir sind von vorn am Limit gefahren. Auf der zweiten Hälfte wurde bei mir das Licht schwarz", sagte Ocik und blickte an der Tokyo Gate Bridge in die Augen seiner Teamkollegen. "Und ich weiß, wenn es bei mir schwarz ist, ist es bei den anderen schon aus. Da sind wir in einem Bereich, wo wir uns nicht mehr aktiv steuern können. Das passiert alles unterbewusst."

Ein nationales Erfolgssymbol

TOKYO, JAPAN - JULY 30:   Silver medalist Hannes Ocik of Team Germany reacts following the medal ceremony for the Men's Eight Final A on day seven of the Tokyo 2020 Olympic Games at Sea Forest Waterway on July 30, 2021 in Tokyo, Japan. (Photo by Naom
Schon auch enttäuscht: Hannes Ocik.
© Getty Images, Bongarts, SVR / SVR

Gold war das erklärte Ziel des Paradebootes, das nach der Niederlage gegen Großbritannien in Rio drei Jahre lang ungeschlagen gewesen war und in dieser Zeit alle WM-Titel abräumte. Doch je näher Tokio kam, desto mehr bröckelte die Dominanz. Der Achter, seit dem Olympiasieg 1960 in Rom unter dem legendären "Ruderprofessor" Karl Adam das deutsche Vorzeigeboot, war mit Johannes Weißenfeld, Laurits Follert, Olaf Roggensack, Torben Johannesen, Jakob Schneider, Malte Jakschik, Richard Schmidt, Ocik und Steuermann Martin Sauer selbstbewusst ins Rennen gegangen, konnte die ersten Spiele seit 2008 ohne deutsches Ruder-Gold aber nicht verhindern. Bereits am Donnerstag war Top-Favorit Oliver Zeidler auf dramatische Weise gescheitert.

Die Mannschaft von Bundestrainer Uwe Bender, die zuletzt dreimal in Folge WM-Gold gewonnen hatte, war bei der EM im Frühjahr mit Platz vier enttäuschend ins olympische Jahr gestartet, steigerte sich bei den folgenden Weltcups aber deutlich. Am vergangenen Freitag war der Achter mit einem überzeugenden Auftritt auf direktem Weg in den Endlauf eingezogen.

Bis heute gilt der Achter als nationales Erfolgssymbol. 1960 in Rom hatte das Großboot Olympiageschichte geschrieben, als es unter Adam die jahrzehntelange Vorherrschaft der USA beendete. 1968 und 1988 folgten weitere Olympiasiege. Sechs Mal wurde der Deutschland-Achter zur Mannschaft des Jahres gewählt, nur die Fußball-Nationalmannschaft wurde häufiger ausgezeichnet. Doch 2012 bleibt der vorerst letzte Gold-Triumph. (tno/sid)